• Walter Gasperi

Der Elefantenmensch


Mit dem im London des 19. Jahrhunderts spielenden Drama über den schwer entstellten John Merrick gelang David Lynch 1980 der internationale Durchbruch. Bei Studiocanal ist das humanistische Meisterwerk auf DVD und Blu-ray in 4K Ultra HD erschienen.


Eine ungewöhnliche Zusammenarbeit ergab sich, als Ende der 1970er Jahre alle Studios das Drehbuch, das David Lynch zusammen mit Christopher De Vore und Eric Bergren geschrieben hatte, ablehnten. Ausgerechnet Komödienspezialist Mel Brooks zeigte sich nämlich begeistert und wollte auch nach Sichtung von Lynchs abgründigem und ziemlich irrem Langfilmdebüt "Eraserhead" "Der Elefantenmensch" produzieren.


Während in anderen Filmen des 1946 geborenen Amerikaners wie "Lost Highway" oder "Mullholland Drive" die Linearität aufgebrochen wird, unterbrechen in "Der Elefantenmensch" nur einige Traumsequenzen die Erzählung. In kleinen Dosen gibt es mit dem surrealen Bilderrausch dieser kurzen Traumszenen auch nur das Verstörende, für das Lynch berühmt ist.


Statt diesem Blick auf das Abgründige steht im Zentrum der zutiefst empathische Blick auf den schwer deformierten John Merrick, der im Viktorianischen England des 19. Jahrhunderts (1862 – 1890) lebte. Ganz behutsam nähert sich Lynch diesem lange als Jahrmarktattraktion ausgestellten Mann (John Hurt). Rund 30 Minuten lässt er sich Zeit, bis er es wagt, dem Zuschauer Merrick mit all seinen Deformationen zu zeigen.


Nur schemenhaft sieht man ihn zunächst im Dunkel einer Jahrmarktsbude. Der Kopf ist verhüllt, als ihn der Chirurg Frederick Treves (Anthony Hopkins) ins Hospital bringt. Nur als Schatten hinter einem Leintuch sieht man ihn, als er bei einem Vortrag einem wissenschaftlichen Publikum präsentiert wird. Erst als eine Krankenschwester beim ersten Anblick Merricks geschockt aufschreit, bekommen auch wir ihn zu Gesicht.


So bedauernswert er ist mit seinen Geschwüren am Rücken, seinem lahmen rechten Arm und seinem übergroßen Kopf, der ihm nur erlaubt im Sitzen zu schlafen, da er sonst ersticken würde, so großartig ist die Maske von Christopher Tucker und das Spiel des dahinter quasi unsichtbar bleibenden John Hurt.


Doch "Der Elefantenmensch" ist nicht nur die Geschichte dieses geschundenen Menschen, in dem eine feinfühlige Seele steckt und der sich letztlich als ungleich menschlicher als viele Menschen erweist, sondern auch ein Diskurs über die condicio humana.


Dicht beschwört nämlich Kameramann Freddie Francis, der vor allem für seine Arbeit an Horrorfilmen der Hammer Studios berühmt ist, in Schwarzweißbildern die Atmosphäre des frühindustriellen London. Qualm aus Fabrikschloten und Dampflokomotiven verweist hier auf die neue Errungenschaft der Dampfkraft, überall brennen Feuer, deren Bändigung als etwas grundlegend Menschliches angesehen werden kann.


Doch während die Unterschicht nur dieses Feuer beherrscht, aber keine Empathie zeigt, sondern in Merrick eine Sensation sieht, mit der man Geld verdienen kann, legt Merrick selbst zunehmend andere Seiten zu Tage und führt damit vor, was erst den Menschen wirklich zum Menschen macht.


Kein Wunder ist es hier, dass einer, der mit Merrick sein Geschäft machen will, Heizer ist und bei seinem "Besitzer" das Feuer erlischt – er also quasi den letzten Rest an Menschlichkeit verliert -, als er sein Opfer wieder einmal brutal schlägt.


Merrick selbst dagegen muss erst langsam wieder das Sprechen lernen und auch Treves wird erst langsam erkennen, dass sein Patient nicht debil, sondern sehr gebildet und kultiviert ist. Durchaus ambivalent ist dabei auch der Blick auf Wissenschaft und obere Gesellschaft, denn auch Treves kommen Zweifel auf, ob er Merrick zu wissenschaftlichen Zwecken nicht auf ähnliche Weise ausstellt wie die Schausteller, und nachdem eine berühmte Schauspielerin (Anne Bancroft) – eine Influencerin des 19. Jahrhunderts - den Elefantenmenschen besucht hat, will sich alles, was Rang und Namen hat, ihn besuchen und sich mit ihm zeigen.


Aber nicht nur Sprachfähigkeit, die hier nach dem Feuer als zweites Kriterium des Menschlichen erscheint, entwickelt Merrick, sondern auch Interesse für Kunst, wenn er eine kleine Kathedrale bastelt, mit der Schauspielerin einen Dialog aus "Romeo und Julia" rezitiert und schließlich eine Theatervorstellung besucht. Wenn er, der immer ein Bild seiner Mutter bei sich trägt, gegen Ende aber erklärt "Mein Leben ist erfüllt, da ich weiß, dass ich geliebt wurde", wird als zentrale Eigenschaft des Menschen schließlich die Liebe präsentiert.


Ganz untypisch für Lynch ist "Der Elefantenmensch" dabei auch hemmungslos sentimental, aber nie verlogen, sondern geprägt von ehrlicher Anteilnahme und Mitgefühl. Nie gleitet der Film - nicht zuletzt dank der dichten Evokation des frühindustriellen London und der markant gezeichneten Typen - auch in konventionelle Bahnen ab, sondern fasziniert auch durch seine Andersartigkeit. Schon bei seiner Premiere 1980 war dieser Film förmlich aus der Zeit gefallen und ist es heute noch mehr. – Altern konnte dieses wunderbar ruhig erzählte, humanistische Meisterwerk damit von Anfang an kaum, sondern bewahrt vielmehr seine Schönheit und Kraft, aber auch seine inhaltliche Tiefe auf immer.


An Sprachversionen bieten die bei Studiocanal erschienene DVD und Blu-ray, bei denen 4K Ultra HD auch für perfekte Bildqualität sorgt, die englische Original- und die deutsche und französische Synchronfassung sowie Untertitel in diesen drei Sprachen. Die Extras umfassen Interviews unter anderem mit David Lynch, John Hurt und dem Produzenten Jonathan Sanger sowie ein Feature über den echten John Merrick.


Trailer zu "Der Elefantenmensch"