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Der Mann, der sein Gehirn austauschte – The Man Who Changed His Mind

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 21 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
"Der Mann, der sein Gehirn austauschte": Boris Karloff als Mad Scientist in einem starken britischen Horrorfilm der 1930er Jahre
"Der Mann, der sein Gehirn austauschte": Boris Karloff als Mad Scientist in einem starken britischen Horrorfilm der 1930er Jahre

Ein von der Fachwelt abgelehnter Gehirnspezialist entwickelt eine Methode, mit der er die Gedanken und den Charakter von einem Menschen auf einen anderen übertragen kann. – Bei Pidax Film ist Robert Stevensons 1936 entstandener kompakter Horrorfilm auf DVD und Blu-ray erschienen.


Nur 63 Minuten lang ist Robert Stevensons 1936 in England gedrehter Horrorfilm, hoch ist folglich das Erzähltempo vor allem am Beginn. Nach dem durch Bilder der Schauspieler:innen unterstützten Vorspann wirft der britische Regisseur die Zuschauer:innen mit einer Operation schon mitten hinein ins Geschehen.


Unmittelbar danach erklärt die junge Ärztin Clare Wyatt (Ann Lee) ihrem Chef, dass sie eine neue Stelle beim einst geachteten, aber inzwischen als verrückt geltenden Gehirnspezialisten Dr. Laurience (Boris Karloff) annehmen werde. Schon packt sie die Koffer, verbietet ihrem Verlobten, sie bei der Reise zum Landhaus von Dr. Laurience zu begleiten, sitzt im Zug, wird von einem Kutscher am Bahnhof abgeholt, der sie zum Haus des Arztes bringt.


Nicht nur ungemein stringent und ökonomisch ist die Erzählweise, sondern Stevenson präsentiert mit Clare auch eine unabhängige Frau, die sich von ihrem Verlobten nichts sagen lässt, seinen Heiratsantrag ablehnt und Karriere machen will. Gleichzeitig wird der modernen Stadt mit dem verwachsenen Haus, in dem Laurience allein mit seinem auf einen Rollstuhl angewiesenen Freund Clayton lebt, eine vergangene Welt gegenübergestellt, in der sich auch mit Nebelschwaden wohliger Gothic Horror einstellt.


An "Dracula" erinnert, wie die Dorfbevölkerung das Haus meidet und vom Wahnsinn von Laurience erzählt. Auch Clare ist geschockt, als der Arzt ihr mit einem Experiment demonstriert, wie er den Charakter und die Gedanken eines Schimpansen mittels Stromstößen auf einen Artgenossen überträgt. Gleichzeitig ist sie aber auch von diesem visionären Mad Scientist und seinen Apparaturen fasziniert.


Aber auch der Vater ihres Verlobten, der ein Medienmogul ist und zudem ein Forschungszentrum finanziert, interessiert sich nach der Lektüre eines Zeitungsartikels für den Gehirnspezialisten. Er lädt Laurience ein, seine Forschungen in dem modernen Labor seines Instituts fortzusetzen, kann er dadurch doch auch in seiner Zeitung exklusiv sensationelle Nachrichten publizieren.


Laurience entwickelt aber zunehmend eine kriminelle Energie und will seine Versuche an Menschen durchführen, um die Persönlichkeit – oder auch die Seele – körperlich gebrechlicher und älterer Menschen in gesunde und junge zu übertragen…


Geschickt lässt Stevenson mit dem Wechsel vom Landhaus in die Stadt kühlen Wissenschaftshorror an die Stelle von atmosphärischem Gothic Horror treten. Aber auch Humor bleibt beim Persönlichkeitsaustausch nicht aus, muss sich die Versuchsperson doch in die ihr bislang völlig unbekannte Welt ihres "Wirts" einfinden.


Dichte gewinnt "Der Mann, der sein Gehirn austauschte", an dem auch die für die 1930er Jahre dynamische Kameraarbeit von Jack Cox auffällt, nicht nur durch die rasante, fast schon gehetzte Erzählweise, sondern auch durch die Konzentration auf fünf Figuren. Um das von Boris Karloffs stark gespielten Laurience und Ann Lees junger Clare gebildete Zentrum kann Stevenson mit Lauriences Freund und Assistenten auf der einen Seite und Clares Verlobtem und dessen Vater auf der anderen Seite kompakt seine Geschichte vorantreiben.


Neben dem Spannungsfeld von Wissenschaft zwischen Fortschritt und Wahnsinn wird dabei beiläufig auch die Macht der Medien angeschnitten und mit einer für die damalige Zeit ungewöhnlich selbstständigen Protagonistin, die nicht auf die Hilfe eines Mannes angewiesen ist, sondern selbst versuchen wird Dr. Laurience zu stoppen, überrascht und überzeugt auch das Frauenbild.


An Sprachversionen bieten die bei Pidax Film erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung, aber keine Untertitel. Die Extras umfassen einen Audiokommentar von Lars Dreyer-Winkelmann, der nicht nur immer wieder Filmszenen genau analysiert, sondern auch auf den Horrorfilm der 1930er Jahre sowie auf die Zensur in den USA und Großbritannien eingeht und Informationen zum Regisseur und den Schauspieler:innen bietet.


Dazu kommen als Bonusfilm der 1984 entstandene dystopische deutsche Fernsehfilm "Die Rückkehr der Zeitmaschine", ein 14-minütiges, nicht untertiteltes, aber gut verständliches englisches Interview mit Boris Karloffs Tochter Sara, das vor allem auf dem Horrorfilm "The Dark Old House" und der Leistung des Maskenbildners Jack Pierce fokussiert, sowie eine Bildergalerie.

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