• Walter Gasperi

About Endlessness - Über die Unendlichkeit


In 32, nur teilweise miteinander verbundenen Szenen, die jeweils nur aus einer statischen Totalen bestehen, reflektiert der Schwede Roy Andersson lakonisch über Glaube, Einsamkeit, Verletzlichkeit, Krieg und Vergänglichkeit: Ein in fahle Farben getauchtes Filmkunstwerk, das trotz der Tristesse des Gezeigten durch die formale Brillanz Leichtigkeit und Poesie ausstrahlt.


Der 1943 geborene Roy Andersson gehört zu den Ausnahmeregisseuren des aktuellen Weltkinos. 1970 legte er mit dem mehrfach ausgezeichneten „Eine schwedische Liebesgeschichte“ sein Debüt vor, dem er fünf Jahre später seinen zweiten Spielfilm („Giliap“) folgen ließ. Nach dessen Misserfolg wurde es aber still um den Schweden und 25 Jahre lang drehte er nur Werbefilme.


Erst 2000 meldete sich Andersson mit „Songs from the Second Floor“ auf der Bühne des internationalen Arthouse-Kinos zurück und drehte in den folgenden 20 Jahren kontinuierlich, aber in langen Abständen mit „Das jüngste Gewitter“ (2007), „Eine Taube sitzt auf dem Dach und denkt über das Leben nach“ (2014), der in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, und nun „About Endlessness“ drei weitere Spielfilme.


Unverkennbar ist dabei nicht nur der Stil dieser Filme, sondern man sieht ihnen auch die penible und jahrelange Vorbereitung an: Statisch bleibt die Kamera, erfasst in langen Totalen, die stets eine ganze Szene umfassen, das Geschehen. Kein Schnitt sorgt hier für Akzentuierung, sondern der Zuschauer wird auf Distanz gehalten und muss sich selbst in diesen Tableaus umsehen, in denen aufgrund brillanter Tiefenschärfe Vordergrund und Hintergrund gleich wichtig sind.


Den Glauben ans Kino können einem Anderssons Filme zurückgeben, denn für die große Leinwand sind sie gemacht mit diesen Bildern, die an Gemälde von Otto Dix erinnern. Auf einem Bildschirm können sie bestenfalls ansatzweise ihre Wirkung entfallen. Nicht nur der brillante Bildaufbau, sondern auch Licht und Farbe sind hier in jedem Detail überlegt gesetzt. In fahle Farben sind diese Tableaus getaucht, der Himmel ist immer grau und wolkenverhangen, die Gesichter der Figuren sind bleich, sodass sie wie Untote wirken, und blasse Grau- und Beigetöne bestimmen auch die Kulissen.


Perfekt korrespondiert das Visuelle mit dem Inhalt, denn immer geht es um die Vergeblichkeit und Vergänglichkeit, um das Verzweifeln an der Abwesenheit Gottes und um die Indifferenz der Gesellschaft gegenüber dem Unglück des Individuums.


Keine stringente Geschichte entwickelt Andersson dabei, sondern reiht vielmehr 32 kleine Szenen aneinander, die durch Schwarzfilm voneinander getrennt und inhaltlich nur teilweise miteinander verbunden sind. Aus dem Off leitet eine Frauenstimme, zu der Andersson nach eigener Aussage die Erzählerin Sheherazade in den Geschichten von „Tausendundeiner Nacht“ inspiriert hat, diese Miniaturen meistens, aber nicht immer mit dem Satz „Ich sah einen Mann, der…“ oder „Ich sah eine Frau, die…“ ein, zieht sich dann aber sogleich zurück.


So geht es in diesen Vignetten einen Mann, der für seine Frau ein Essen zubereiten will, oder eine Frau, die in einer Hotelbar Champagner trinkt, aber auch Tragisches, wie einen Mann, der vor einem Erschießungskommando um sein Leben bettelt, oder einen Ehrenmord.


Durch Raum und Zeit scheint diese unsichtbar bleibende, feenhafte Erzählerin dabei zu reisen. Denn da taucht in einer Szene Adolf Hitler auf, der mit seinen Offizieren in seinem Bunker, während Bombendonner zu hören ist, auf sein Ende wartet, in einer anderen sieht man Soldaten, die nach der verlorenen Schlacht von Stalingrad als Gefangene nach Sibirien deportiert werden, und wieder in einer anderen einen Priester, der an seinem Glauben zweifelt und von seiner eigenen Kreuzigung träumt.


Weltpolitisches steht so neben Alltäglichem, scheinbar Banales neben Existentiellem. Die Gleichgültigkeit der Welt wird sichtbar, wenn ein Mann in einem Bus von der emotionslosen Menge kritisiert wird, weil er öffentlich und nicht zu Hause weint, der Priester vom Psychiater mit seinem Glaubenszweifel abgewiesen wird, weil die Sprechstunde vorüber ist, oder ein Mann einen früheren Schulkollegen beneidet, der scheinbar inzwischen viel erreicht hat und promovierte.


Nur einmal bewegt sich die Kamera, wenn in der vielleicht schönsten Szene ein eng umschlungenes Liebespaar über das zerbombte Köln fliegt. Gebündelt scheint in diesem Moment mit grenzenloser Liebe auf der einen Seite und Krieg und Zerstörung auf der anderen das Spannungsfeld des menschlichen Lebens.


So trist aber auch das Gezeigte ist, so sehr ist es doch immer wieder von absurdem Witz durchzogen, und alles Schwere wird durch die Leichtigkeit und Poesie der Inszenierung aufgehoben.


Da mag ein Zahnarzt in einer Bar seinen Schmerz und seine Verzweiflung in Alkohol ertränken, während von draußen „Stille Nacht“ zu hören ist, so gibt es doch gleichzeitig hier einen Mann, der immer wieder erklärt, wie fantastisch alles sei. Und der Vergänglichkeit wird in einer Szene der Energieerhaltungssatz gegenübergestellt und tröstend von einem Studenten seiner Freundin erklärt, dass sie nie verschwinden, sondern nur umgewandelt werde – vielleicht in eine Kartoffel oder auch in eine Tomate.


So geht das Leben trotz aller Verzweiflung, dem Gefühl der Abwesenheit Gottes, der Gewalt in der Welt und der Einsamkeit des Individuums letztlich doch irgendwie weiter, freilich mit ungewisser Zukunft, wenn in der letzten Szene ein Mann auf einer einsamen Landstraße, die sich in einen endlosen Horizont zieht, versucht sein defektes Auto zu reparieren: Das Leben in einer Sackgasse, voller Kränkungen und Enttäuschungen und dennoch überwältigend schön, denn es ist letztlich das Einzige, was der Mensch wirklich besitzt.


Läuft derzeit im Kinok St. Gallen, demnächst im Skino in Schaan und ab September in den österreichischen und deutschen Kinos


Trailer zu "About Endlessness - Über die Unendlichkeit"