• Walter Gasperi

Der Glanz der Unsichtbaren - Les invisibles

Aktualisiert: Feb 21


Mit einem starken Ensemble aus Profischauspielerinnen und Laien beweist Louis-Julien Petit, dass man über Obdachlosigkeit und soziale Randständigkeit auch eine vitale Komödie drehen kann, die Selbstbewusstsein und weibliche Stärke feiert.


Sie nennen sich Lady Di, Salma Hayek, Beyoncé und Edith Piaf, sind aber keine Stars, sondern leben auf der Straße. Mit dynamischem Schnitt und beweglicher, hautnah geführter Kamera versetzt Louis-Julien Petit den Zuschauer direkt in die Welt dieser obdachlosen Frauen in Nordfrankreich. Ganz auf Augenhöhe mit ihnen und den Sozialarbeiterinnen, die sich bedingungslos für ihre Schützlinge einsetzen, ist der 35-jährige Franzose.


Ungeschminkt und dokumentarisch ist der Blick, nichts wirkt hier gekünstelt – und doch ist das ein Spielfilm, der freilich nie zum tristen Sozialdrama wird, sondern mit Witz und Kampfgeist den bedrückenden Verhältnissen den Stinkefinger zeigt. Mit der vitalen Erzählweise verhindert Petit, der ein Jahr lang in Obdachlosenheimen recherchierte, auch jegliches Abgleiten in Voyeurismus, vielmehr setzt er diesen Frauen ein Denkmal und gibt ihnen die Würde, die ihnen die Gesellschaft genommen hat, zurück.


Im Mittelpunkt stehen vier Sozialarbeiterinnen, denen erklärt wird, dass ihre Tagesstätte „L´Envol“, in denen die obdachlosen Frauen etwas zu essen bekommen und sich waschen und duschen können, wegen mangelnder Rentabilität in drei Monaten geschlossen wird. Als auch noch ein Zeltlager der Obdachlosen von der Polizei geräumt wird, bauen die Sozialarbeiterinnen die Tagesstätte illegalerweise zur Schlafstätte aus. Mit Workshops versuchen sie nicht nur das Selbstbewusstsein und die Selbstachtung der Frauen zu stärken, sondern sie auch noch vor Schließung von „L´Envol“ in den Arbeitsprozess zurückzuführen und ihnen so eine Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen.


Mit Chuzpe werden dabei auch Lebensläufe und Arbeitserfahrungen etwas verschönert, leicht ist das Unterfangen dennoch nicht, glaubt die bedingungslos ehrliche Chantal (Adolpha Van Meerhaeghe) doch bei jedem Vorstellungsgespräch zuerst erklären zu müssen, dass sie ihren Mann ermordet hat und deswegen im Gefängnis war.


Verzweifelt kämpft dagegen die Sozialarbeiterin Audrey (Audrey Lamy) um die junge Julie, die immer wieder aus dem Tageszentrum abhaut und dem Alkohol verfallen ist, vergisst dabei aber zeitweise fast ihr eigenes Leben wie auch ihre Kollegin Hélène (Noémy Lvovsky), die ihre Familie über den Einsatz für die sozial Schwachen arg vernachlässigt.


Ganz auf die Sozialarbeiterinnen und die obdachlosen Frauen beschränkt sich Petit in seinem dritten Spielfilm. Er entwickelt keine darüber hinausgehende stringente Kinogeschichte, sondern beschränkt sich ausgehend vom Geschehen in der Tagesstätte auf kleine Szenen und zeichnet starke und berührende Porträts. So gibt dieser Film, der in Frankreich über eine Million Zuschauer ins Kino lockte, diesen im Gegensatz zu ihren glamourösen Pseudonymen gesellschaftlich unsichtbaren Frauen ein Gesicht und lässt sie glänzen.


Aufgrund des empathischen Blicks von Petit wachsen dem Zuschauer dabei rasch die kantigen Charaktere mit ihren Eigenheiten und ihrem Witz ans Herz, aber auch die Sozialarbeiterinnen, die sich unermüdlich für diese vom Leben gebeutelten Frauen einsetzen und dabei auch Gesetze überschreiten, werden gefeiert.


Wesentlich zum Gelingen dieser starken Sozialkomödie trägt dabei neben dem ungeschönten Blick und der direkten und zupackenden Inszenierung auch die Mischung von professionellen Schauspielerinnen wie Audrey Lamy und Noémie Lvovsky und Laien bei, die Arbeitslosigkeit und Armut am eigenen Leib erfahren haben und teilweise sich selbst spielen.


Läuft ab 21. 2. in den österreichischen Kinos (z.B.: Kino Rio in Feldkirch, Cinema Dornbirn)


Trailer zu "Der Glanz der Unsichtbaren - Les invisibles"