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  • AutorenbildWalter Gasperi

Der Zopf - La Tresse (The Braid)

Laetitia Colombani erzählt in der Verfilmung ihres eigenen Bestsellers von drei Frauen in Indien, Süditalien und Kanada, die trotz Schicksalsschlägen um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen: Mehr in Hochglanzbildern schwelgende, oberflächliche Soap-Opera als engagiertes Kino.


2002 legte Laetitia Colombani mit "À la folie … pas du tout! - Wahnsinnig verliebt" einen starken Psychothriller vor, bei dem ein Perspektivenwechsel etwa in der Mitte die Zuschauer:innen zwang, das zuvor Gesehene plötzlich ganz anders zu bewerten. Nur noch ein Spielfilm folgte danach 2008 mit "Mes stars et moi", dafür gelang der 1976 geborenen Französin 2016 mit dem Roman "Der Zopf – La Tresse" ein Bestseller, auf den sie 2019 mit "Das Haus der Frauen" und 2021 mit "Das Mädchen mit dem Drachen" zwei weitere Romane folgen ließ, die sich ebenfalls zu Bestsellern entwickelten.


Nun hat Colombani selbst ihren Debütroman verfilmt, doch vom Raffinement und der Intelligenz ihres Spielfilmdebüts ist hier leider nichts mehr zu finden. Parallel erzählt sie von drei Frauen, die auf unterschiedlichen Kontinenten trotz persönlicher Schicksalsschläge und gesellschaftlicher Hindernisse nicht aufgeben.


Da gibt es die Inderin Smita (Mia Melzer), die als Angehörige der Kaste der "Unberührbaren" Latrinen reinigen muss, sich aber für ihre Tochter eine bessere Zukunft erhofft. Während ihr Mann die gesellschaftlichen Beschränkungen hinnimmt, setzt sie sich zur Wehr und flieht mit ihrer Tochter, um im Süden des Landes bessere Lebensbedingungen zu finden und ihre Tochter auf eine Schule schicken zu können.


In Süditalien wird die junge Giulia (Fotini Peluso) zunächst von einem schweren Unfall ihres Vaters erschüttert, ehe die Erkenntnis folgt, dass das Familienunternehmen, in dem Perücken hergestellt werden, vor dem Bankrott steht. Im kanadischen Montreal genießt dagegen die Anwältin Sarah (Kim Raver) höchstes Ansehen in einer großen Kanzlei und kümmert sich gleichzeitig als alleinerziehende Mutter liebevoll um ihre drei Kinder, bis eine Krebsdiagnose ihr strukturiertes Leben durcheinanderbringt.


Häppchenweise werden in immer kürzeren Szenen die drei Geschichten, die im Original in den Sprachen Hindi, Italienisch und Englisch (obwohl Montreal im Grunde französischsprachig ist) gehalten sind, weiterentwickelt. Dass sie miteinander verbunden sind, soll schon am Beginn der Zopf andeuten, den Smita ihrer Tochter flechtet. Im Grund verlaufen die Geschichten aber völlig unabhängig voneinander.


Schematisch folgt so einem dramatischen Moment immer wieder der Sprung auf den anderen Kontinent und zur nächsten Protagonistin und auch der immer schnellere Schauplatzwechsel führt zu keiner Verschränkung der drei Episoden.


Potential hätten die einzelnen Geschichten durchaus, doch in der Fülle wird nichts wirklich entwickelt, bleiben sie im Oberflächlichen einer Soap-Opera stecken. So wirkt die Schilderung der indischen Gesellschaft durch die Europäerin Colombani nicht authentisch und auch das stets gepflegte Gesicht und die sauberen Kleider der der untersten Gesellschaftsschicht angehörigen Sita wirken wenig glaubwürdig.


Viel zu postkartenmäßig geschönt sind die in warmes Licht und leuchtende Farben getauchten Bilder der in Wahrheit doch bedrückenden Lebensverhältnisse auf dem asiatischen Subkontinent. Ein pittoreskes apulisches Städtchen mit Altstadt und Meer bestimmt dagegen die Geschichte um die Italienerin Giulia, während die Welt der Großstädterin Sarah von in kalte Blau- und Grautöne getauchter Designer-Wohnung und Wolkenkratzern mit Glas- und Stahlfassaden sowie modernen Büroräumen bestimmt ist.


Wie aus dem Katalog entnommen wirken die drei unterschiedlichen Settings, bleiben steril und lassen nie Atmosphäre aufkommen. Emotionen sollen durch dramatische Wendungen geschürt werden, doch dabei gleitet "Der Zopf" nicht zuletzt durch Ludovico Einaudis penetrante musikalische Untermalung immer wieder in Kitsch ab.


Ehrenwert ist Colombanis Anliegen, die Schwierigkeiten aufzudecken, denen Frauen ausgesetzt sind, und die Entschlossenheit zu feiern, mit der sie gegen gesellschaftliche Widerstände ankämpfen und sich behaupten. Doch zu einfach gestrickt ist dieser Film, lässt alle Zwischentöne und jede differenzierte Ausleuchtung der gesellschaftlichen Bedingungen und von Situationen und Beziehungen vermissen, sodass nur hohles Hochglanzkino bleibt.


Auch das Ende, bei dem die drei Schicksale nun wirklich verknüpft werden, wirkt nicht nur abstrus, sondern transportiert völlig unkritisch die globalen sozialen Ungleichheiten: Soll es wirklich ein Happy End sein, wenn das in Indien von Smita und ihrer Tochter als Opfergabe gespendete Haar in Apulien in Giulias Atelier zu einer Perücke verarbeitet wird, die dann in Montreal von Sarah nach ihrer Chemotherapie gekauft wird?


Der Zopf – La Tresse Frankreich / Kanada / Italien /Belgien 2023 Regie: Laetitia Colombani mit: Mia Maelzer, Fotinì Peluso, Kim Raver, Sajda Pathan, Avi Nash, Manuela Ventura, Francesco Marinelli, Sarah Abbott, Adrian Doroslovac, Dorian Doroslovac Länge: 121 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn, Kinok St. Gallen und Skino Schaan

TaSKino Feldkirch im Kino GUK: Fr 29. 3. bis So 31.3.

Kinotheater Madlen, Heerbrugg: Sa 23.3., 18.45 Uhr (Kinodinner) + Mo 1.4., 20.15 Uhr


Trailer zu "Der Zopf - La Tresse" ("The Braid")




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