• Walter Gasperi

Nope

Aktualisiert: 25. Aug.


Auf einer Pferderanch bei Hollywood beobachtet ein afroamerikanisches Geschwisterpaar mysteriöse Himmelserscheinungen, die sie zunehmend bedrohen: Jordan Peele verbindet souverän bildmächtiges Spannungskino mit einer kritischen Reflexion über die Gier von Filmbusiness und Publikum nach Spektakel und Verdrängung und Ausbeutung von Afroamerikaner*innen.


Mit den sozialkritischen Horrorfilmen "Get Out" (2017) und "Us" (2019) stieg Jordan Peele zum Starregisseur auf. Auch in seinem dritten Film stehen mit OJ Haywood (Daniel Kaluuya) und seiner Schwester Emerald (Keke Palmer) zwei Afroamerikaner*innen im Zentrum. Und wieder wird die Ausgrenzung und Verdrängung der Afroamerikaner*innen thematisiert. Mehrfach weist nämlich Emerald darauf hin, dass sie eine Nachfahrin des Jockeys sei, der bei den legendären Filmaufnahmen des Briten Edward Muybridges (1878) auf dem Pferd sitzt: Während der weiße Fotograf aber berühmt ist, wurde der schwarze Jockey vergessen.


Aber auch dessen Nachfahren leben nicht im Zentrum von Hollywood, sondern betreiben außerhalb der Metropole im Ödland eine Farm, auf der sie Pferde für Film- und Fernsehproduktionen trainiert werden: Zulieferer sind sie gewissermaßen für das vorwiegend weiße Filmbusiness, bleiben selbst aber unsichtbar.


Ganz massiv sichtbar wird dagegen schon am Beginn ein Schimpanse mit blutverschmiertem Mund, neben dem eine tote Frau liegt. Bald entpuppt sich die Szene als Teil eines Filmsets, wird aber erst später über den asiatischstämmigen Ricky Park (Steven Yeun) mit einer Rückblende in den Kontext gestellt: Einst war Ricky nämlich Kinderstar, doch die dramatischen Ereignisse bei der Sitcom beendeten abrupt seine Karriere. Auch er gehört damit - ebenso wie der Schimpanse oder die Pferde der Haywoods - zu den Ausgebeuteten des Systems, die nur benützt werden. Nun ist er mit einem heruntergekommenen Western-Themenpark und Western-Show Geschäftspartner und auch Konkurrent der Haywood-Geschwister.


Movens der Handlung sind aber mysteriöse Vorgänge am Himmel über der Pferderanch der Haywoods. Eine unbeweglich am Himmel stehende Wolke scheint hier Menschen und Dinge zu ergreifen und zu entführen. Bald entdeckt OJ aber, dass sich in der Wolke ein UFO oder vielmehr ein außerirdisches Lebewesen versteckt, das wie ein Raubtier agiert.


Während OJ wortkarg und öffentlichkeitsscheu ist, wollen Emerald und Ricky auf unterschiedliche Weise diese Erscheinung ausnützen. Während Ricky darin eine Attraktion für seine Western-Show sieht, möchte Emerald das Wesen filmen, um dadurch berühmt zu werden. Dazu holt sie neben einem Überwachungstechniker (Brandon Perea) bald auch den Dokumentarfilmer Antlers Holst (Michael Wincott), der immer wieder Raubtiere gefilmt hat und es sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Unfilmbare mit der Kamera festzuhalten. Da freilich mit Ankunft des Wesens alle elektrischen Geräte ausfallen, arbeitet Holst mit einer alten analogen Kamera mit Kurbelbetrieb.


Die Handlung, die sich weitgehend auf der Farm abspielt, auf der die Gefahr hereinbricht, erinnert an ein B-Movie der 1950er Jahre. Andererseits fehlen auch – von Peele teilweise selbst genannte – Reminiszenzen an Steven Spielbergs "Unheimliche Begegnung der dritten Art" und "E.T." sowie im finalen Kampf an "Der weiße Hai" nicht. Einerseits wird dabei aber aus dem kleinen Plot durch die visuelle Brillanz des von Kameramann Hoyte van Hoytema im IMAX-Format gedrehten Films und die perfekte Spannungsdramaturgie spektakuläres Blockbuster-Kino. Andererseits unterscheidet sich "Nope" aber davon, indem Peele nicht alles ausformuliert und das UFO oder diese Bestie und ihr Umgang damit als Projektionsfläche anbietet, in die viel hineininterpretiert werden kann.


Auch vom Medusa-Mythos scheint Peele dabei inspiriert, denn wie beim griechischen Schlangenmonster erweist sich auch hier Blickkontakt als tödlich. Gleichzeitig erteilt "Nope" in diesem Blickverbot der Schaulust des Publikums eine Abfuhr, andererseits aber auch der Filmindustrie, die mit permanent größeren Spektakeln punkten will.


Gewalt und Show scheinen dabei untrennbar verbunden, wenn die Katastrophe bei der Sitcom Jahre später nur noch als Spektakel gilt und Ricky nun bei seiner Western-Show mit der Gefahr ein Geschäft machen will. – Außer Frage steht freilich, dass dies leicht ins Auge gehen kann und andere froh sein können, wenn sie letztlich mit dem Leben davonkommen. Gelingt es doch noch ein Foto vom Unmöglichen zu schießen, so bleibt doch offen, was mit dieser Aufnahme passiert.



Nope USA 2022 Regie: Jordan Peele mit: Daniel Kaluuya, Keke Palmer, Steven Yeun, Brandon Perea, Michael Wincott Länge: 131 min.



Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cineplexx Hohenems


Trailer zu "Nope"