• Walter Gasperi

Der große Außenseiter: Terence Davies


Terence Davies (geb. 1945)

Seit 1976 dreht der 1945 geborene Brite Terence Davies Filme, doch außerhalb von Festivals sind sie kaum einmal zu sehen. Mit seiner asketischen und ruhigen Erzählweise verweigert er sich radikal den Überwältigungsstrategien des Kommerzkinos, erzählt aber immer wieder intensiv von Zeit und Erinnerung. Die heurige Viennale widmet dem herausragenden, aber wenig bekannten Filmemacher eine Retrospektive.


In seiner persönlichen Biographie fand der am 10. November 1945 als jüngstes von zehn Kindern in eine katholische Arbeiterfamilie in Liverpool geborene Terence Davies den Stoff für seine ersten Filme. Verarbeiten musste er diese Kindheit mit einem gewalttätigen Vater, das Gefühl von Scham und Schuld aufgrund seiner Homosexualität und die Außenseiterrolle in der Schule.


Keine Filmschule besuchte Davies zunächst, sondern arbeitete als Büroangestellter, begann dann eine Ausbildung an der Schauspielschule in Coventry. Zum Film kam er als das British Film Institute ein kurzes Drehbuch unter der Voraussetzung, dass er selbst Regie führt, förderte. So entstand 1976 der Kurzfilm "Children", erst danach besuchte er die National Film School und in den folgenden Jahren setzte er die Aufarbeitung seiner Kindheit mit den Kurzfilmen "Madonna and Child" (1980) und "Death and Transfiguration" (1983) fort. Zusammengefasst als "Terence Davies Trilogie" wurden sie 1984 beim Filmfestival von Locarno uraufgeführt und ex aequo mit Jim Jarmuschs "Stranger than Paradise" gewann dieses Langfilmdebüt den Goldenen Leoparden.


Während Jarmusch in der Folge freilich zur international gefeierten und auch vom Publikum geliebten Indie-Ikone aufstieg, avancierte Davies mit seinen folgenden Filmen "Distant Voices – Still Lives" (1988) und "The Long Day Closes" (1992) vor allem zum Kritikerliebling. In Erinnerungsmontagen arbeitete der Brite darin nicht nur seine traurige Kindheit und Jugend auf, in der Hollywoodfilme im Kino für wenige Glücksmomente sorgten, sondern zeichnet auch ein präzises Bild der Liverpooler Arbeiterschaft der späten 1940er und 1950er Jahre.


Seit Abschluss dieser drei autobiographischen Filme widmet sich Davies vor allem Literaturverfilmungen. Für "The Neon Bible" (1995) adaptierte er so zwar einen Roman des Amerikaners John Kennedy Toole, doch das reaktionäre Klima der amerikanischen Südstaaten um 1940, das darin geschildert wird, unterscheidet sich nicht sehr vom Liverpooler Arbeitermilieu.


Auch hier erzählt Davies nicht linear, sondern reiht im Stil von Erinnerungsfetzen kurze Szenen aneinander. Alles Nebensächliche wird ausgelassen und so fügen sich wie bei einem Puzzle die einzelnen Episoden, die teilweise nur aus einer einzigen kunstvoll komponierten und von den Bildern Edward Hoppers inspirierten Einstellung bestehen, zu einem umfassenden Bild der Unterdrückung der persönlichen Entfaltung und der daraus resultierenden Einsamkeit: brennende Kreuze und Männer in weißen Kapuzen weisen auf den Ku-Klux-Klan hin, ein Prediger hält eine Brandrede gegen gottlose Tanzveranstaltungen, der Vater kommt im Sarg aus dem Krieg zurück, erster Job im Gemischtwarenladen der Stadt, erstes Rendezvous mit einem Mädchen.


Zwar bettet Davies diese Szenen sehr genau in den gesellschaftlichen Hintergrund ein, wahrt aber gleichzeitig Distanz zu den Personen. Durch diese Zurückhaltung aber, sowie durch die kühle Stilisierung und die Verweigerung der Emotionalisierung, gewinnt "The Neon Bible" Allgemeingültigkeit und wird zu einem modellhaften Film über die Problematik der Adoleszenz.


Ein Porträt der New Yorker High Society zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeichnete er dagegen nach einem Roman von Edith Wharton in "The House of Mirth – House Bellomont" (2000). Wohl nicht zuletzt aufgrund der Besetzung der Hauptrolle mit Gillian Anderson, die damals aufgrund der Kult-Serie "Akte X" Starruhm genoss, fand dieser Film auch im deutschsprachigen Raum einen Verleiher und kam in der Folge in die Kinos.


Wie in allen Filmen von Davies geht es auch hier um das Streben nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung und gesellschaftliche Repression. Wie Davies selbst in seiner Kindheit ein Außenseiter war und auch als Filmemacher einer ist, wird die 30jährige Lily Bart zur Außenseiterin in der New Yorker Gesellschaft, weil sie sich nicht anpassen will. Der Preis dafür ist ein gesellschaftlicher Abstieg, der sich mit unerbittlicher Konsequenz vollzieht.


In der zurückhaltenden und beherrschten, geradezu statischen Inszenierung bringt der Brite Form und Inhalt kongenial zur Deckung. Starre Großaufnahmen dominieren, auf große Kamerabewegungen wird ebenso verzichtet wie auf dekoratives Beiwerk, statt Bewegung stehen die Dialoge im Zentrum. Durch nichts soll der analytische und genaue Blick auf die Figuren gestört werden und auch der sehr reduzierte Musikeinsatz hat strukturierende, nicht dramatisierende Funktion. Meisterhaft passt sich auch die Tonspur in ihrem Minimalismus der visuellen Askese an. Wenn dunkle Farben und halbdunkle Räume dominieren und gleißendes Licht nur draußen herrscht, dann verweist das auch auf diese Gesellschaft, die die Wahrheit verdeckt.


Wie das Werk von Davies in seiner formalen Strenge an das von Robert Bresson und Jean Marie Straub / Danielle Huillet erinnert, so verbinden ihn mit Bresson auch die wiederholte Schwierigkeit seine Filme zu finanzieren und dadurch erzwungene lange Arbeitspausen. Glaubte man, dass sich dies nach dem relativen Erfolg von "The House of Mirth" ändern würde, so war genau das Gegenteil der Fall. Erst acht Jahre später konnte er mit "Of Time and the City" (2008) seinen nächsten Film realisieren. Nochmals kehrt Davies damit in seine Heimatstadt Liverpool zurück und entwirft in diesem Dokumentarfilm vor allem mit alten Filmaufnahmen "eine Stadtgeschichte der Hoffnungen, der jugendlichen Träume und bewegenden Erinnerungen" (Viennale).


Ins gesellschaftlich rigide London der frühen 1950er Jahre entführt er dagegen mit der Verfilmung von Terence Rattigans Theaterstück "The Deep Blue Sea" (2011). Mit einer großartigen Rachel Weisz in der Hauptrolle als unglückliche Ehefrau, die auch in einer neuen Liebe kein Glück findet, entwickelt Davies hier einen grandiosen von Sehnsucht und Wehmut durchzogenen Bilder- und Tonteppich über das Begehren und das Zerbrechen von Beziehungen aufgrund unterschiedlicher Ansprüche an den anderen.


Um das Streben nach Unabhängigkeit und gesellschaftliche Vorgaben geht es auch am Beginn von "A Quiet Passion" (2015), in dem Davies das Leben der amerikanische Dichterin Emily Dickinson (1830 – 1886) nachzeichnet. Doch bald wird die Gesellschaft förmlich ausgesperrt, wenn sich die von "Sex of the City"-Star Cynthia Nixon großartig gespielte Dichterin aufs Anwesen der Familie bei Amherst, Massachusetts zurückzieht. Doch auch dort deckt die unaufgeregte Inszenierung die patriarchalen Strukturen auf, durch die die Frauen in ein enges Korsett gezwängt werden und durch die ihnen jede künstlerische Fähigkeit abgesprochen wird.


Nur sieben von Dickinsons 1775 Gedichte wurden so zu ihren Lebzeiten veröffentlicht und diese sieben wurden teilweise vom Herausgeber verändert. So reiht sich diese Dichterin in die Reihe der Davies´schen Außenseiterfiguren und dieser Aspekt wird wohl auch in Davies´ neuestem Film "Benediction" (2021), in dem er sich dem Leben des homosexuellen britischen Dichters Siegfried Sassoon (1886 - 1967) widmet, eine zentrale Rolle spielen.


Weitere Informationen und Spieldaten während der Viennale finden Sie hier.


Trailer zur "Terence Davies-Trilogy"