• Walter Gasperi

Careless Crime


Ausgehend von einem Brandanschlag auf ein Kino im Iran im Vorfeld der Revolution von 1979 reflektiert Shahram Mokri in der Verknüpfung von mehreren Ebenen über das Kino. – Ein eigenwilliger Filme, der es mit seinen langen Plansequenzen und seinen Wiederholungen und Variationen von Szenen dem Publikum nicht unbedingt leicht macht.


Im Vorfeld der Islamischen Revolution von 1979 kam es aus Protest gegen die westliche Kultur im Schah-Regime im Iran wiederholt zu Anschlägen auf Kinos. Am folgenreichsten war der Brandanschlag am 19. August 1978 auf das Cinema Rex in der am Schatt al Arab gelegenen Raffineriestadt Abadan. Laut Film kamen damals 478 Menschen, laut Wikipedia 422 ums Leben.


In der Gegenwart spielt Sharam Mokris Film zwar, knüpft aber mit der Vorbereitung eines Kinos für die Premiere des Films "Careless Crime" und vor allem mit den anschließenden Inserts an die historische Katastrophe an. Mit Auszügen aus den Gerichtsakten wird Einblick in deren Verlauf gegeben von den Türen, die sich von ihnen nicht öffnen ließen, über die zu spät eintreffende Feuerwehr, deren Wassertanks zudem leer waren, bis zum Umstand, dass auch drei der vier Täter umkamen und der vierte nach der Revolution gefangen genommen und hingerichtet wurde.


Vom Kinosaal öffnet "Careless Crime" gleichzeitig den Blick auf die Leinwand, auf der ein Film gleichen Titels läuft, der von drei Soldaten erzählt, die mit ihrem defekten Geländewagen in einer abgeschiedenen Bergregion liegen bleiben und dort auf zwei junge Frauen treffen, die in einem improvisierten Freiluftkino eine Vorführung des alten iranischen Films "The Deer" vorbereiten. Dies ist freilich wieder genau der Film, der 1978 bei der Brandkatastrophe lief, und ein kurzer Ausschnitt daraus fließt auch in Mokris Film ein.


Zu diesem Spiel mit Kinosaal und Film kommt auf einer weiteren Ebene der drogensüchtige Takbali, der mit drei weiteren älteren Männern einen Anschlag auf das Kino plant, in dem "Careless Crime" läuft, doch im Gegensatz zu damals soll heute das Publikum unmittelbar nach Brandlegung alarmiert werden. Wenn dieser Mann, der den gleichen Namen trägt wie der damals hingerichtete Täter, ein Filmmuseum besucht und an einem Schnittmonitor Harold Shaws 1912 entstandenen kurzen Stummfilm "The Crime of Carelessness", in dem vor Brandgefahren gewarnt wird, ansieht, tritt Mokris Film auch noch in einen Dialog mit der Filmgeschichte.


Während der 43-jährige Iraner seine letzten beiden Filme "Fisch & Cat" (2013) und "Invasion" (2018) in einer Einstellung drehte, gleichwohl das Zeitkontinuum aufbrach, waren hier Schnitte allein schon aufgrund der verschiedenen Handlungsebenen unvermeidbar. Geblieben sind freilich die langen, vielfach eine ganze Szene umfassenden Plansequenzen, in denen die Kamera Takbali auf seinen Wegen folgt oder auch den Film im Film inszeniert. In letzterem wiederholen sich zudem mehrfach Szenen und Dialogzeilen oder werden leicht variiert.


Leicht macht es Mokri dem Publikum sicher nicht, doch lässt man sich auf dieses schillernde Spiel mit Kino und Realität ein, entwickelt "Careless Crime" mit seiner komplexen Erzählweise zweifellos große Faszination. Eindrücklich beweist Mokri nämlich, welche Möglichkeiten Film hat abseits stromlinienförmiger Muster zu erzählen und wie mit dieser offenen Form, bei der nicht alles ausformuliert wird und die verschiedenen Ebenen sich aneinander reiben, die Fantasie und das Denkvermögen des Publikums angeregt werden können.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Careless Crime"