• Walter Gasperi

Der Schneeleopard - La Panthère des Neiges


Der Reiseschriftsteller Sylvain Tesson begleitet den Tierfotografen Vincent Munier im Hochland von Tibet bei der Suche nach dem vom Aussterben bedrohten Schneeleoparden: Ein atemberaubend schöner Film, der sowohl Ode an die Schönheit der Natur als auch Warnung vor ihrer Zerstörung ist.


Mit einer Hütte im weiten Hochland von Tibet setzt Marie Amiguets und Vincent Muniers Dokumentarfilm ein und nie wird "Der Schneeleopard" diese abgeschiedene, zwischen 4000 und 5000 Meter hoch gelegene Region verlassen. Man kann die Kälte hier förmlich spüren, wenn der Atem der in dicke Jacken gepackten Männer aus den Mündern dampft oder Wasserdampf über den Flüssen aufsteigt. Bestätigt wird der Eindruck durch eine Anzeige auf einer Videokamera, die einmal minus 9°, einmal aber auch beachtliche minus 25° anzeigt.


Vermittlerfunktion hat hier der Reiseschriftsteller Sylvain Tesson. Er führt als Begleiter und Freund des Natur- und Wildlifefotografen Vincent Munier die Zuschauer*innen durch die Region bei der Suche nach dem Schneeleoparden. Spannung wird auch dadurch aufgebaut, dass ungewiss ist, ob das Duo und damit auch das Publikum das scheue Tier in den folgenden 90 Minuten überhaupt zu Gesicht bekommen wird. Nur noch rund 4000 bis 6400 Exemplare gibt es von dieser Spezies, denn der wertvolle Pelz macht den Schneeleoparden zu einem beliebten Jagdobjekt.


Im Hinterkopf denkt man dies immer mit, offen angesprochen wird diese Gefährdung im Film aber nicht. In atemberaubenden Bildern feiern Amiguet und Munier vielmehr die Schönheit der Natur in dieser abgeschiedenen Region. Großartig werden nicht nur die weiten, sandbraunen Ebenen und die rotbraunen Felsen, sondern auch das je nach Tageszeit wechselnde Licht und die Verwandlung der Landschaft durch Schneefall eingefangen.


Vor diesem grandiosen Hintergrund, der Fernweh weckt, spielt sich die Suche nach dem Schneeleoparden ab. Andere Tiere sind es dabei aber, die Tesson und Munier zunächst entdecken und an die sie sich leise und nur flüsternd sprechend anschleichen: Tibetantilopen huschen in rasend schnellem Lauf über die Berghänge, ein Tibetfuchs bricht bei der Suche nach Beute einen Hasenbau auf, eine Pallaskatze streift vorsichtig durchs Gras, mächtige wilde Yaks ziehen vorbei und auch eine Bärenfamilie nähert sich der Kamera. – Wie die Landschaft feiert der Film auch die Tiere mit fantastischen Bildern und immer wieder wird diese Hymne durch eingeschnittene Fotos Muniers akzentuiert und verdichtet.


Gesteigert wird die Kraft dieser Bilder aber auch durch die großartige Musik von Warren Ellis und Nick Cave. Immer wieder intensivieren diese Klänge und Nick Caves Titelsong "We are not alone" die Naturbilder und verleihen ihnen Nachdruck.


Gleichzeitig reflektiert Tesson im Voice-over über die Geduld, die diese Suche nach dem scheuen Tier lehrt. Aber er betont auch die Demut, zu der diese Schönheit auffordert, und übt Kritik am menschlichen Raubbau. Wie er diese Reise im Bestseller "Der Schneeleopard" verarbeitet hat, so hat Munier seine Fotos im Bildband "Zwischen Fels und Eis" veröffentlicht.


Fern ist hier jede Zivilisation, unberührt scheint diese Region und außer drei Nomadenkindern, die einmal die beiden Europäer bei ihrer Fotopirsch besuchen, kommen keine Menschen vor. Unsichtbar bleibt so auch die Regisseurin Marie Amiguet, der Fokus liegt ganz auf den beiden Männern und der überwältigenden Natur.


In der menschenleeren Weite wird der "Der Schneeleopard" so auch zu einem Film über die Stille und über ein zurückhaltendes, sich unterordnendes und nicht besitzergreifendes Auftreten des Menschen. Mehrere Wochen Zeit nehmen sich Munier und Tesson, machen in einer Höhle Spuren anderer Tiere ausfindig, stellen eine Videofalle auf, mit der sie hoffen nachts den Schneeleoparden zu filmen.


Äußerst geschickt ist dieser Dokumentarfilm auch mit der langsamen Annäherung an das gesuchte Tier aufgebaut. Ob man dieses auch zu Gesicht bekommt, ist schließlich gar nicht mehr so wichtig. Zentral ist die Botschaft, für die Erhaltung der Erde zu kämpfen, die Tesson am Schluss nochmals formuliert, auch wenn sein Voice-over zu ausladend und teilweise mehr störend als hilfreich ist. Denn weit mehr als sein Kommentar wirken die erhabenen und majestätischen Bilder, die am Beispiel des tibetischen Hochlands eindrücklich die Schönheit der Natur beschwören und feiern, aber auch daran erinnern, wie viel der Mensch andernorts schon zerstört hat.


Nachhaltig wirkt das angesichts der Bildkraft dieses vielfach preisgekrönten Films, andererseits ist aber auch davon auszugehen, dass der Erfolg von "Der Schneeleopard" den Tourismus in diese abgeschiedene Region ankurbeln wird und somit letztlich auch wieder zur Zerstörung der archaischen Ursprünglichkeit und Stille beitragen wird.



La Panthère des neiges – Der Schneeleopard Frankreich 2021 Regie: Marie Amiguet, Vincent Munier Dokumentarfilm Länge: 92 min.


Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan


Trailer zu "Der Schneeleopard - La Panthére des Neiges"