• Walter Gasperi

Das letzte Geschenk - El último traje


Ein fast 90-jähriger argentinischer Holocaust-Überlebender bricht zu einer Reise nach Polen auf, um einen Jugendfreund zu besuchen, der ihm am Ende des Zweiten Weltkriegs das Leben rettete. – Mit einem wunderbaren Miguel Ángel Solá in der Hauptrolle gelingt Pablo Solarz eine feinfühlige Tragikomödie über Freundschaft und eine traumatische Erinnerung.


Schon mit den ersten Bildern von einem ausgelassenen jüdischen Fest mit Klezmer-Musik und Tanz lässt der aus einer Familie jüdischer Emigranten stammende Pablo Solarz die Erinnerung hereinbrechen und beschwört gleichzeitig eine untergegangene Welt. Lange sind diese Zeiten vorüber, jetzt lebt der 88-jährige Abraham Burzstein (Miguel Ángel Solá) in Buenos Aires und wird von seinen Töchtern, die sein Haus schon verkauft haben, in ein Seniorenheim abgeschoben. Ein letztes Erinnerungsfoto möchte er mit seinen Enkelinnen noch machen, doch teuer lässt sich eine davon dieses gemeinsame Foto bezahlen.


Wenig freundlich geht man mit dem Opa um und dabei haben doch die beiden älteren Töchter immer erklärt, wie sehr sie den Vater lieben. Zum Bruch kam es dagegen mit der jüngsten Tochter, weil diese sich weigerte, dezidiert die Liebe zum Vater zu bekennen. Dass sich bei dieser Familienkonstellation Solarz von Shakespeares "King Lear" beeinflussen ließ, gesteht er explizit im Nachspann.


Alles ist vorbereitet für den Umzug ins Seniorenheim, doch als die Haushälterin einen gut eingepackten Anzug vorzeigt, steigen beim ehemaligen Schneider Abraham Erinnerungen an einen polnischen Jugendfreund auf, der ihm bei Kriegsende das Leben gerettet hat. Ohne jemandem etwas zu sagen, bricht der alte Mann, obwohl er ein verletztes Bein hat, dessen Amputation droht, noch in derselben Nacht nach Europa auf. Er bekommt aber nur einen Flug nach Madrid, sodass er mit dem Zug weiter nach Warschau reisen muss.


Nach dem klassischen Muster von Road-Movies hat Solarz seine melancholische Tragikomödie aufgebaut. Einerseits lässt er Abraham in Madrid, Paris und Warschau Begegnungen mit schrulligen, aber liebenswerten und schon fast märchenhaft hilfsbereiten Menschen machen, andererseits brechen immer wieder Erinnerungen an die traumatische Vergangenheit auf ihn herein. Auffallend ist, dass, von einem verarmten Musiker abgesehen, es ausnahmslos Frauen sind, die sich des alten Herrn annehmen. Gleichzeitig lernt er dabei freilich durch die Begegnung mit der deutschen Anthropologin Ingrid sein negatives Bild von den Deutschen insgesamt zumindest etwas zu revidieren.


Auf der anderen Seite gewinnt man durch die Erinnerungen ein zunehmend klareres Bild von den Ereignissen der Kriegszeit. Wohltuend zurückhaltend bleibt Solarz dabei aber, formuliert weder die damaligen Ereignisse noch die Gräuel der Nazis aus, sondern begnügt sich mit fragmentierter Skizzierung, die die Zuschauer*innen in Gedanken leicht vervollständigen können. Sichtbar wird dabei auch, dass auch die Polen durchaus vom Unglück der Juden profitierten, doch diesen Kriegsgewinnlern steht wieder Abrahams Jugendfreund gegenüber, der sich vorbehaltslos für ihn einsetzte.


Herzstück von "Das letzte Geschenk", dessen Titel sich auf den Anzug bezieht, der Abraham seinem polnischen Jugendfreund schenken will, ist aber die Hauptfigur, aus dessen Perspektive Solarz konsequent erzählt. Mit viel Gefühl spielt Miguel Ángel Solá diesen körperlich angeschlagenen, alten Mann, der sich von seinem Plan nicht abbringen lassen will und in seinem gealterten Gesicht spiegeln sich die schlimmen Jugenderfahrungen. Geschickt dringt der Film dabei auch immer tiefer und lässt für Abraham schließlich in einer Szene Gegenwart und Vergangenheit zusammenfallen.


Mit viel Gespür für die richtigen Töne ist das inszeniert, beginnt durchaus komödiantisch und wird mit Fortdauer zunehmend ernster und melancholischer. Man spürt in jeder Szene die Empathie von Solarz für seine Hauptfigur, sodass tiefes Mitgefühl und Menschlichkeit diese Tragikomödie durchziehen. Doch es sind nicht nur der Hauptdarsteller und die Haltung des Regisseurs, die diesen Film zu einem runden und rundum sympathischen Kleinod machen, sondern auch das Gespür für den Erzählrhythmus und für die Einbindung der Erinnerungen.

Das letzte Geschenk Spanien Argentinien 2017 Regie: Pablo Solarz mit: Miguel Angel Sola, Angela Molina, Martin Piroyansky, Natalia Verbeke Länge: 91 min.


Läuft am Spielboden Dornbirn am Dienstag, den 29.3. und am Freitag, den 8.4. jeweils um 19.30 Uhr


Trailer zu "Das letzte Geschenk - El último traje