• Walter Gasperi

Crossing Europe 2019: Auf nach Europa!

Aktualisiert: 22. Apr 2019



Auch in seiner 16. Auflage will das Linzer Filmfestival Crossing Europe (25. – 30.4. 2019) einen Einblick in die Vielfalt des jungen europäischen Autorenfilms und einen differenzierten Blick auf den Kontinent bieten. Das sechstägige Programm umfasst 149 Spiel- und Dokumentarfilme und beinhaltet Werke junger Filmemacher ebenso wie Festivalerfolge des letzten Jahres, ein Jugendprogramm und Werke lokaler Filmschaffender sowie eine Schiene mit neuen europäischen „Fantastischen Filmen“.


Einen Monat vor der Europawahl und in Zeiten des Brexit und Abspaltungstendenzen von Regionen, von Migration nach Europa einerseits und dem Aufblühen nationalistischer und rechtspopulistischer Bewegungen andererseits will Crossing Europe auch heuer den aktuellen Zustand des Kontinents mit seinem handverlesenen Filmprogramm in den Fokus rücken und die aktuelle Filmkultur feiern.


Wie gewohnt startet das Linzer Filmfestival dabei nicht mit einem Eröffnungsfilm, sondern präsentiert zum Auftakt mit fünf Werken die unterschiedlichen Programmsektionen. Nora Fingscheidts bei der Berlinale preisgekröntes Debüt „Systemspringer“, in dessen Mittelpunkt ein hyperaktives und aggressives neunjähriges Mädchen steht, das nicht ins System zu passen scheint, feiert in diesem Rahmen ebenso seine Österreichpremiere wie Ulaa Salims dystopischer Politthriller „Son of Denmark“, mit dem die Schiene „Nachtsicht“ eröffnet wird.


Die Programmsektion „Local Artists“ wird mit Joerg Burgers Hommage an die aus Oberösterreich stammende renommierte Fotografin Elfie Semotan gestartet („Elfie Semotan, Photographer“), während „Petra“ von Jaime Rosales auf den Tribute Lust machen soll, der diesem spanischen Regisseur gewidmet ist. Die Schiene „Spotlight“ schließlich, für die die Albanerin Iris Elizes sieben teils historische, teils aktuelle Filme auswählte, wird mit Elizes erstem Langspielfilm „Bota“ eröffnet, der die Nachwirkungen der kommunistischen Herrschaft in Albanien bewusst macht.


In dem ersten und zweiten Filmen vorbehaltenen Wettbewerb um den mit 10.000 € dotierten Crossing Europe Award für den besten Spielfilm konkurrieren heuer elf Filme, vier RegisseurInnen waren bereits in früheren Jahren bei Crossing Europe zu Gast. Breit ist dabei nicht nur die geographische, sondern auch die thematische und formale Vielfalt.


Der Bogen spannt sich von Mark Jenkins in Cornwall spielendem sozialrealistischen schwarzweißen Fischerdrama „Bait“ bis zu Ali Vatansevers Drama „Saf“, in dem ein Ehepaar in Istanbul ums Überleben kämpft. Wildes und auch verstörendes Kino um eine zunehmend in eine psychische Krise stürzende Frau bietet der Schweizer Simon Jaquemet mit „Der Unschuldige“, während der Ukrainer Roman Bondarchuk in „Vulkan“ zeigt, wie politische Instabilität eine Gemeinschaft zersetzt.


Mit der Empfehlung den Max Ophüls-Preis gewonnen zu haben kommt „Das melancholische Mädchen“ nach Linz, in dem Susanne Heinrichs in einem Mix aus Spielfilm und Essayfilm von einer jungen Frau erzählt, die auf der Suche nach einem Schlafplatzdurch eine Großstadt driftet. Mehmet Akif Büyükatalay wiederum bietet in „Oray“ einen ungewohnten und klischeefreien Einblick in türkisch-islamische Lebenswelten.


Auch unter den elf Dokumentarfilmen, die im Wettbewerb um den mit 5000 Euro dotierten Crossing Europe Social Awareness Award konkurrieren, lassen sich jetzt schon echte Perlen ausmachen. Geradezu hymnisch gefeiert wurde bei der Berlinale Thomas Heises dreieinhalbstündige Erkundung der Geschichte einer zerrissenen deutschen Familie vom ausgehenden 19. bis zum 21. Jahrhundert in „Heimat ist ein Raum aus Zeit“.


Die Schweizerin Anja Kofmel zeichnet dagegen in „Chris the Swiss“ in einem aufregenden Mix aus Interviews, Archivmaterial und großartigen schwarzweißen Animationsszenen die Geschichte ihres Cousins nach, der im Bosnienkrieg ermordet wurde. Die Politik Putins beleuchtet Vitaly Mansky in „Putin´s Witnesses“, während Anna Eborn in „Transnistra“ auf die Situation von Menschen am Rand Europas blickt.


Neu geschaffen wurde die von Studenten der HBLA für künstlerische Gestaltung Linz kuratierte Wettbewerbssektion YAAS!, in der sechs Spielfilme gezeigt werden, die sich mit den Lebensrealitäten von Jugendlichen und Erwachsenen auseinandersetzen. Auch hier spannt sich geographisch der Bogen von Dänemark („Denmark“, Rune Larsen“) über Deutschland („Schwimmen“, Luzie Loose) bis Weissrussland („Crystal Swan“, Darya Zhuk) und Slowenien („Consequences“, Darko Stante).


Vielfalt und Hochkarätiges versprechen auch die 30 Spiel- und Dokumentarfilme, die in der Schiene „European Panorama“ gezeigt werden. Mit „The Souvenir“ feiert hier der neue Film der Britin Joanna Hogg ebenso seine Österreichpremiere wie der in Locarno preisgekrönte „Sibel“, in dem Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti von einer jungen stummen türkischen Frau erzählen, die sich langsam aus der patriarchalen Macht ihres Vaters löst. Aber auch auf Teona Strugar Mitevskas Feier einer starken Makedonierin in der religionskritischen Gesellschaftssatire „God Exists, Her Name is Petrunya“ darf man sich hier als Abschlussfilm freuen.


Einen Blick auf das Spannungsfeld „Frauen und Arbeit“ werfen mit vier Filmen die „Arbeitswelten“, während die Schiene „Architektur und Gesellschaft“ „Kontaminierte Orte“ in den Mittelpunkt rückt. Mit sechs Filmen wird im heurigen Tribute das Werk des 1970 in Barcelona geborene Jaime Rosales vorgestellt, der als eine der wichtigsten Stimmen des spanischen Gegenwartskinos gilt.


Neben zahlreichen Arbeiten lokaler Filmschaffender in der Sparte „Local Artists“ bietet auch heuer wieder die vom Filmjournalisten Markus Keuschnigg kuratierte Schiene „Nachtsicht“ mit fünf Filmen einen bunten Streifzug durch den aktuellen europäischen „Fantastischen Film“. Der Bogen spannt sich dabei vom Überlebenskampf im Eis der Arktis („Arctic“, Joe Penna) bis zum Rückzug ins vermeintlich friedliche Landleben („The Hole in the Ground“, Lee Cronin).


Mit 140 Filmgästen werden sich im Laufe der sechs Tage auch zahlreiche spannende Publikumsdiskussionen ergeben, dazu kommen eine Masterclass mit Jaime Rosales, mehrere Podiumsdiskussionen und die Nightline mit einem Musikprogramm bis tief in die Nacht hinein.