• Walter Gasperi

Cyrano


In Joe Wrights Musical-Version des berühmten Stoffes macht nicht eine große Nase, sondern Kleinwüchsigkeit die Titelfigur zum Außenseiter: Opulente Bilder und eine espritreiche Regie mit pointierten Dialogen und sicherer Mischung von Witz, Romantik und Spannung sorgen überr weite Strecken für schwungvolle Unterhaltung. Weniger stark sind die düsteren Szenen im Finale und blass bleiben auch die Songs.


Seit Beginn der Filmgeschichte wurde Edmond Rostands 1897 geschriebenes Versdrama um den historischen Schriftsteller Cyrano de Bergerac (1619 – 1655) immer wieder verfilmt. Am bekanntesten sind die Fassungen von 1950 mit José Ferrer und die von 1990 mit Gerard Depardieu in der Rolle des unter seiner großen Nase leidenden Cyrano.


Aus der großen Nase wird bei Erica Schmidts Musical-Version Kleinwuchs. Nicht nur noch mehr als Außenseiter und als "Freak" erscheint Cyrano damit, sondern auch als Liebeserklärung an ihren realen Ehemann kann diese Änderung gegenüber der Vorlage angesehen werden. Denn die amerikanische Theaterregisseurin, Autorin und Schauspielerin hat die Rolle des Cyrano speziell für den 1,35 m großen Peter Dinklage geschrieben, mit dem sie seit 2005 verheiratet ist. Wie in der 2018 uraufgeführten Bühnenversion spielt nun auch im Film Dinklage die Titelrolle.


Erinnerungen an Joe Wrights Jane Austen-Verfilmung "Pride and Prejudice" weckt der Auftakt, bei dem die Zofe die schöne, aber mittellose Waise Roxanne (Haley Bennett) drängt, den Grafen De Guiche (Ben Mendelsohn) zu heiraten, denn Liebe sei nur was für Kinder, bei Erwachsenen sei das Geld wichtig. Der Aspekt gesellschaftlicher Zwänge verfolgt Wright jedoch nicht weiter, sondern fokussiert auf dem Spannungsfeld zwischen dem Grafen, Cyrano und dem gutaussehenden Kadetten Christian Neuvillette (Kelvin Harrison Jr.), die alle in Roxanne verliebt sind.


Cyrano kennt Roxanne schon seit Kindertagen und versteht sich bestens mit ihr, traut sich aber aufgrund seines Kleinwuchses nicht, ihr seine Liebe zu gestehen. Roxanne wiederum bittet Cyrano, sich um Christian zu kümmern, der im gleichen Regiment wie er dient. So erklärt sich der begnadete Dichter und Fechter sogar bereit für den gutaussehenden, aber poetisch unbegabten Christian als Ghostwriter dessen Liebesbriefe an Roxanne zu schreiben.


Prächtige Kostüme und herrliche Locations des teilweise im sizilianischen Noto und Ragusa gedrehten Films sorgen für Augenschmaus. Wright und Kameramann Seamus McGarvey verstehen es solche Schauwerte Locations mit hellem Sommerlicht und langen Kamerafahrten trefflich ins Bild zu setzen.


Fechtszenen, bei denen sich Cyrano auch als Meister dieser Kunst beweist, sorgen für Spannung, pointierte Dialoge für Witz. Zügig und prägnant baut Wright die Konfliktfelder auf und vermittelt auch die Trauer Cyranos, als dieser hofft, dass Roxanne ihm ihre Liebe gesteht, ihn aber vielmehr darüber informiert, dass sie sich in Christian verliebt hat. Geschickt steigert der 50-jährige Brite die Schwierigkeiten Christians beim Doppelspiel und lässt den verachteten Grafen schließlich Rachepläne schmieden.


Leichthändig und fließend wechselt Wright so zwischen Mantel- und Degenfilm und Romantik, aber auch komödiantische Momente kommen nicht zu kurz. Geschickt in die Handlung integriert sind auch die Songs der Indie-Rockband The National. Bruchlos gehen hier Trainingsszenen der Wachkompanie in eine Ballettszene über und Dialoge in Gesang. Die Songs allerdings bleiben blass, dürften kaum Potential für Ohrwürmer und Hits haben. - Opulentes und geschmackvolles Kino wird aber durchaus geboten.


Dieser Schwung und visuelle Überschwang lassen allerdings fast zwangsläufig deutlich nach, wenn Cyrano und Christian in eine Schlacht geschickt werden und düstere Töne überhandnehmen. An die Farbenfroheit und Vitalität treten jetzt nicht nur dunkle Grautöne und Winterstimmung, sondern auch die Erzählung wird langsamer. Der abrupte Tempo- und Stimmungswechsel sorgt für einen Bruch und schwer fällt es, sich auf diesen Umschwung einzustellen.


Und auch das nochmals drei Jahre später spielende Finale wirkt mehr notdürftig angeklebt, als dass es sich organisch aus der Handlung entwickelt. Nur dank des wunderbaren Spiels von Peter Dinklage berührt so die Tragik dieser Liebe, die aufgrund fehlenden Muts nie eine Chance erhielt und asst wurde.

Cyrano Großbritannien / Kanada / Italien / USA 2021 Regie: Joe Wright mit: Haley Bennett, Peter Dinklage, Ben Mendelsohn, Kelvin Harrison Jr., Bashir Salahuddin Länge: 123 min.


Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Skino Schaan


Trailer zu "Cyrano"