• Walter Gasperi

Das Haus am Meer - La villa


Zwei Brüder und ihre Schwester, gespielt von großartigen Schauspielern, sowie ein kleines malerisches in einer Bucht bei Marseille gelegenes Dorf reichen Robert Guédiguian beinahe aus, um unaufgeregt, aber stimmig und bewegend eine Familiengeschichte zu erzählen, in der gleichzeitig große Fragen der Welt und die existentielle Frage, wie man leben soll, verhandelt werden.


Die Kamera blickt aus einem Zimmer auf eine Terrasse mit Blick aufs Meer. Auf der Terrasse sitzt ein alter Mann. Nur „Schade“ kann er noch sagen, dann bricht mit einem Schlaganfall zusammen. Während sein Sohn Armand (Gérard Meylan) das Küstendorf bei Marseille nie verlassen hat, sondern das Familienrestaurant so weitergeführt hat wie der Vater, ruft die Krankheit die beiden anderen Kinder zurück in ihren Heimatort.


Die Rückkehr an den Ort der Kindheit und Jugend nach Jahren der Abwesenheit ist ein schon oft in Filmen verwendetes Motiv. Kenneth Lonergan arbeitete in „Manchester by the Sea“ ebenso damit wie Cédric Klapisch in „Der Wein und der Wind“ oder Hans Steinbichler in „Hierankl“, um nur einige Beispiele zu nennen. Dennoch gelingt es Robert Guédiguian aus dieser Ausgangssituation einen ganz eigenen Film zu entwickeln.


Immer noch nicht überwunden hat die erfolgreiche Theaterschauspielerin Angèle (Ariane Ascaride) den Verlust ihrer Tochter Blanche, die einst hier ertrunken ist, zum Zyniker und nach außen hin auch zum Rassisten ist der Gewerkschaftler Joseph (Jean-Pierre Darroussin) geworden, der mit seiner sehr jungen Geliebten Bérangère (Anaïs Demoustier) zurückkehrt. Im Nachbarhaus lebt noch ein altes Paar, das immer wieder von seinem Sohn besucht wird, und dann gibt es noch den Fischer Benjamin, der für Angèle schwärmt.


Mehr braucht Guédiguian nicht, dessen Filme meist in der Gegend von Marseille spielen. Er holt die Welt und die großen Fragen der Menschen quasi hierher, verhandelt sie anhand der Familie. Denn immer wieder wird hier angesprochen – und alte Schwarzweißfotos erinnern auch daran -, dass einst das Küstendorf anders aussah, wird die Gentrifizierung kritisiert, die auch diese Gegend längst erfasste oder der Umstand, dass das Restaurant schlecht läuft.


Da mag zwar der Vermieter dem Paar im Nachbarshaus garantiert haben, dass es auf Lebenszeit hier wohnen darf, doch nach seinem Ableben erhöhen die Erben gleich mal die Miete aufs Dreifache. Man erinnert sich daran, dass einst das Elternhaus mit gemeinsamem Einsatz gebaut wurde oder nicht eine einzelne Familie einen Christbaum besaß, sondern fürs ganze Dorf einer auf dem zentralen Platz stand, doch die Solidarität von einst scheint längst geschwunden.


Um Vergänglichkeit geht es mit der Krankheit des Vaters, dem Tod der Nachbarn, aber auch mit dem Bewusstsein der Protagonisten ihres Alterns und der Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, die mehrfach in Rückblenden kurz hereinbrechen, aber auch um die malerische Schönheit dieser Gegend und die Spannung, die sich aus diesem Kontrast aufbaut. „Oh Augenblick, verweile doch! Du bist so schön! “, möchte man mit Goethe sagen, aber es ist eben alles im Fluss.


Die Züge, die immer wieder über das hohe Viadukt hinter dem Dorf vorbeirasen, verweisen ebenso auf den Wandel der Zeiten, wie mit dem mehrmaligen Hinweis auf Brechts Stück „Der gute Mensch von Sezuan“, in dem Angèle einst den Fischer Benjamin begeisterte, die Frage aufgeworfen wird, was eine gute Tat in einer schlechten Welt ausrichten kann.


Sind die Rückkehrer zunächst verbittert und scheinen so schnell wie möglich wieder weg zu wollen, so tauen sie in dem in warmes Licht und Sommerfarben getauchten Dörfchen doch langsam auf. Vom Reden geht man hier dann auch zu Taten über, als zunächst Soldaten sich erkundigen, ob man denn Flüchtlinge, die hier gestrandet seien, gesehen habe, und man dann tatsächlich drei Kinder findet, die sich in den Bergen verstecken.


Den Wert der guten Tat, der Menschlichkeit macht Guédigian in diesem wunderbar unaufgeregten, unspektakulären, sich einfach am Alltag und an der Wirklichkeit orientierenden Film so doch wieder deutlich und fragt freilich auch ganz existentiell, wie man denn in dieser Welt leben soll.


Melancholisch hängt er zwar auch der Vergangenheit nach, als man noch große soziale Träume hat, zeigt aber auch, dass Visionen auch heute noch wichtig sind, den Menschen am Leben und in Bewegung halten.


Wunderbar sanft und milde ist das inszeniert, leichthändig und in jeder Szene stimmig, mit viel Gespür für den Schauplatz und auch für die Charaktere, kommt leicht daher und verhandelt doch nie leichtfertig, sondern immer mit viel Mitgefühl und Tiefe zentrale Fragen des Lebens.


Die – wie meist in französischen Filmen – großartigen Schauspieler verstehen es mit Gesten und Blicken die Narben, die ihnen das Leben verpasst hat, spürbar, aber auch bewusst zu machen, dass es immer noch eine Zukunft gibt, dass man sich verändern kann und sich neue Möglichkeiten bieten, auch der Schmerz über den Verlust der Tochter abgefedert werden kann, indem man sich eben der Tragödie stellt.


Schön schließt sich auch der Kreis am Ende, bei dem der Beginn wieder aufgenommen wird und der bislang paralysierte Vater, der wieder auf der Terrasse sitzt, immerhin leicht den Kopf bewegt, in diesem sehr menschlichen, nie sentimentalen, sondern immer ehrlichen Film, der bewegt, weil er nah am Leben nicht nur der Protagonisten, sondern wohl auch dem vieler Zuschauer ist.


TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Fr 5.7. bis Mi 10.7. (franz. O.m.U.)


Trailer zu "Das Haus am Meer - La villa"