• Walter Gasperi

Die Adern der Welt


Bergbauprojekte internationaler Konzerne bedrohen den Lebensraum mongolischer Nomaden. – Die Erzählweise von Byambasuren Davaa, die immer wieder in Totalen die Schönheit dieser Gegend beschwört, aber auch deren Zerstörung sichtbar macht, ist nicht polemisch, sondern poetisch und ruhig, die Aufforderung zum Umdenken dennoch eindringlich.


Ein Insert im Nachspann informiert, dass ein Fünftel der Mongolei für den Rohstoffabbau ausgewiesen ist und vor allem große internationale Konzerne hier aktiv sind. Dabei vermittelt die Totale, die nach den drei Dokumentarfilmen "Die Geschichte vom weinenden Kamel", "Die Höhle des gelben Hundes" und "Das Lied von den zwei Pferden" den ersten Spielfilm von Byambasuren Davaa eröffnet, den Eindruck einer nahezu unberührten weiten Naturlandschaft: Der Himmel ist hoch, das Land, das von einer Bergkette begrenzt wird, weit. Nur eine Jurte am Bildrand gibt Zeugnis, dass die Gegend bewohnt ist - und bald auch ein Auto, das sich langsam mit Staubwolke dem Bildvordergrund nähert.


Einen Mercedesstern hat Erdene (Yalalt Namsrai) auf sein selbst gebautes rotes Cabrio montiert, doch die Familie kämpft am Existenzminimum. Das Idyll trügt nämlich und bald machen genauere Blicke auf die Landschaft die Zerstörungen durch den Bergbau sichtbar. Gewaltige Trucks transportieren Bagger durch die Gegend, die Grasfläche ist von schlammigen Narben durchzogen, weite Flächen sind umgewühlt.


Während Erdenes Frau Zaya (Enerel Tumen) mit der kleinen Tochter die Ziegen hütet, repariert er selbst bei anderen Bewohnern der Gegend Motoren und verkauft auf dem Markt den Ziegenkäse. Zunehmend sieht Zaya aber ihr Leben durch den Bergbau bedroht, möchte die Abfindung des Konzerns annehmen und wegziehen. Erdene ist aber dagegen, da er glaubt, dass die Konzerne nach ihrem Abzug die versprochene Renaturierung nie durchführen und die Gegend vergiften werden. Geteilt ist auch die Meinung beim Nomadenrat, der sich bei Erdene versammelt, denn mehrere Bewohner haben die Abfindung schon angenommen.


Der zwölfjährige Sohn Amra (Bat-Ireedui Batmunkh), den der Vater täglich zur Schule fährt, während seine Mitschüler teilweise im Internat leben, träumt dagegen von der Teilnahme am TV-Wettbewerb "Mongolia´s Got Talent“, für den man sich in der Schule anmelden kann. Er will das Lied „Goldene Adern“ des Uropas singen, das von einer Welt handelt, als es noch keine Gier gab und die Erde nicht ausgebeutet wurde.


Gegensätze treffen nicht nur mit den ursprünglichen Nomaden und den Bergbaugesellschaften, deren Akteure weitgehend unsichtbar bleiben, aufeinander, sondern auch innerhalb der nomadischen Gesellschaft mit der einfachen Lebensweise einerseits, aber permanentem Handygebrauch der Kinder andererseits. Schwer erschüttert wird Amras Leben dabei bald durch ein tragisches Ereignis.


Eine einfache Geschichte erzählt Davaa und erzählt sie auch geradlinig und einfach. Nichts wird hier dramatisiert, sondern viel Zeit lässt sich die 50-jährige Mongolin für die geduldige Schilderung des Alltäglichen. Sie vertraut auf die Kraft der großartigen Bilder ihres libanesischen Kameramanns Talal Khoury, auf ihre markanten, von unverbrauchten Schauspielern gespielten Charaktere und den Gegensatz von Natur und einem Leben in Einklang mit der Natur und gierige Ausbeutung der Ressourcen.


Konservativ mag der Traum von einer früheren, heilen Welt sein, der in Amras Lied zum Ausdruck kommt, aber allein durch den ruhigen Fluss der Bilder und den Gegensatz dieser majestätischen Natur und ihrer barbarischen Zerstörung brennt sich dieses leise, aber intensive Plädoyer für den Schutz der bedrohten Erde nachdrücklich ins Gedächtnis ein.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan, Kinotheater Madlen, Heerbrugg (17.5.)


Trailer zu "Die Adern der Welt"