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  • AutorenbildWalter Gasperi

Catch the Killer


Der Titel des englischsprachigen Debüts des Argentiniers Damián Szifron ist Programm: Schnörkellos und ohne Spektakel, aber packend wird in diesem mustergültigen Genrefilm von der Jagd nach einem Serienkiller erzählt.


Richtig klassische Genrefilme bekommt man im Kino nur noch selten zu sehen. Viel lieber spielen Regisseur:innen heutzutage mit Genremustern, zitieren, parodieren oder übertreiben oder bieten aber Spektakelkino, in dem Special-Effects und Materialschlachten die Handlung und die Figuren in den Hintergrund drängen.


Damián Szifron, dem vor neun Jahren mit dem Episodenfilm "Wild Tales – Relatos salvajes" (2014) ein fulminantes Debüt gelang, interessiert sich in seinem ersten englischsprachigen Film – und seinem ersten Film seit "Wild Tales" – erfreulicherweise nicht für diese Spielereien, sondern bietet schnörkelloses Genrekino klassischer Schule.


Schon zu den Vorspanncredits setzt die in Baltimore spielende Handlung mit Silvesterfeuerwerken und pulsierender Partymusik ein, bis die ausgelassene Stimmung durch einzelne Schüsse abrupt in Panik umschlägt. Rasch ergibt die Prüfung der Flugbahn, dass alle 29 Menschen von einer Wohnung aus erschossen wurden, die aber kurz darauf vom Täter selbst in die Luft gesprengt wird. – Keine Spuren werden so gefunden, weder Fingerabdrücke noch Haare noch Patronenhülsen. Zudem lässt sich nichts Verbindendes zwischen den Opfern feststellen, auffallend ist allerdings, dass jedes von ihnen mit einem einzigen Präzisionsschuss aus großer Distanz getötet wurde.


Schon in dieser Eröffnungsszene demonstriert Szifron, der auch für den Schnitt verantwortlich zeichnet, seine Könnerschaft. Mit nächtlichen Flugaufnahmen der Skyline von Baltimore sowie dem Spiel mit Licht und Farben evoziert er ebenso intensiv die Silvesterstimmung wie mit nahen Einstellungen die anschließende Panik und das Chaos.


Mit der jungen Polizistin Eleanor Falco (Shailene Woodley) führt er auch gleich seine Protagonistin ein, die bei der Durchsuchung der zerstörten Wohnung auf den erfahrenen FBI-Agent Lammark (Ben Mendelsohn) trifft. Beeindruckt von ihrer scharfen Beobachtungsgabe und weil sie sich aufgrund ihres eigenen angeschlagenen psychischen Zustands in die Gedanken des Killers hineinversetzen kann, holt Lammark Eleanor in sein Team, zu dem auch noch der Afroamerikaner Jack Mackenzie (Jovan Adepo) gehört.


Während Mackenzie eine Nebenrolle spielt, bilden Eleanor und Lammark mit dem Gegensatz von Mann und Frau sowie von Erfahrung und Jugend ein klassisches Duo. Ihre nicht friktionsfreie Zusammenarbeit bei der Suche nach dem Serienkiller ist eine wichtige Triebfeder dieses Thrillers.


Zu verdanken ist dies auch dem starken Spiel von Shailene Woodley, die auch als Koproduzentin fungiert, und Ben Mendelsohn. Während Woodley Eleanor zurückhaltend und wortkarg, als genau beobachtende, aber auch unsichere junge Frau spielt, verleiht Mendelsohn Lammark nicht nur Schroffheit, sondern lässt auch den Druck spüren, der auf ihm lastet.


Denn Szifron deckt auch prägnant die Kontroversen zwischen Lammark und den politischen Entscheidungsträgern sowie anderen Gruppierungen im Polizeiapparat auf. Konkurrenzdenken und Kompetenzstreitigkeiten werden ebenso sichtbar wie das Streben nach Ruhm und die Abschiebung von Fehlern auf jeweils andere.

Immer wieder muss hier Lammark gezwungenermaßen Kompromisse eingehen und Niederlagen, die andere verursacht haben, auf sich nehmen, um nicht vom Fall abgezogen zu werden. Denn da die Chefetagen von Politik und FBI bestens vernetzt sind und hier eine Hand die andere wäscht, ist Lammark nur eine Marionette in diesem Räderwerk.


Diesen beiläufigen Einblick in dieses ziemlich schmutzige Gefüge bettet Szifron in die Suche nach dem Killer ein. Dynamisch und schnörkellos treibt er dabei die Handlung voran, bringt bald einen Verdächtigen ins Spiel, sorgt mit einem weiteren Schussattentat in einem Einkaufszentrum und einer Konfrontation mit einer Gruppe Rechtsradikaler für durchgängige Spannung, bietet aber auch Einblick in die persönliche Situation von Eleanor und Lammark.


Das ist klassisches, geradliniges Storytelling, das auf starke Figuren und eine kompakt erzählte Geschichte setzt, dabei aber auch geschickt gesellschaftskritische Momente vom amerikanischen Waffenwahn bis zum grassierenden Rassismus und Rechtsradikalismus einfließen lässt.


Dichte gewinnt "Catch a Killer" dabei auch durch die Konzentration auf die Mörderjagd, die starke Filmmusik von Carter Burwell und die Situierung in einem von Kameramann Javier Juliá großartig eingefangenen, winterlich kalten und verschneiten Baltimore, das die düstere Grundstimmung verstärkt. Den Serienkillerfilm revolutioniert Szifron damit zwar nicht, bietet aber zwei hochspannende Kinostunden in der Tradition von David Finchers "Se7en" oder Jonathan Demmes "The Silence of the Lambs".


Catch the Killer USA 2023 Regie: Damián Szifron mit: Shailene Woodley, Ben Mendelsohn, Ralph Ineson, Jovan Adepo, Marcella Lentz-Pope Länge: 119 min.



Läuft derzeit in den österreichischen und deutschen Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems


Trailer zu "Catch the Killer"




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