• Walter Gasperi

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl


Caroline Link hat Judith Kerrs autobiographisches Jugendbuch über die Flucht ihrer jüdischen Familie aus dem nationalsozialistischen Deutschland sorgfältig verfilmt. Über die historische Geschichte hinaus macht die Oscar-Preisträgerin dabei unaufdringlich, aber bewegend die Schwere jedes Flüchtlingsschicksals bewusst.


Die Familie ist das große Thema im Werk Caroline Links. Aber nicht die Idylle, sondern die Probleme, Risse und Belastungen, die es innerhalb von Familien immer wieder gibt, stehen dabei meist im Mittelpunkt. In ihrem preisgekrönten Debüt „Jenseits der Stille“ (1996) erzählte sie von einer jungen Musikerin und ihren gehörlosen Eltern, im Oscar-Sieger „Nirgendwo in Afrika“ (2003) von einer jüdischen Familie, die aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Kenia flieht, in „Im Winter ein Jahr“ (2008) vom Umgang einer Familie mit dem Selbstmord des Sohnes und zuletzt adaptierte sie mit „Der Junge muss an die frische Luft“ (2018) mit großem Erfolg Hape Kerkelings autobiographische Verarbeitung seiner Kindheit und Jugend im Recklinghausen der 1970er Jahre.


Wie prädestiniert war Link geradezu für die Verfilmung von Judith Kerrs 1971 erschienenen Jugendroman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, erzählt die im Mai 2019 in London verstorbene Autorin darin doch autobiographisch von der Flucht ihrer Familie aus Nazi-Deutschland.


Die Handlung setzt im Februar 1933 ein, doch auf das, was sonst Filme über diese Zeit bestimmt wie Nazi-Aufmärsche, Hitler-Reden und SA-Terror verzichtet Link völlig. Nur am Beginn sieht man Jugendliche in NS-Uniformen, die bei einer Faschingsveranstaltung Jagd auf den als Zorro verkleideten Bruder der neunjährigen Anna (Riva Krymalowski) machen. Durch die Faschingsverkleidung aller Figuren ist diese Szene aber auch wieder teilweise der Realität enthoben, gehen Spiel und bitterer Ernst ineinander über.


Nach diesem Auftakt konzentriert sich Link ganz auf die Familie Kemper, die in einem großbürgerlichen Berliner Haus lebt, in dem sich die Haushälterin liebevoll um Anna und ihren drei Jahre älteren Bruder Max (Marinus Hohmann) kümmert. Materiell fehlt es der Familie an nichts, die Kinder besitzen vielfältiges Spielzeug, Porzellan, ein Konzertflügel und eine Limousine zeugen von Wohlstand. Die Mutter (Carla Juri) ist eine begeisterte Pianistin, der Vater (Oliver Masucci) - im wahren Leben der berühmte Alfred Kerr - ein renommierter Theaterkritiker, Schriftsteller und Journalist, der in Radio und Presse Hitler scharf attackiert.


Weil er durch Hitlers Machtübernahme die Familie gefährdet sieht, flieht er mit seiner Frau und den beiden Kindern in die Schweiz. Nicht nur ihr rosa Kaninchen muss Anna, aus deren Perspektive erzählt wird, zurücklassen, sondern muss sich in einem Schweizer Bergdorf auch an andere Sitten, ungewohntes Essen und einen fremden Dialekt gewöhnen.


Engt Link hier schon die Wohnverhältnisse mit einer Unterkunft in einem Gasthof und den engen Gassen im Bergdorf gegenüber dem Haus in Berlin deutlich ein, so werden die Lebensbedingungen mit der Übersiedlung nach Paris, wo sich der Vater mehr Aufträge erhofft, noch bedrückender: Man lebt in einer engen und dunklen Mietwohnung, muss beim Essen sparen und die Kinder müssen natürlich wieder eine neue Sprache lernen. Dazu kommt noch, dass sich die Auftragslage für den Vater zunächst nicht verbessert und auch antisemitische Ressentiments der Vermieterin spürbar werden.


„Flüchtling sein heißt, immer unterwegs zu sein“ ist ein zentraler Satz des Films und Link arbeitet dieses Unterwegssein und das ständige Anpassen an eine neue Umwelt plastisch heraus. Während so die Räume einerseits enger werden, weitet sich andererseits der Blick – und damit auch der Horizont Annas – wenn Totalen sie in der Schweizer Bergwelt zeigen oder wenn sie vom Eiffelturm über Paris blickt.


Mit großem Einfühlungsvermögen versetzt Link den Zuschauer in die Wahrnehmung und Gefühlswelt Annas. Sicher hält sie den Film in der Balance, verharmlost das Flüchtlingsschicksal nie, sondern macht die Schwierigkeit und die Not eindrücklich erfahrbar, verbreitet aber immer auch Hoffnung und lässt den Vater die Kinder lehren in die Zukunft und nicht zurück zu blicken.


Auf große Regieeinfälle und Effekte verzichtet Link, sorgt allein durch Nachrichten aus Deutschland dafür, dass der Nazi-Terror in der Heimat und die Notwendigkeit der Flucht immer präsent bleiben. Mit dem Musikeinsatz übertreibt es die 55-jährige Regisseurin zwar, erzählt sonst aber zurückhaltend und vertraut ganz auf die Geschichte und die Schauspieler.


Ohne den Bezug zur Gegenwart zu forcieren, macht sie auch dank eines starken Ensembles, das von der natürlich spielenden Riva Krymalovski als Anna angeführt wird, anhand dieser historischen Geschichte bewegend erfahrbar, wie leidvoll ein Flüchtlingsschicksal immer ist und wie weit der Weg zu einer neuen Heimat sein kann.


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Trailer zu "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"