• Walter Gasperi

Alpenland


Robert Schabus ("Bauer unser") stellt in seinem 90-minütigen Dokumentarfilm kommentarlos sechs Lebensräume in den Alpen vor und stellt dabei immer wieder traditionelles Leben und Wirtschaften der Zerstörung und Verschandelung der Bergwelt gegenüber.


Mit einem krassen Gegensatz und völliger Künstlichkeit setzt „Alpenland“ ein: In einer Halle wird Ski gefahren und an den Banden benennen Aufschriften die Orte Saalbach, Zell am See oder einen Nationalpark. – Ein Blick aus der Totale zeigt aber, dass die Halle in einer schneelosen Berglandschaft liegt.


Quer über den Alpenbogen porträtiert Robert Schabus kommentarlos sechs Orte zwischen traditionellem Leben und Wirtschaften und Verwerfungen des Fortschritts und der Tourismusindustrie. Von der ums Überleben kämpfenden Bergbauernfamilie im Kärntner Mölltal bis zum Bau- und Immobilienboom in Garmisch-Partenkirchen spannt er den Bogen.


Die Bilder von Lukas Gnaiger decken die Umweltzerstörung durch die Eingriffe in die Natur mit Speicherseen zur Wassergewinnung für die Schneekanonen ebenso auf wie ein Förster, der Fotos von Garmisch-Partenkirchen von einst und jetzt vergleicht. Weil Betongold als sicherer als Aktien gilt, schießen die Preise in die Höhe und bei einer Wohnung mit guter Sicht kann der Quadratmeterpreis auch mal 10.0000 Euro betragen.

Diesem Bauboom mit Ferienwohnungen und der Verschandelung der Natur mit weißen Skipisten-Bändern in schmutzig brauner Landschaft, steht das intakte bäuerliche Leben im Mölltal oder das Kleingewerbe im Lombardischen Premana gegenüber. 30 kleine Produzenten von Eisenwaren, vor allem von Messern und Scheren, gibt es hier noch und alle Reparaturen können durch Handwerker aus dem Dorf erledigt werden. Große Gewinne werfen diese Familienbetriebe freilich nicht zuletzt aufgrund hoher Transportkosten nicht ab.

Diesem historischen Dorfbild steht in den französischen Alpen das Retorten-Tourismusdorf Meribel gegenüber. Hier fokussieren Schabus / Gnaiger auf einen Arzt, der Kunden nur noch in der Tourismussaison hat und für den wohl kein Nachfolger gefunden werden wird. Weil die Hotels zunehmend durch Ferienwohnungen verdrängt werden, fallen sukzessive auch die Saisonarbeiter weg, die nicht nur für den Arzt, sondern auch für die Supermärkte eine wichtige Kundschaft waren.


Wie in Garmisch-Partenkirchen wird die Saison auch hier durch Schneemangel immer kürzer. Nur künstlich kann sie noch durch Schneekanonen verlängert werden. Um diese wiederum zu finanzieren hat die Gemeinde Garmisch-Partenkirchen für jede einzelne jeweils eine Sozialwohnung verkauft.


Im Sturatal in Piemont fanden Schabus / Gnaiger eine Ziegenbäuerin und ihren von Schafzucht lebenden Vater. Vom Erfüllenden der kompletten Produktion spricht sie, aber auch vom immensen Schwerverkehr durchs Tal - auch aufgrund des Abtransports ihrer Produkte. Und in Zermatt wird schließlich der Schnee mit mächtigen Leintüchern abgedeckt, um sein Schmelzen zu verlangsamen, und der Tourismus wird von inzwischen 2000 Portugiesen aufrecht erhalten. – Vor 30 Jahren waren es noch 200.


In trefffenden Bildern vermitteln Schabus und sein Kameramann einen Eindruck von der Schönheit und Natürlichkeit der Regionen einerseits ebenso wie von der Verschandelung. Stehen auf der einen Seite immer wieder mit Familienstrukturen und Weitergabe von Arbeit und Job an den Sohn oder die Tochter Tradition und erfülltes Leben im Einklang mit der Umwelt, so steht auf der anderen Seite schnelle Profitgier. Ökologie steht der Ökonomie gegenüber und das ökonomische Denken führt auch zu sozialen Verwerfungen, wenn auch in Zermatt die Wohnungspreise ins Unerschwingliche steigen und die aus Portugal stammende Bäckerin aus Kostengründen im Nachbarort Täsch wohnt.


So zeichnet „Alpenland“, in dem Beurteilung des Gezeigten den Zuschauer*innen überlassen wird, in den sechs Kapiteln ein facettenreiches, aber auch bedrückendes Bild vom Leben und Wirtschaften im Alpenraum. Auch wenn die Tochter des Kärntner Bergbauern am Ende erklärt "Irgendwie wird es schon weitergehen", scheint dies einem Zweckoptimismus geschuldet und verbreitet kaum echte Zuversicht.

Alpenland Österreich 2022 Regie: Robert Schabus Dokumentarfilm Länge: 90 min.


Läuft derzeit im Metrokino Bregenz TaSKino Feldkirch im Kino Rio: 16.6. - 18.6. Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: 24.8.


Trailer zu "Alpenland"