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Das geträumte Abenteuer

Autorenbild: Walter Gasperi
Walter Gasperi
vor 1 Stunde
4 Min. Lesezeit
"Das geträumte Abenteuer": Starke Heldin taucht in die bulgarisch-griechisch-türkische Grenzregion ein
"Das geträumte Abenteuer": Starke Heldin taucht in die bulgarisch-griechisch-türkische Grenzregion ein

Eine Archäologin kehrt zu Ausgrabungen in ihre Heimatstadt in der bulgarisch-griechisch-türkischen Grenzregion zurück und taucht dabei in die mafiösen und machistischen Strukturen ein: Valeska Grisebach verbindet ein Spiel mit Genrekonventionen mit einer unaufgeregten Erkundung einer Region am Rande Europas zu einem ebenso langsamen wie soghaften 167-minütigen Kinoabenteuer.


Die 1968 in Bremen geborene Valeska Grisebach lässt sich immer viel Zeit für ihre Filme. Fünf Jahre liegen zwischen ihrem Debüt "Mein Stern" (2001) und dem in der brandenburgischen Provinz spielendem Liebesdrama "Sehnsucht" (2006). Elf Jahre vergingen danach bis sie "Western" (2017) präsentierte, in dem sie von einem deutschen Bautrupp erzählte, der an der bulgarisch-griechischen Grenze ein Wasserkraftwerk errichten soll.


Nochmals neun Jahre später entführt Grisebach in ihrem vierten Spielfilm "Das geträumte Abenteuer", der beim Filmfestival von Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde, das Publikum wiederum nach Bulgarien, dieses Mal in die Gegend um die an der bulgarisch-griechisch-türkischen Grenze gelegene Region um die Stadt Swilengrad. Wie in ihren drei vorigen Filmen arbeitet sie auch hier mit Laiendarsteller:innen, die ihrem Film zusammen mit ihrem ungeschminkten und geduldigen Blick auf Landschaft und Gesellschaft große Authentizität und Dichte verleihen.


Gleichzeitig strebt sie aber nie eine dokumentarische Qualität an, sondern erzählt eine klar fiktionale Geschichte. Wenn "Das geträumte Abenteuer" mit dem Blick aus der Windschutzscheibe eines Wagens auf die Landschaft beginnt, ehe nach einem Schnitt von der Seite der Fahrer Said (Syuleyman Alilov Letifov) erfasst wird, dann stimmt das schon auf die Erzählweise Grisebachs ein.


Immer wieder wird die Kamera von Bernhard Keller nämlich die Protagonist:innen von hinten, von der Seite oder von vorne erfassen und dann mit einem Schnitt ihre Blickrichtung übernehmen. Keine Kameraspielereien und spektakuläre Schnittfolgen gibt es hier, sondern zusammen mit den Figuren taucht man so in die Region und ihre gesellschaftlichen Verhältnisse ein.


Auch auf emotionalisierende Filmmusik verzichtet Grisebach, sondern schildert ruhig, wie Said vorbei an der vielbefahrenen Autobahn zum Grenzübergang Kapitan Andreewo–Kapıkule in eine Kleinstadt kommt, in der er mit einem Mafioso einen Dieseldeal abschließen will. Zufällig trifft er dabei aber die ebenfalls aus der Region stammende Veska (Yana Radeva), die er aus früheren Jahren kennt und die jetzt Ausgrabungen an der mittelalterlichen Festung Matochina leitet.


Scheint Said zunächst der Protagonist zu sein, verschwindet dieser nach rund 40 Minuten aus dem Film und ins Zentrum rückt Veska. Sie widmet sich nun nicht mehr ausschließlich ihrer Forschung, sondern beginnt auch durch die Gegend zu streifen, führt Gespräche mit den Einheimischen und dem mächtigen Mafioso Iliya (Stoicho Kostadinov) und versucht auch Saids Dieseldeal zu einem Abschluss zu führen.


Mit Western-Motiven spielt Grisebach, wenn sie mit Veska eine lange Abwesende zurückkehren und die Machtstrukturen in der Region aufdecken und hinterfragen lässt, gleichzeitig widersetzt sie sich den Konventionen des Genres. Statt einem Mann rückt sie nämlich eine Frau ins Zentrum und statt Action bestimmen Gespräche den Film und auch vom Drogen- und Menschenschmuggel, von dem immer wieder gesprochen wird, sieht man nichts. Gleichwohl entwickelt "Das geträumte Abenteuer" gerade durch die Beiläufigkeit und Unaufgeregtheit, durch die Genauigkeit des Blicks und die starken Laiendarsteller:innen eine soghafte Wirkung.


Bewusst unscharf bleiben teilweise die Figuren angesichts ihrer großen Zahl und auch in die persönliche Situation Veskas wird mit zwei Telefonaten mit ihrer schwangeren Tochter nur sehr bruchstückhaft Einblick geboten. Wie sie aber in ihrem Beruf als Archäologin versucht, einzelne Fundstücke zu einem Ganzen zusammenzusetzen und Schicht für Schicht die Vergangenheit offenzulegen, so verdichten sich auch im Film die einzelnen Szenen zu einem zunehmend vielschichtigen Bild dieser Region am Rand Europas.


Wie beim Western wird klassisches Open-Air-Kino geboten, wenn Veska fast immer unterwegs ist und kaum eine Szene in einem Innenraum spielt. Die desolate Infrastruktur wird mit den von Schlaglöchern bestimmten Schotterpisten sichtbar, während verfallende Restaurants und Hotels von den zerplatzten Hoffnungen zeugen, die sich in den 1990er Jahren an den Fall des Kommunismus knüpften.


In den Gesprächen treten nicht nur die mafiösen Strukturen zutage, sondern auch der Machismus der Bosse und ihrer Handlanger, die glauben speziell über Frauen verfügen zu können. Ganz unterschiedlich sind so auch die Erinnerungen des Mafioso Iliya und Veskas an die "wilden" 1990er Jahren. Denn während er dabei an die damaligen krummen Geschäfte und ausgelassenen Partys denkt, assoziiert sie damit vor allem den Missbrauch von Frauen und wohl auch von ihr selbst.


30 Jahre später tritt sie nun aber als furchtlose Heldin auf, die keine Angst mehr kennt und sich auch mit den Bossen anlegt. So will sie nicht nur eine junge Frau dem Zugriff der Männer entziehen, um zu verhindern, dass ihr das geschieht, was ihr wohl damals geschah, sondern auch mit Hilfe einer Freundin ihren Plan durchziehen. Waffengewalt ist dabei kaum nötig, nur Chuzpe, die aber auch nur beiläufig sichtbar wird, und zu überraschen versteht dieser wunderbar entspannte Film auch mit seinem abrupten Ende, mit dem überraschend eine Liebesgeschichte beginnen könnte.

 


Das geträumte Abenteuer

Deutschland / Frankreich / Bulgarien / Österreich 2026

Regie: Valeska Grisebach

mit: Yana Radeva, Syuleyman Alilov Letifov, Stoicho Kostadinov, Nikolay Shekerdjiev, Denislava Yordanova

Länge: 167 min.



Läuft derzeit in den deutschen und Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab April 2027 in den österreichischen Kinos.



Trailer zu "Das geträumte Abenteuer"



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