• Walter Gasperi

A Chiara


Die 15-jährige Chiara scheint in einer heilen Welt aufzuwachsen, bis der Teenager entdeckt, dass ihr Vater für die süditalienische Mafia ‘Ndrangheta arbeitet. – Jonas Carpignano mischt gekonnt Coming-of-Age-, Familien- und Mafiageschichte mit zupackender und authentischer Inszenierung zu einem dichten und engagierten sozialkritischen Kinostück.


Nachdem sich der Italoamerikaner Jonas Carpignano in seinem Debüt "Mediterranea" (2015) der Flüchtlingssituation um die süditalienische Stadt Gioia Tauro widmete und im folgenden "A Ciambra" (2017) Einblick in die Situation der Roma in dieser Region bot, fokussiert er im abschließenden Teil dieser Trilogie auf den Machenschaften der Mafia und deren Auswirkungen auf die familiären Strukturen. Schauplatz ist wiederum die Gegend um Gioia Tauro, dessen Hafen als weltweit größter Umschlagplatz für Kokain gilt.


Wieder arbeitete Carpignano mit Laiendarsteller*innen, besetzte die Rollen der Familienmitglieder mit der realen Familie Rotolo, was dem Schauspiel ein hohes Maß an Authentizität verleiht. Aber auch der Blick auf diese Welt ist ungeschönt und sorgt mit seinem Realismus, der durch die teilweise Verwendung von körnigem 16mm-Film verstärkt wird, für eine dichte Atmosphäre.


Am Beginn scheint die Welt der 15-jährigen Chiara (Swamy Rotolo) heil. Liebevoll ist der Umgang mit der kleineren Schwester Giorgia und auch mit ihrem Vater Claudio. Ausgiebig schildert Carpignano anschließend die Feier des 18. Geburtstags von Chiaras älterer Schwester Giulia. Es wird getanzt, gesungen und getrunken. Nur wenig irritiert Chiara, dass der Vater sich zurückhält und sich nicht zu einem Trinkspruch auf das Geburtstagskind überreden lässt, die heftige Diskussion mit anderen Männern vor dem Lokal verunsichert sie schon mehr.


Als in der folgenden Nacht vor dem Haus das Auto der Familie in Flammen aufgeht und der Vater über eine Mauer flüchtet, ist es vorbei mit Chiaras Ruhe und sie möchte wissen, was eigentlich los ist. Doch weder von der Mutter noch von Cousin Antonio erhält sie Antworten. Aus dem Internet erfährt sie aber bald, dass ihr Vater für die kalabrische Mafia ‘Ndrangheta arbeitet. Damit gibt sich Chiara aber nicht zufrieden und verstärkt ihre Nachforschungen.


Bald schaltet sich aber auch das Jugendamt ein, das den Teenager aus dem familiären Umfeld herausnehmen und an eine Adoptivfamilie übergeben will, da die Ndrangheta immer auch weitere Familienmitglieder in ihre kriminellen Machenschaften zwängt. Zerrissen zwischen den Welten ist Chiara so, ein Blick in den Spiegel signalisiert mehrmals ihre Suche nach Identität, ihre Verunsicherung gegenüber der Welt, in der sie aufgewachsen ist, aber auch Zweifel, ob sie aus diesem Milieu wirklich ausbrechen will.


Dichte entwickelt "A Chiara" nicht nur durch die Verankerung im authentisch geschilderten Milieu und das starke Spiel von Swamy Rotolo, sondern auch durch die zupackende Inszenierung von Carpignano. Hautnah folgt der 38-jährige Regisseur und sein Kameramann Tim Curtin Chiara immer wieder mit der Handkamera auf ihren Wegen, aber auch durch den dynamischen Schnitt entwickelt "A Chiara" großen Drive und zieht ins Geschehen hinein.


Mit dem wiederkehrenden Wechsel von Kamerablicken auf Chiaras Gesicht und dem, was der Teenager sieht, schwört Carpignano das Publikum auch ganz auf die Perspektive der Protagonistin ein. Unmittelbar miterleben kann man so die zunehmende Verunsicherung und Zerrissenheit Chiaras. Immer ist man nur auf ihrem Wissensstand, gewinnt erst zusammen mit ihr langsam Einblick in die Geschäfte des Vaters.


Auch visuell wird diese zunehmende Erkenntnis eindrücklich vermittelt. Ist die Kamera zunächst so nah an Chiara und den anderen Figuren, dass man keinen Überblick gewinnt, so werden die Einstellungen sukzessive weiter und Totalen liefern nicht nur einen Überblick über das soziale Umfeld, sondern korrespondieren auch mit Chiaras Blickerweiterung.


Bruchlos fließen dabei Coming-of-Age-, Familien- und Mafiageschichte ineinander. Einerseits reißt dieses kraftvolle sozialrealistische Drama durch die intensive Schilderung der Situation Chiaras mit, bietet andererseits mit der konsequenten Fokussierung auf die Familie aber auch eine packende Innensicht der Praktiken der ‘Ndrangheta.


Gewaltszenen spart Carpignano dabei ebenso aus wie weitgehend die Außenwelt und fesselt gerade durch die Reduktion und die Engführung der Handlung. Verstärkt wird die düstere Stimmung dabei auch durch zahlreiche Nachtszenen, während andererseits Sounddesign und markanter Einsatz von Zeitlupe einzelne Szenen immer wieder verdichten und die Spannung erhöhen.


So spürt man in jeder Szene das Engagement des Sohns eines Italieners und einer Afroamerikanerin, doch nie trägt er sein Anliegen vor sich her, entwickelt es ganz aus der Story heraus und verbindet so bestens packende Unterhaltung mit aufrüttelnder Schilderung bedrückender sozialer und familiärer Verhältnisse, aus denen es nur schwer ein Entkommen gibt.



A Chiara Italien / Frankreich 2021 Regie: Jonas Carpignano mit: Swamy Rotolo, Claudio Rotolo, Carmela Fumo, Concetta Grillo, Giuseppina Palumbo, Antonina Fumo Länge: 121 min.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan.


Trailer zu "A Chiara"