Das Dorf der Verdammten (1960) - Die Kinder der Verdammten (1964)
- Walter Gasperi

- vor 2 Tagen
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In einem englischen Dorf werden gleichzeitig Kinder geboren, die bald außergewöhnliche Intelligenz und telepathische Kräfte entwickeln. – Bei Plaion Pictures ist Wolf Rillas 1960 entstandener Horror-Science-Fiction-Film zusammen mit der Fortsetzung "Die Kinder der Verdammten" in einem Mediabook auf Blu-ray erschienen.
Gerade einmal 77 Minuten lang ist Wolf Rillas Klassiker. Ansatzlos setzt so "Das Dorf der Verdammten" mit einem englischen Landhaus ein, in dem der Wissenschaftler Gordon Zellaby (George Sanders) während eines Telefonats ebenso ohnmächtig wird wie sein Hund.
Vom Haus wechselt Rilla in den großen Garten, in dem der Traktor mit ohnmächtigem Fahrer seine Kreise dreht, bald ins nahe Dorf, in dem das Leben förmlich eingeschlafen ist: Die Telefonistin liegt leblos in ihrem Büro, in einem Haushalt läuft das Waschbecken über und das Bügeleisen verbrennt ein Kleidungsstück, während die Frauen daneben am Boden liegen.
Irritiert vom plötzlichen Abbruch des Telefonats bricht Zellabys Schwager Major Allan Bernard (Michael Gwynn) von London zum Dorf auf und muss feststellen, dass alle, die eine bestimmte Grenze zum Dorf überschreiten, in Ohnmacht fallen. Wenige Stunden später ist der Spuk aber wieder vorbei und in einer zum Anfang gegenläufigen Szenenfolge wird nun knapp das Erwachen des Dorfs vermittelt.
Großartig baut Rilla durch die dokumentarisch nüchterne Inszenierung des Einbruchs des Irrationalen in einen realistischen Alltag Spannung und Verunsicherung auf. Auch die Schwarzweißbilder von Kameramann Geoffrey Faithfull tragen zum ungekünstelt realistischen Look des Films bei.
Schon scheint das Dorf zum alltäglichen Leben zurückzukehren, als zwei Monate später zahlreiche Frauen, darunter auch Zellabys Gattin, eine Schwangerschaft feststellen, obwohl sie teilweise keinen Geschlechtsverkehr hatten.
Der untersuchende Arzt entdeckt außer einem schnellen Wachstum der Embryos nichts Besonderes und bald folgt die Geburt von zwölf Kindern, bei denen einzig der starre Blick, wasserstoffblonde Haare und schmale Fingernägel auffallen.
Kompakt treibt Rilla die Handlung in elliptischer, aber immer flüssiger Erzählweise voran, wenn er Monate und sogar Jahre überspringt und sich nicht nur die Intelligenz der Kinder überraschend schnell entwickelt, sondern sie zunehmend mittels telepathischer Kräfte auch die Bewohner:innen des Dorfes manipulieren.
Mit einem klassischen Horror-Science-Fiction-Motiv arbeitet Rilla, wenn dem Militär, das diese gefühlskalten Kinder töten will, bevor sie noch mächtiger werden, der Wissenschaftler Zellaby gegenübergestellt wird, der sie erforschen will. Gleichzeitig wird die Geschichte in einen größeren Kontext gestellt, wenn bekannt wird, dass in anderen Ländern ähnliche Kinder geboren wurden.
Geschickt pendelt "Das Dorf der Verdammten" so nicht nur zwischen dem Wissenschaftler und Sitzungen von Regierung und Militär, sondern auch zwischen der Entwicklung von Zellabys Sohn David auf dem Landgut und den Ereignissen im Dorf. Ein atmosphärisch dichtes, immer realistisches Gefüge wird so geschaffen, bei dem auf Effekthascherei verzichtet und das Irrationale ganz auf die außergewöhnlichen Fähigkeiten der Kinder, die mit einem außerirdischen Einfluss erklärt werden, beschränkt bleibt.
Großartig steigert Rilla dabei mit wachsenden Kräften der Kinder die Bedrohung bis zum Finale, in dem auch Zellaby handeln muss. Während dieser Wissenschaftler zunächst die Mauer des Mysteriösen, die um die Kinder herrscht, knacken will, muss er nun selbst eine Mauer um seine Gedanken aufbauen, um nicht durchschaut zu werden und der Manipulation zu entgehen.
Verstören kann dieser subtile Science-Fiction-Horrorfilm dabei nicht nur dadurch, dass hier engelhaft wirkende Kinder als das personifizierte Böse gezeichnet werden, sondern auch durch die Offenheit für Interpretationen. So wurde in den Kindern einerseits ein Bild für die Hitler-Jugend gesehen, andererseits kann man in ihrem Verhalten auch eine Entfremdung von der Welt der Erwachsenen und einen Protest dagegen sehen. – Unbestritten ist aber, dass dieser Klassiker trotz seines Alters von 65 Jahren nichts von seiner Spannung und Wirkung verloren hat.
Weniger überzeugen kann dagegen Anton M. Leaders 1964 entstandene Fortsetzung "Die Kinder der Verdammten". An die Stelle von zwölf hyperintelligenten Kindern treten hier sechs, die zwecks Förderung im Rahmen eines UNESCO-Projekts von allen Kontinenten nach London geholt werden. Als deren Fähigkeiten, Menschen zu manipulieren erkannt werden, mischt sich auch das Militär ein und die Kinder fliehen in eine halbverfallene Kirche, wo sich ein klassisches Belagerungsszenario entwickelt.
Wesentlicher Unterschied zu "Das Dorf der Verdammten" ist, dass an die Stelle der starken Verankerung im Alltäglichen eine klassische Thrillerhandlung tritt. Zudem steht der dokumentarischen Nüchternheit des ersten Films hier eine wesentlich expressivere Inszenierung gegenüber, die mit Musikeinsatz und Kameraarbeit routiniert, aber wenig innovativ Akzente setzen und Spannung erzeugen will.
Interessant ist der andere Blick auf die Kinder. Als Gefahr sieht das Militär hier nämlich, dass eine Großmacht sich aller sechs bemächtigen könnte und mit deren Potential eine globale Vormachtstellung erreichen könnte. Dem Ziel, sie als etwas Nicht-Menschliches zu vernichten, steht ein Psychologe gegenüber, der für die Akzeptanz dieser andersartigen und vielleicht höher entwickelten und moralisch besseren Spezies des Menschen eintritt.
Wirklich Gewicht gewinnen diese philosophischen Aspekte aber nicht, sondern wirken aufgesetzt und zu wenig abwechslungsreich ist die Handlung mit dem Dreieck Wissenschaftler – Militär – Kinder und der Kirche als zentralem Schauplatz. Kaum mehr als durchschnittliche Unterhaltung wird so geboten, die Dichte und die verunsichernde und beunruhigende Kraft des Originals erreicht dieses Sequel aber nie.
An Sprachversionen bieten die bei Plaion Pictures in einem Mediabook erschienenen Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie englische und deutsche Untertitel. Die Extras umfassen neben den englischen Trailern und Bildergalerien zu beiden Filmen ein 50seitiges Booklet mit einem Essay von Christoph N. Kellerbach. Dieser informiert ausführlich über den Autor John Wyndham, die schwierige Produktionsgeschichte unter anderem aufgrund von Protesten katholischer Kreise gegen die Thematisierung einer jungfräulichen Geburt, die Dreharbeiten und die zögerliche Veröffentlichung bis hin zur Entstehung der Fortsetzung und weiteren Ablegern.
Dazu kommen nicht untertitelte englische, aber gut verständliche Audiokommentare des Filmhistorikers Steve Haberman zu "Das Dorf der Verdammten" und des Drehbuchautors John Briley zu "Die Kinder der Verdammten". Haberman bietet ausführliche Hintergrundinformationen zu John Wyndhams 1957 erschienener Romanvorlage "The Midwich Cuckoos" ("Kuckuckskinder") und den Veränderungen für den Film, zur Biographie von Regisseur Wolf Rilla und den Schauspieler:innen, geht aber auch immer wieder auf konkrete Filmszenen ein. John Briley führt dagegen in seinem Audiokommentar zu "Die Kinder der Verdammten" immer wieder aus, wie er das Drehbuch als Kommentar zum Kalten Krieg anlegte.
Trailer zu "Das Dorf der Verdammten"




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