• Walter Gasperi

Boiling Point


Kurz vor Weihnachten stehen Küche und Service eines voll besetzten Londoner Nobelrestaurants unter Druck: Philip Barantini lässt das Publikum, unterstützt von einem großartigen Ensemble, in einer atemberaubenden, ungeschnittenen 90-minütigen Einstellung hautnah am Geschehen teilhaben. – Ein atemloses, mitreißendes filmisches Meisterstück.


Schon Alfred Hitchcock hat 1948 "Rope – Cocktail für eine Leiche" scheinbar in einer ungeschnittenen Einstellung gedreht, in Wahrheit freilich jeden Schnitt nach dem jeweils zehnminütigen Rollenwechsel nur durch geschickte Übergänge kaschiert. Schier endlose Einstellungen wurden erst in Zeiten des digitalen Films möglich.


Alexander Sokurov ließ so Kameramann Tilmann Büttner für "Russian Ark" (2002) mit einer Steadycam-Kamera 96 Minuten durch die St. Petersburger Eremitage und durch 200 Jahre russische Geschichte gleiten. Sebastian Schipper folgte mit Kameramann Sturla Brandt Grøvlen in "Victoria" (2015) in atemlosen 140 Minuten einigen jungen Erwachsenen durch zunehmend dramatische Ereignisse in einer Berliner Nacht. Und Sam Mendes versetzte mit Kameramann Roger Deakins in "1917" (2019) ebenfalls mit einer ebenfalls scheinbar ungeschnittenen Einstellung auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs.


Immersion ist meist das Ziel dieser Technik, denn hautnah wird das Publikum dadurch ins Geschehen hineingezogen. Keine Distanz gibt es hier, sondern unmittelbar nimmt man an den Ereignissen teil. Brillant bedienen sich nun auch der Brite Philip Barantini und sein Kameramann Matthew Lewis dieser Methode.


Mittendrin im Film ist man schon, wenn der Spitzenkoch Andy Jones (Stephen Graham) auf dem Weg zur Arbeit mit seiner Frau telefoniert. In Parallelfahrt folgt die Kamera Andy, während man über das Telefonat Einblick in eine belastende Trennung bekommt. Zu dieser persönlichen Situation kommt, dass Andy zu spät dran ist und an diesem Freitag vor Weihnachten ein stressiger Abend in seinem vollbesetzten Restaurant wartet.


Nicht genug damit erwartet ihn vor Ort auch noch ein Beamte der Lebensmittelkontrolle, der das Lokal wegen nicht korrekter Aufzeichnungen abwertet. Zudem ist bei der Bestellung der Waren einiges vergessen worden und die Küche muss improvisieren. Gleichzeitig treffen auch schon die teils schwierigen Gäste ein, unter denen sich nicht nur eine Frau mit einer Nuss-Allergie und ein rassistischer Familienpatriarch befindet, sondern überraschend auch ein TV-Koch, der eine gefürchtete Gourmet-Kritikerin mitbringt.


Nicht nur aufs Kochen bezieht sich so der Titel "Boiling Point", sondern von Anfang an am Siedepunkt ist auch die Stimmung, denn zu beruflichem Druck kommen neben den privaten Problemen Andys auch immer wieder Differenzen zwischen Küche und Service-Team, psychische Probleme eines Konditor-Jungen, der sich ritzt, eine unzuverlässige Küchenhilfe und eine angeschlagene Chefin des Service.


Ungemein dicht ist das Drehbuch von James Cummings und Barantini, der für seinen zweiten Spielfilm seinen 2019 gedrehten Kurzfilm "Boiling Point" ausbaute. Man spürt, dass der britische Schauspieler genau weiß, wovon er erzählt, hat er doch nebenberuflich selbst über viele Jahre als Koch in verschiedenen Küchen gearbeitet.


Verstärkt wird die Kompaktheit des Drehbuchs aber vor allem durch die meisterhafte Inszenierung. Fließend wechselt der Film mit seiner stets bewegten Kamera zwischen Küchen-Personal und Service, folgt bald dieser Person, bald jener, ist bald bei der Zubereitung der Speisen, bald bei den Gästen. Dass die Echtzeit, die durch die ungeschnittene Einstellung vorgetäuscht wird, aufgrund der Fülle der Ereignisse nicht der Realität entsprechen kann, stört dabei nicht.


Denn enormen Drive und Sog entwickelt "Boiling Point" mit diesem Kamerafluss, kommt nie zur Ruhe und lässt immer wieder Situationen eskalieren, bis diese dann – zumindest vorerst - doch wieder kalmiert werden. Doch sukzessive steigern sich Spannungen und Druck, denn neben den familiären treten unter anderem langsam auch weitere Probleme Andys zu Tage.


Rein technisch ist der Dreh in einer 90-minütigen Einstellung schon eine Meisterleistung, denn hier kann keine einzelne Szene wiederholt werden, sondern der ganze Film musste am Stück gedreht werden. Ausgiebige Proben waren so im Restaurant „Jones & Sons“ in East London nötig, das Barantini als Drehort wählte, da er hier selbst als Koch gearbeitet hatte. Waren zunächst acht Durchläufe geplant, so konnte aufgrund der Corona-Pandemie der Film im März 2020 nur viermal gedreht werden. – Barantini entschied sich schließlich für die dritte Aufnahme.


Doch nicht nur die Arbeit der Kamera und das dichte Drehbuch sind bewundernswert, sondern perfekt agiert auch das Ensemble. Jede Figur wirkt hier lebensecht und lässt eintauchen in die Restaurant-Welt. Auch der Verzicht auf Filmmusik, die erst zum Abspann einsetzt, verstärkt diesen dichten, fast schon dokumentarischen Einblick. – Und so unvermittelt "Boiling Point" einsetzt, so abrupt endet er, wobei die Handlung wie am Beginn mit dem Telefonat zu Schwarzfilm wiederum mit Dialogen zu Schwarzfilm bis in den Nachspann fortgeführt wird.



Boiling Point Großbritannien 2021 Regie: Philip Barantini mit: Stephen Graham, Vinette Robinson, Alice Feetham, Ray Panthaki, Hannah Walters, Malachi Kirby, Izuka Hoyle, Taz Skylar, Lauryn Ajufo Länge: 92 min.

Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Boiling Point"