• Walter Gasperi

Ammonite


Im England des 19. Jahrhundert entwickelt sich in einem Küstendorf eine geheime Liebe zwischen der Fossiliensammlerin Mary Anning und einer verheirateten jungen Frau aus reichem Haus: Francis Lees Nachfolgefilm zum gefeierten Debüt "God´s Own Country" ist ein wortkarges, zurückhaltend inszeniertes und von Kate Winslet und Saoirse Ronan stark gespieltes Drama, in dem die Leidenschaft nur punktuell zwischen den rauen Bildern auflodert.


Nie hatte die Engländerin Mary Anning (1799 – 1847) eine wissenschaftliche Ausbildung genossen und gilt dennoch als eine der ersten Paläontologinnen. Zentrale Fossilienfunde von Dinosauriern gelangen ihr an der Küste ihres südenglischen Heimatorts Lyme Regis, erhielt ab ihren Enddreißigerin eine jährliche Pension der British Association for the Advancement of Science als Dank für ihre Leistungen und wurde zum ersten Ehrenmitglied des neuen Dorset Country Museum, geriet aber nach ihrem Tod in Vergessenheit.


Francis Lee, dem mit dem Homosexuellen-Drama "God´s Own Country" 2017 ein starkes Debüt gelang, erzählt nicht das Leben Annings nach, ruft aber ihre Bedeutung in Erinnerung und entwickelt um die historische Person eine fiktive lesbische Liebesgeschichte. Dass sie in der männlich dominierten Wissenschaft nie eine Chance hatte allgemein anerkannt zu werden, macht dabei schon die erste Szene deutlich, in der ein männlicher Kollege das Skelett eines Ichthyosaurus (Fischsaurier), einer von Annings berühmtesten Funde, für sich reklamiert


Wie ihre Funde ist sie auch selbst versteinert durch die Ignoranz der Männer und mit emotionslos-kaltem Blick spielt Kate Winslet diese Forscherin, die mit ihrer kranken Mutter (Gemma Jones) in armseligen Verhältnissen lebt. Nur mit dem Verkauf von Fossilien und anderer Souvenirs an Touristen können sie sich über Wasser halten. Die großartigen wolkenverhangenen Küstenbilder von Kameramann Stéphane Fontaine, das tosende Meer und die gedeckten Farben evozieren eindrücklich eine bedrückende Stimmung.


Verstärkt wird die raue Ästhetik, die ebenso wie die versteinerte Protagonistin das Aufkommen von Romantik weitgehend unterbindet, durch die Wortkargheit und die Reduktion des Musikeinsatzes auf markante Stellen. Wie "God´s Own Country" ganz entscheidend von der windigen Landschaft Yorkshires und dem Milieu einer einfachen Schafzüchterfamilie geprägt wurde, so ist es hier diese Küstengegend. Viel Zeit lässt sich Lee für ihre Schilderung. Atmosphärische Dichte entwickelt "Ammonite" dabei auch durch den detailreichen Blick auf Lebensbedingungen und die mühsame und schmutzige Gewinnung der Fossilien. Erst aus dieser Grundlage heraus entwickelt der 52-jährige Brite die ruhig erzählte Handlung.


Ablehnend reagiert Mary zunächst, als der reiche Paläontologe Roderick Murchinson (James McArdle) sie bei ihren Forschungen an der Küste begleiten will. Da er gut bezahlt, nimmt sie ihn aber mit. Wenig begeistert ist Mary auch, als Murchinson sie bittet, sich während seiner Europareise sich um dessen seit dem Tod eines ungeborenen Kindes schwermütige Frau Charlotte (Saoirse Ronan) zu kümmern. Doch wieder stimmt sie das dringend benötigte Geld, das sie dafür bekommen soll, um. Verhält sich Mary zunächst abweisend, so taut sie langsam auf, als Charlotte erkrankt, und es entwickelt sich trotz des Standesunterschieds eine leidenschaftliche Liebe.


Abgesehen von einigen expliziten und allzu ausführlichen Sexszenen bleibt die Inszenierung aber auch hier so zurückhaltend und unterkühlt wie Kate Winslets Mary. Während Saoirse Ronans Charlotte durch die Liebe aufblüht und Lebensfreude entwickelt, scheint für Mary bis hin zum einprägsamen offenen Schlussbild immer die Forschung Vorrang vor den Gefühlen zu haben und zwischen der privaten Beziehung zu stehen.


Unübersehbar dienen die Fossilien Lee dabei als Metapher für die menschliche Versteinerung. Wie diese Funde durch Bearbeitung ihre Geheimnisse preisgeben, so bringt auch die Begegnung mit Charlotte bei Mary, deren Emotionen durch Verbitterung und Enttäuschungen förmlich zugeschüttet sind, etwas in Bewegung.


An Céline Sciammas "Portrait de la jeune fille en feu" erinnert dabei nicht nur das historische Setting und die abgeschiedene Küstenregion, sondern auch die weitgehende Abwesenheit von Männern. Leicht kann hier der Verdacht des Abkupferns aufkommen, doch Lee hat die Dreharbeiten schon Anfang Mai 2019 beendet, während "Portrait de la jeune fille en feu" erst Mitte Mai in Cannes seine Premiere feierte.


Der Vergleich, den die Parallelen unweigerlich herausfordern, fällt allerdings zu Ungunsten von "Ammonite" aus. Lee gelingt es nämlich nie so intensiv wie Sciamma die Kraft des Begehrens zu beschwören. Wie seine Protagonistin kann er sich letztlich nicht entscheiden, ob er Annings Forschung oder die Liebesgeschichte ins Zentrum stellen will. Unentschieden pendelt dieses Drama so zwischen diesen Polen und so sehr man die zurückhaltende Inszenierung, die formale Geschlossenheit und das Spiel von Winslet und Ronan auch bewundert, so will das Feuer der Leidenschaft, von dem hier auch erzählt wird, nicht so richtig auf den Zuschauer überspringen.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Skino in Schaan und ab 2. Juni im Kinok in St. Gallen


Trailer zu "Ammonite"