• Walter Gasperi

Der dritte Mann


Das zerbombte Wien der Nachkriegszeit, die Zithermusik von Anton Karas, Orson Welles als Harry Lime und Robert Kraskers expressiven Schwarzweißbilder. – Ein zeitloser Klassiker ist Carol Reeds 1948/49 gedrehter Thriller. Aus Anlass des 70. Geburtstags ist das Meisterwerk bei Studiocanal mit umfangreichem Bonusmaterial in einer „Limited 70th Anniversary Collector´s Edition“ in einem Digipak auf DVD und Blu-ray erschienen.


Am 31. August 1949 feierte Carol Reeds Verfilmung von Graham Greenes Drehbuch in London Premiere. Von Anfang an erhielt der Thriller gute Kritiken, doch während andere Filme oft altern und an Strahlkraft verlieren, gewann „Der dritte Mann“ mit den Jahren sogar an Faszination. Eindrücklich arbeitet auch Bert Rebhandl in seinem Buch „Der dritte Mann. Die Neuentdeckung eines Klassikers“, das anlässlich des 70. Geburtstags dieses Films erschien, den Detail- und Anspielungsreichtum, aber auch die modernen Implikationen von Carol Reeds Meisterwerk heraus.


Mögen die gekippten Kameraperspektiven und die expressive Schwarzweißfotografie von Kameramann Robert Krasker in den frühen 1950er Jahren teilweise manieriert gewirkt haben, so beeindruckend wirkt die Bildsprache mit ihrem Spiel mit Licht und Schatten und dem Wechsel von Totalen und Großaufnahmen heute. Dies liegt freilich auch an der bestechenden Bildqualität der 4K-Restauration.


Meisterhaft kontrolliert Reed das Tempo bei dieser Geschichte um den Amerikaner Holly Martins (Joseph Cotten), einen Autor billiger Westernromane, der ins in vier Sektoren geteilte und in Trümmern liegende Nachkriegs-Wien kommt, um seinen Freund Harry Lime (Orson Welles) zu besuchen. Spannung baut Reed auf, indem er den Auftritt von Lime, der als tot gilt, in Wahrheit aber untergetaucht ist und als schmutziger Penicillinschieber weiter die Fäden zieht, lange hinausschiebt.


Keine Helden gibt es hier. Während Martins, aus dessen Perspektive erzählt wird, als schwach und profillos erscheint, verleiht Orson Welles Harry Lime diabolische Größe. Legendär ist die „Kuckucksuhrrede“, die Welles selbst schrieb und in der Lime die künstlerische Blüte von Italien während der brutalen Zeit der Borgia positiv dem unproduktiven Frieden der Schweizer Demokratie gegenüberstellt.


Auch die von Alida Valli gespielte Anna Schmidt, eine ehemalige Freundin Limes, ist keine strahlende, glamouröse Frau, sondern eine tragische Figur. Kein Happy-End kann es hier geben und zu den vielen legendären Momenten des Films zählt die Schlusseinstellung auf dem Wiener Zentralfriedhof, in der Valli endlos lange auf einer Allee auf Joseph Cotten zu- und wortlos an ihm vorbeigeht.


Perfekt funktioniert aber auch das Zusammenspiel zwischen amerikanisch-englischen Schauspielern und österreichischen Darstellern in kleinen Nebenrollen. Diese Zweisprachigkeit und die meisterhafte Einbettung der Handlung ins zerstörte Nachkriegswien verleihen "Der dritte Mann" zusammen mit der visuellen Gestaltung und der Musik, die weitgehend auf die Zithermusik von Anton Karas reduziert ist, seine einzigartige Atmosphäre.


An Sprachversionen bietet der bei Studiocanal erschienene Digipak mit einer Blu-ray und zwei DVD die englisch-deutsche Originalfassung und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Umfangreich sind die Extras, die bei beiden Ausgaben identisch sind. Die 2004 entstandene 90-minütige Dokumentation „Shadowing the Third Man – Auf den Spuren des dritten Mannes“, die gewissermaßen ein Making of des Films ist und mit zahlreichen Filmausschnitten und Interviews den Darstellern und Schauplätzen nachspürt, findet sich hier ebenso wie Orson Welles´ 30-minütiges – allerdings nur englisches – Hörspiel „A Ticket to Tangier“ aus der Hörspielserie „The Lives of Harry Lime“, die als Fortsetzung des Klassikers angelegt war.


Dazu kommen die einstündige Dokumentation „Dangerous Edge – Graham Greene“, die Einblick in Leben und Werk des britischen Autors bietet, sowie – allerdings nur akustische - Interviews des Guardian mit Joseph Cotten und Graham Greene, ein Feature über den Einfluss von „Der dritte Mann“ auf Filmemacher sowie die Restauration des Films, der alternative Anfang der US-Fassung und eine interaktive Führung durch Wien.


Prunkstück der Extras ist aber der deutsch untertitelte Audiokommentar von Regieassistent Guy Hamilton, Angela Allen, die Spriptgirl des 2. Drehteams war, und des Schauspielers Simon Callow. Die Augenzeugen der Dreharbeiten lassen bei ihren Ausführungen den Bezug zu den jeweils zu sehenden Filmszenen zwar teilweise vermissen, begeistern aber mit vielen Detail- und Hintergrundinformationen.


Locker sprechen sie nicht nur ausführlich über die Musik von Anton Karas, über Joseph Cotten, Orson Welles, Trevor Howard und Alida Valli, sondern auch über die zahlreichen österreischen Schauspieler in Nebenrollen oder über die Statisten, die sich selbst spielten, wie ein Luftballonverkäufer oder die Kanalbrigade der Polizei.


Großartig machen die Kommentatoren auch die Mischung von Aufnahmen an Originalschauplätzen und in den Londoner Shepperton Studions bewusst oder weisen beiläufig darauf hin, an welchen Stellen Orson Welles gedoubelt wurde. – Man mag diesen Film schon mehrmals gesehen haben, die Extras – und besonders der Audiokommentar – können die Filmerfahrung doch noch einmal wesentlich bereichern.


Trailer zu "Der dritte Mann"