• Walter Gasperi

Die 27. Etage - Mirage


Der von Gregory Peck gespielte Protagonist kann sich an nichts erinnern. Während er verzweifelt versucht, Licht in diese Leerstelle zu bringen, wird er gleichzeitig von Gangstern verfolgt. Edward Dmytryks ebenso spannender wie faszinierender Thriller aus dem Jahr 1965 ist bei Koch Films auf Blu-ray erschienen.


Harte, abgehackte Klänge werden zu Beginn zum Schwenk über das nächtliche New York langsam von sanfter Musik abgelöst. Die Romantik, die letztere andeuten, bleibt aber sparsam dosiert, im Zentrum steht die tiefe Verunsicherung eines Menschen, der sein Gedächtnis und damit auch seine Identität verloren hat.


Ganz aus der Perspektive des von Gregory Peck gespielten David Stillwell erzählt Edward Dmytryk. Wie dieser muss der Zuschauer langsam die Puzzleteile zusammenfügen und so zur Identität dieses Mannes vordringen. Keine Vorgeschichte gibt es, sondern ansatzlos setzt "Die 27. Etage" mit einem Stromausfall in einem New Yorker Wolkenkratzer ein.


Die Menschen versuchen sich im Dunkel zu orientieren, während ein allseits geschätzter Wirtschaftsboss, der sich für den Weltfrieden einsetzte, in der 27. Etage aus dem Fenster stürzt. Stillwell wird im Stiegenhaus von einer Frau angesprochen. Sie behauptet ihn zu kennen, doch er kann sich nicht erinnern. Er folgt ihr ins vierte Untergeschoß, muss aber wenig später erfahren, dass der Wolkenkratzer gar keinen Keller hat.


Dieser Abstieg wird zwar später in einen inhaltlichen Zusammenhang gestellt, doch wichtiger scheint er als Metapher für das Unbewusste. In seiner Wohnung wird Stillwell von einem Gangster bedroht, kann ihn aber überwältigen. Anzeigen möchte er die Tat bei der Polizei, doch müsste er dabei Geburtsdatum und Geburtsort nennen – aber nicht einmal daran kann er sich erinnern. Wenig Erfolg hat er bei einem Psychiater, den er über seinen Gedächtnisverlust befragt, Unterstützung findet er aber bei einem Detektiv (Walter Matthau).


Immer wieder begegnet er auch der undurchschaubaren Sheila (Diane Baker), während die Verfolgung durch die Gangster zunehmend härter wird. Doch die Erinnerung will sich kaum einstellen und mit Stillwell wird der Zuschauer mit der Frage gemartert, was Wahrheit und was – dem Originaltitel "Mirage" entsprechend – Täuschung und Trugbild ist.


Passend zu diesem Sumpf der Gedächtnislosigkeit dominieren Grautöne den Schwarzweißfilm und ungeschminkt fängt die Kamera von Joseph MacDonald New York ein. An Hitchcocks beste Thriller erinnert dieser Alptraum, in den Dmytryk seinen Protagonisten und damit auch den Zuschauer stürzt. Diese Reminiszenzen ergeben sich auch durch die Besetzung der Hauptrolle mit Gregory Peck. Direkt an seine Rolle in Hitchcocks 20 Jahre zuvor entstandenem "Spellbound – Ich kämpfe um dich" knüpft er mit diesem gedächtnislosen Mann an.


Spannung entsteht auch dadurch, dass Stillwell – und damit eben auch der Zuschauer – bei der Recherche nach seiner Vergangenheit ganz auf sich gestellt ist. Aufgrund seines Gedächtnisverlusts gibt es logischerweise keine Verwandten oder Freunde, die er anrufen könnte. Nur ein Portier in einem Wolkenkratzer scheint ihn noch zu kennen.


Eindringlich lässt Dmytryk so den Zuschauer die Destabilisierung durch Gedächtnisverlust erfahren, gleichzeitig wird die Spannung dadurch erhöht, dass Stillwell in ein Verbrechen verwickelt zu sein scheint. Geschickt weckt auch bald ein stilisiertes Bild von zwei Männern auf einem Golfplatz Interesse, aber auch Irritation, denn es wird erst am Ende in seinen Kontext gestellt.


Vom individuellen psychologischen Thriller entwickelt sich "Die 27. Etage" dabei auch zum Politthriller, der die vor allem kurz nach der Kuba-Krise sehr präsente Angst vor einem Atomkrieg thematisiert und dem Profitstreben durch Produktion neuer Waffen das Bemühen um den Weltfrieden gegenüberstellt. Konventionell fällt zwar das Finale aus, in dem sich alles aufklärt, bis dahin ist dies aber ein für die 1960er Jahre kühner und auch heute noch aufregender und dichter Thriller.


An Sprachversionen bietet die bei Koch Films erschienene Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras umfassen neben dem Trailer, einer Bildergalerie und einem Interview mit der Hauptdarstellerin Diane Baker vor allem einen ausführlichen, aber nur englischen und sehr schnell gesprochenen Audiokommentar.


Trailer zu "Die 27. Etage - Mirage"