• Walter Gasperi

Filmbuch: Der dritte Mann - Die Neuentdeckung eines Filmklassikers

Aktualisiert: 18. Dez 2019


Zum 70-jährigen Jubiläum der Premiere von Carol Reeds Klassiker ist im Czernin Verlag ein schmales, aber gehaltvolles Buch erschienen, in dem der Filmkritiker Bert Rebhandl in 13 Kapitel detailreich unterschiedlichste Facetten des im zerbombten Nachkriegs-Wien spielenden Thrillers untersucht.


Legendär ist die Verfolgung durch die Wiener Kanalisation, zu der auch entsprechende Stadtführungen angeboten werden, die Zithermusik von Anton Karas, die auch heute regelmäßig beim Heurigen gespielt wird, die expressive Schwarzweiß-Fotografie von Robert Krasker und natürlich Orson Welles´ Verkörperung des Schurken Harry Lime.


Von „Der Neuentdeckung eines Filmklassikers“, wie der Untertitel des Buches verspricht, kann man folglich kaum sprechen, denn in Vergessenheit geriet Carol Reeds Meisterwerk nie. Schon nach der Uraufführung am 31. August 1949 in London und der deutschen Premiere am 6. Januar 1950 wurde „Der dritte Mann“ fast einhellig positiv besprochen, wurde 1950 zum Besten Britischen Film gekürt und 1951 für drei Oscars nominiert und mit dem Oscar für die beste Kamera ausgezeichnet. Nie nachgelassen hat die Wirkung dieses Klassikers und 2012 wurde er sogar in einer Umfrage der Fachzeitschrift Sight and Sound zum besten britischen Film aller Zeiten gewählt.


Dem Oberösterreicher Bert Rebhandl, der vor allem als Filmkritiker für die "FAZ" und "Der Standard" bekannt ist, gelingt es aber in seinem 120-seitigen Buch in detailreicher Schilderung Einblick in viele unbekannte und wenig beachtete Facetten dieses Meisterwerks zu bieten. Ein Streifzug durch Wien mit einem Vergleich der Schauplätze im Film und ihrer geographischen Lage in der Realität darf dabei ebenso wenig fehlen wie ein immer wiederkehrender Blick auf die Unterschiede zwischen Graham Greenes Roman und dem Film.


Die Produktionsgeschichte des Films nützt Rebhandl um auf die Karrieren des ungarischstämmigen Alexander Korda und seine Zusammenarbeit mit dem US-Produzenten David O. Selznick zu blicken. Natürlich wird auch der Frage nachgegangen, wie Reed auf die Zithermusik von Anton Karas kam, und dargelegt, wie damit mit dem Klischee von der Musikstadt Wien gebrochen und gleichzeitig ein neues Klischee geschaffen wurde.


Während sich ein Kapitel der politischen Situation in Österreich im Jahre 1948 widmet, wird in einem anderen ausführlich auf die österreichischen Nebendarsteller eingegangen, deren kleinen Rollen im Film die Rolle Österreichs im damaligen Spiel der vier Großmächte entspricht.


Nicht nur dabei, sondern auch beim Blick auf die Besetzung Harry Limes mit Orson Welles deckt Rebhandl Querverbindungen zwischen diesen und weiteren Rollen, aber auch der Biographie der jeweiligen Schauspieler auf. Wie er in Welles´ Harry Lime die Vorwegnahme heutiger transnationaler Oligarchen sieht, so erkennt er in der Schilderung der Korruption und des organisierten Verbrechens Vorläufer heutiger Ereignisse und belegt dies mit dem Hinweis auf einen Pharma-Skandal in Rumänien im Jahr 2016. Doch auch bei der Darstellung der Flüchtlinge Popescu und Anna Schmidt kann der Autor die Aktualität dieses Klassikers herausarbeiten.


Bis zur finalen Verfolgungsjagd durch die Wiener Kanalisation und dem Nicht-Happy-End am Wiener Zentralfriedhof spannt Rebhandl den Bogen und vergleicht auch dabei wieder eindrücklich Roman und Film.


Fast mehr noch als durch die detailreiche Schilderung gefällt dieses Buch aber durch die gute Lesbarkeit. Nicht nur eine informationsreiche und zur neuerlichen Sichtung von Carol Reeds Meisterwerk einladende Darstellung ist Rebhandl hier gelungen, sondern auch wunderbar locker ist das geschrieben und bereitet so auch großen Lesegenuss.


Bert Rebhandl, Der dritte Mann. Die Neuentdeckung eines Filmklassikers, Czernin Verlag, Wien 2019, 128 S., , ISBN 978-3-7076-0677-5, € 20