• Walter Gasperi

Lara


Lara wird 60. – Aber wer ist diese Frau? – Jan-Ole Gerster lässt die Jubilarin einen Tag lang durch Berlin ziehen und bietet durch zufällige und geplante Begegnungen einen zunehmend vielschichtigeren Einblick in ihren Charakter und ihr Leben. – Ein meisterhaft reduzierter und konzentrierter Film, getragen von einer großartigen Corinna Harfouch in der Hauptrolle.


Wie vor sieben Jahren in seinem gefeierten Debüt „Oh Boy“ konzentriert sich Jan-Ole Gerster wieder auf einen Tag. Folgte er dort einem orientierungslosen Endzwanziger durch Berlin, so steht nun eine Frau (Corinna Harfouch), die an diesem Tag ihren 60. Geburtstag feiert, im Mittelpunkt. Wie ein Gegenstück zum Vorgängerfilm wirkt damit dieses Frauenporträt.


Mit Laras Erwachen beginnt der Film. Kein Wort fällt, auf Musik wird verzichtet, wenn sie sich in ihrer Wohnung umschaut, das Fenster öffnet, einen Stuhl davorstellt und hinaufsteigt. Offensichtlich will sie Selbstmord begehen, doch dann klingelt es an der Wohnungstür und sie bricht ihr Vorhaben ab: Zwei Polizisten bitten sie bei einer Wohnungsdurchsuchung als Zeugin zu fungieren, erklären, dass sie doch auch Beamtin sei. Sie antwortet, dass sie pensioniert sei, der Polizist erwidert „Einmal Beamtin, immer Beamtin“ und gratuliert ihr beim Studium ihres Passes zum Geburtstag.


Einerseits ist Gersters Film von solch trockenem und bitterem Witz durchzogen, andererseits wird hier schon die Erzählstrategie des 41-Jährigen sichtbar. Nichts lässt er Lara über sich sagen, eine völlige Leerstelle ist sie am Beginn, doch immer wieder gezielt gesetzte kleine Informationen, wie der Hinweis, dass sie Beamtin war oder die Frage, wie es denn ihrem Sohn Viktor (Tom Schilling) gehe, wecken Interesse Näheres darüber mehr zu erfahren.


Schritt für Schritt füllen sich so durch Aussagen von Leuten, denen die Jubilarin im Laufe dieses Tages begegnet, diese Leerstellen und zunehmend komplexer und konkreter wird ihr Bild. Zu viel sollte hier nicht verraten werden, denn gerade die langsame Entdeckung dieses Charakters ist das Spannende an „Lara“.


Passend zum Alter der Protagonistin lässt Gerster dieses Frauenporträt im Gegensatz zum sommerlichen Berlin in „Oh Boy“ in der herbstlichen Hauptstadt spielen, deren Atmosphäre Kameramann Frank Griebe beiläufig, aber dicht evoziert. Wie in seinem Debüt baut Gerster auch hier keine stringente Handlung auf, lässt Lara im Lauf des Tages verschiedene Personen von ehemaligen Mitarbeitern bis zur Mutter aufsuchen oder anderen zufällig begegnen. Fixpunkt ist einzig eine Abendveranstaltung, auf die sich der Film von Anfang an hinbewegt.


Auf Dramatisierung und Emotionalisierung wird bei den einzelnen Begegnungen dabei verzichtet. Die Kamera bleibt meist statisch und durch die langen unbewegten Einstellungen erhält der Film einen trocken-lakonischen Ton, vermittelt aber auch die Erstarrung und Verbitterung, die Lara kennzeichnen.


Kein anderes Thema als ihre Persönlichkeit kennt der Film, macht sichtbar, wie sie und ihr ganzes Leben durch kindliche Erfahrungen – und sei es nur ein einziger Satz – geprägt – oder auch ruiniert - wurde und wie sich dies auch wieder auf den Umgang mit ihrem Sohn auswirkte. So eng „Lara“ im Grunde geführt ist und sich ganz auf dieses eine Porträt konzentriert, so weist er doch gerade durch diese konzentrierte Auslotung darüber hinaus und erzählt grundsätzlich von der Bedeutung und Verantwortung von Eltern und Lehrern, aber auch von Selbstzweifeln und von künstlerischer Karriere im Spannungsfeld von Begabung und hartem Training.


Neben der präzisen und aufs wesentliche konzentrierten Inszenierung wird „Lara“ dabei natürlich ganz entscheidend von einer großartigen Corinna Harfouch in der Hauptrolle getragen. In jeder Szene ist sie präsent und spielt wunderbar zurückhaltend. Die große dunkle Sonnenbrille und den roten Mantel trägt sie quasi als Panzer, hinter dem sie sich versteckt, und spielt den anderen vor, dass es ihr gut gehe.


Nichts gibt sie von sich preis, kein Lächeln kommt über ihr Gesicht, völlig leidenschaftslos agiert sie, scheint keine Empathie zu kennen, tritt gegenüber anderen stets nur kühl und sachlich, damit aber oft auch arrogant und beleidigend auf. – Wie Gerster und Harfouch die Tragik hinter dieser Fassade sichtbar machen, Empathie für diese verbitterte Frau wecken und anregen auch über das eigene Leben nachzudenken und es zu überdenken, ist zweifellos meisterhaft.


Läuft derzeit im Cinema Dornbirn und im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Lara"