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  • AutorenbildWalter Gasperi

Der vermessene Mensch


Lars Kraume erzählt schonungslos vom Völkermord der deutschen Kolonialmacht an den südwestafrikanischen Herero und Nama zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Konventionelles Erzählkino, das aber packend und erschütternd an einen dunklen Fleck der deutschen Geschichte erinnert.


Während das Dritte Reich auch im deutschen Kino inzwischen eine intensive Auseinandersetzung erfahren hat, wurde an die Gräuel des Imperialismus und im Speziellen an den Völkermord an den Herero und Nama (1904 - 1908) im damaligen Deutsch-Südwestafrika bislang kaum erinnert. Eine Ausnahme bildet hier Egon Günther, der sich nach Uwe Timms Roman "Morenga" 1985 in einem gleichnamigen dreiteiligen Fernsehfilm diesem Thema widmete.


Lars Kraume hat sich schon mit "Der Staat gegen Fritz Bauer" (2015) und "Das schweigende Klassenzimmer" (2017) als Spezialist für wenig bekannte Kapitel der deutschen Geschichte erwiesen. Während er in "Der Staat gegen Fritz Bauer" vom Kampf der deutschen Behörden der Adenauerzeit gegen den Versuch des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, NS-Größen juristisch zu belangen, erzählte, erinnerte er in "Das schweigende Klassenzimmer" an das harte Durchgreifen der DDR-Behörden gegen eine Schulklasse, die mit einer Schweigeminute gegen die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 1956 protestierte.


Standen hier immer positive Figuren im Zentrum, so erzählt Kraume in "Der vermessene Mensch" im Gegensatz zu Timm bzw. Günther, die mit Jakobus Morenga (um 1875 – 1907) einen Anführer des Aufstands der Indigenen ins Zentrum stellten, aus der Täterperspektive.


Faszinierend ist der Vorspann, der mit im Zickzack über eine einfärbige Fläche gezogenen Linien einfach gehalten ist, bis mit einem Sprung in die Totale das Leitmotiv des Films prägnant eingeführt wird.


Die Handlung lässt Kraume im Berlin des Jahres 1896 einsetzen und fokussiert von Anfang an auf dem fiktiven jungen Ethnologen Alexander Hoffmann (Leonard Scheicher). Während sein ebenfalls fiktiver Professor von Waldstätten (Peter Simonischek) eine Darwins evolutionistische Rassentheorie vertritt, nach der die weiße Rasse den Afrikaner:innen überlegen ist, erfährt Hoffmann mit seiner These, dass die Unterschiede nur durch kulturelle, soziale und klimatische Faktoren bedingt seien, Ablehnung.


Während andere in den indigenen Herero und Nama, die bei der Berliner Kolonialausstellung wie Zirkustiere vorgeführt, präsentiert, studiert und vermessen werden, nur Wilde sehen, will Hoffmann mit ihnen in ein echtes Gespräch kommen. Vor allem die junge Dolmetscherin Kezia Kambazembi (Girley Charlene Jazama) fasziniert ihn.


Acht Jahre später hat Hoffmann aufgrund seiner nicht opportunen wissenschaftlichen Meinung die angestrebte Doktoranden-Stellung immer noch nicht erhalten, will aber die Gelegenheit nützen, mit einer Forschergruppe die kaiserliche Armee bei der Niederschlagung des Aufstands der Herero und Nama zu begleiten. Mit den Augen Hoffmanns lernen die Zuschauer:innen so sukzessive die Gräuel dieses Völkermords kennen, dem 40.000 bis 60.000 Herero und 10.000 Nama zum Opfer fielen.


So lernt er die brutale Kriegsführung von General Lothar von Trotha kennen, der erklärt dass keine Überlebenden und Gefangenen gemacht werden sollen und die Indigenen in die Kalahari getrieben und von Wasserstellen ferngehalten werden sollen. Sein Weg führt in ein Konzentrationslager, in dem die Gefangenen unter bedrückenden Verhältnissen dahin vegetieren, ebenso wie in eine Missionsstation, in der die Indigenen aber kaum geschützt sind vor dem Zugriff des Militärs, und am Ende an einen Ort, an dem wiederum der leitmotivische Schädel eine schockierende Rolle spielt.


So ist "Der vermessene Mensch", dessen Titel doppeldeutig auf die mathematische Vermessung des Menschen wie auf menschliche Vermessenheit verweist, im Kern auch eine Reise ins Herz der menschlichen Finsternis. Dabei erzählt Kraume auch von einer Wandlung Hoffmanns, der zunächst als Philanthrop erscheint, sich aber sukzessive korrumpieren lässt. Vom Beobachter, der das Schlimmste verhindern will, wird er so immer mehr zum Mitläufer und schließlich auch zum Täter, der alle moralischen Grenzen überschreitet, um doch noch eine wissenschaftliche Karriere zu machen.


So prangert Krause nicht nur den Völkermord an, sondern diskutiert auch die Rolle der Wissenschaft und der christlichen Kirchen während des Kolonialismus und Imperialismus. Denn da mag sich der Missionar noch so sozial geben, im Grunde unterstützen die Kirchen das kolonialistische System oder bereiteten es durch Missionierung der Indigenen sogar vor.

Eindrücklich zeigt Kraume auch, wie sich die Wissenschaft hier in den Dienst der Kolonialherren stellt und neue Erkenntnisse unterschlägt, um die These von der Überlegenheit der weißen Rasse nicht zu untergraben.


Wie in "Der Staat gegen Fritz Bauer" und "Das schweigende Klassenzimmer" gelingt es Kraume dabei auch hier konventionelles, aber packendes Erzählkino zu bieten und gleichzeitig an einem Einzelschicksal ein bedrückendes geschichtliches Kapitel zwar nicht differenziert, aber eindrücklich und erschütternd aufzuarbeiten.


Immer wieder neue Wendungen halten dabei die Spannung hoch und Landschaftstotalen der afrikanischen Wüste bieten Augenfutter, ohne dass die Kraft dieser Bilder den ernsten Hintergrund vergessen lässt. Sichtbar wird aber auch nicht erst im Nachspann, dass schon um die Jahrhundertwende die Wurzeln zur Rassentheorie der Nationalsozialisten gelegt wurden, und erinnert wird auch daran, dass immer noch zahllose Schädel von Herero und Nama in deutschen Museen gelagert werden.


Bedauern kann man, dass die Opfer hier kaum Profil gewinnen. Geschuldet ist dies aber der Täterperspektive. Diese wiederum ist freilich konsequent, denn ein deutscher Regisseur kann fast nur aus diesem Blickwinkel erzählen, spannend wäre aber auf jeden Fall auch ein Film aus der Sicht der Herero und Nama.



Der vermessene Mensch Deutschland 2023 Regie: Lars Kraume mit: Leonard Scheicher, Girley Charlene Jazama, Peter Simonischek, Sven Schelker, Max Koch, Ludger Bökelmann, Leo Meier, Paulus Anton Länge: 116 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Kinotheater Madlen in Heerbrugg.


Trailer zu "Der vermessene Mensch"



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