• Walter Gasperi

Das Kino denkt über sich selbst nach: Film im Film


Filme versuchen meist den Zuschauer möglichst intensiv in eine inszenierte Welt hineinzuziehen. Spannend ist aber auch der Blick auf die Filmproduktion an sich, in die das Kinok im September mit der Filmreihe "Film im Film" Einblick bietet.


Unterschiedliche Spielarten gibt es beim Thema "Film im Film". Selbstreflexive Filme, in denen Regisseure wie Federico Fellini in "Otto e mezzo" (1963) oder Woody Allen in "Stardust Memories" (1980) eine echte oder vorgetäuschte persönliche Krise künstlerisch verarbeiten, gehören ebenso dazu wie Abrechnungen mit Hollywood.


Nicht nur Vincente Minnelli bot in den 1950er Jahren mit "The Bad and the Beautiful" (1953), der in Deutschland den treffenden Titel "Stadt der Illusionen" bekam, einen kritischen Blick auf die Traumfabrik, sondern vor allem auch Billy Wilder in "Sunset Boulevard" (1950). Der Meisterregisseur erzählt dabei freilich nicht nur von einem gealtertem Stummfilmstar und ihrem Butler, der einst deren Regisseur war, sondern besetzte diese Rollen auch gleich mit Stummfilmgrößen.


Ihr eigenes Schicksal spielt hier gewissermaßen Gloria Swanson, der zwar der Wechsel vom Stummfilm zum Tonfilm gelang, die sich aber Mitte der 1930er Jahre vom Film zurückzog, als der Erfolg ihrer Filme nachließ. Erich von Stroheim, der ihren Butler Max von Mayerling spielt, gehörte dagegen zwar zu den ganz großen Regisseuren der Stummfilmära, musste wegen überzogenen Budgets und Überlänge seiner Filme aber immer wieder heftige Kämpfe mit den Studiobossen ausfechten und sich in der Tonfilmzeit schließlich mit Aufträgen als Schauspieler begnügen.


Doch nicht nur diesen beiden gefallenen Stars erweist Wilder mit seinem bitteren Drama seine Reverenz, sondern lässt in Kurzauftritten auch andere Hollywoodgrößen wie Cecil B. DeMille, Buster Keaton oder die legendäre Reporterin Hedda Hopper sich selbst spielen.


Während Wilder sarkastisch der Traumfabrik den Spiegel vorhält und schonungslos zeigt, wie schnell einstige Stars aufs Abstellgleis geschoben und vergessen werden, feiern andere Filme freilich von "I´m Singing in the Rain" (1952) bis zum Oscar-Sieger "The Artist" (2011) leidenschaftlich und ungebrochen die Faszination der Filmwelt und ihren Glamour.


Wurde zur Zeit des klassischen Hollywood die Traumfabrik an sich thematisiert, so fokussierten mit Aufkommen des (europäischen) Autorenfilms Regisseure meist auf ihrer eigenen Rolle. Jean-Luc Godard zeigt in "Le Mépris" (1963) nicht nur die Abhängigkeit eines Regisseurs von seinen Geldgebern, sondern reflektiert auch über den Unterschied zwischen europäischer und amerikanischer Kinokultur. Indem der Mitbegründer der Nouvelle Vague seinen Regisseur mit Fritz Lang besetzte, in dem er "das Gewissen des Kinos" sah, wird sein Film gleichzeitig zur Hommage an den deutschen Meisterregisseur.


Eine Liebeserklärung ans Filmemachen und ans Kino insgesamt ist dagegen François Truffauts "La nuit américaine" (1973), dessen Titel die Aufnahme einer Nachtszene bei Tag bezeichnet und damit schon auf den Illusionscharakter des Kinos verweist. Mit einer Postkutschenfahrt durch den Wilden Westen, bei der man zunächst auf eine schöne Reise hoffe und am Ende nur noch froh sei, wenn man das Ziel erreiche, vergleicht hier der von Truffaut selbst gespielte Regisseur das Filmemachen. Wie dieser Satz macht auch der ganze 1974 mit dem Oscar ausgezeichnete Film deutlich, mit wie viel Problemen sich der Regisseur, aber auch das Team am Set herumschlagen müssen und welche Arbeit dahintersteckt, bis ein Film fertig ist, dennoch wird durch die leichthändige Erzählweise diese Welt leidenschaftlich gefeiert.


Bitterer ist hier schon der Blick von Wim Wenders´ "Der Stand der Dinge" (1982). Frustriert von den Dreharbeiten an seinem ersten amerikanischen Film "Hammett" (1982), bei dem Wenders stets neue Vorgaben des Produzenten Francis Ford Coppola erfüllen musste, drehte der Deutsche mit kleinem Team und in Schwarzweiß diesen Film über einen Regisseur, der Dreharbeiten an einem Science-Fiction-Film aus Geldmangel abbrechen muss. Wie bei Godards ""Le Mépris" geht es auch hier um den ständigen Widerspruch von Kommerz und Kunst.


Karel Reisz erzählt dagegen in "The French Lieutenant´s Woman" (1981) nicht nur von den Dreharbeiten zur Verfilmung von John Fowles gleichnamigem Roman, sondern verbindet auch die Liebesgeschichte in diesem Mitte des 19. Jahrhunderts spielenden Films im Film mit der gegenwärtigen Beziehung der beiden Hauptdarsteller (Meryl Streep und Jeremy Irons). Durch diese Konstruktion gelingt Reisz und seinem Drehbuchautor Harold Pinter eine vielschichtige Reflexion über den Wandel von Geschlechterrollen.


Und die 2019 verstorbene Agnés Varda bietet schließlich in ihrem Vermächtnis "Varda par Agnès" (2018) ausgehend von einer Masterclass in einem Theater mit zahlreichen Filmausschnitten und Fotos Einblick in ihr Leben, ihren Feminismus und ihr sechzigjähriges Schaffen.


Details zu den Filmen und Spielzeiten der Filmreihe im Kinok St. Gallen finden Sie hier


Trailer zu "La nuit américaine"