• Walter Gasperi

Judy


Rupert Goold erzählt nicht die Lebensgeschichte des Hollywood-Stars Judy Garland, sondern fokussiert auf den letzten Monaten vor ihrem Tod im Jahr 1969. Die Inszenierung ist uninspiriert, aber Renée Zellweger spielt grandios.


In das Set des Klassikers „The Wizard of Oz“ versetzt die erste Einstellung den Zuschauer. Produzent Louis B. Mayer erklärt seiner 16-jährigen Hauptdarstellerin, dass sie Entbehrungen auf sich nehmen müsse, um diese Dorothy spielen zu dürfen.


Mehrfach unterbrechen Szenen aus dieser Jugendzeit Judy Garlands (1922 – 1969) die Ende der 1960er Jahre spielende Haupthandlung. Sie sollen die Erklärung, liefern, warum die 47-Jährige eine zerrissene, an Tabletten- und Alkoholsucht leidende Frau ist. Gleichzeitig bieten sie auch eine scharfe, aber auch sehr plakative Abrechnung mit dem Studiosystem und dessen allmächtigen Bossen wie Louis B. Meyer, der seinem Kinderstar Freuden wie Torten oder Hamburger verbot und ihn mit appetithemmenden Pillen, Schlaf- und Aufputschmittel schon damals in die Tablettensucht trieb.


Wurde Garland von ihrer Mutter im Stich gelassen, gehen ihr nun ihre eigenen Kinder über alles, doch wirklich um sie kümmern kann sie sich nicht, sondern zerrt sie mit sich auf die Bühne und muss ständig die Hotels wechseln. Kein Wunder ist folglich, dass ihr Ex-Mann Sid Luft das Sorgerecht für die beiden Kinder beansprucht und sie das Angebot einer fünfwöchigen Konzertreihe im Londoner Nachtclub „Talk of the Town“ annimmt.


Dieser London-Aufenthalt steht im Zentrum von „Judy“, ganz auf Garland fokussiert Goold, überlässt Renée Zellweger den filmischen Raum, während die anderen Figuren vor allem da sind, um ihr zuzuspielen. Schwieriger noch als einen Wissenschaftler, Künstler oder eine andere berühmte Persönlichkeit ist es wohl eine Filmschauspielerin zu spielen, da das Publikum diese von der Leinwand kennt. Wenig Freiraum bleibt dadurch der Darstellerin, perfekt muss sie Mimik und Gestik treffen.


Umso beeindruckender ist, was Zellweger, die die Songs auch selbst singt, leistet. Mit vollem Einsatz versetzt sie sich in ihre Rolle, singt sich mit Garland by „Be Myself“ förmlich die Seele aus dem Leib oder bringt im abschließenden "Somewhere Over the Rainbow“ bewegend ihre tiefe Traurigkeit und Sehnsucht nach einem glücklichen Leben zum Ausdruck.


Nicht weniger beeindruckend vermittelt Zellweger aber die Zerrissenheit Garlands, zeichnet sie auch als kapriziösen Star, der sich nicht an die Terminpläne ihrer Assistentin hält, in angetrunkenem Zustand auch das Publikum beschimpfen kann oder betrunken auf der Bühne stürzt.


Zellweger, die sich mit dieser Darstellung für ihren vierten Golden Globe und den nach "Cold Mountain" zweiten Oscar empfiehlt, macht „Judy“ sehenswert, während der vom Theater kommende Rupert Goold als Regisseur bei dieser Adaption des Theaterstücks „End oft he Rainbow“ kaum Akzente setzt. Wenig wird hier filmisch gestaltet, weder die Stimmung der späten 1960er Jahre wird evoziert noch andere Aspekte jenseits des Charakters von Garland erkundet, angedeutet wird einzig mit einem homosexuellen Paar, welche Bedeutung sie für die schwul-lesbische Bewegung hatte.


Auffallend ist freilich, wie voraussetzungsreich „Judy“ für ein heutiges Publikum vor allem am Beginn ist. Wird schon mit dem Titel damit gerechnet, dass Judy Garland jedem Kinobesucher ein Begriff ist, so setzen die Rückblenden die Kenntnis ihres Aufstiegs mit „The Wizard of Oz“ ebenso voraus wie die Mickey Rooneys als ihrem männlichen Pendant bei den Kinderdarstellern, während in der Gegenwartsebene bei ihrer Begegnung mit einer jungen Frau, die kurz Liza genannt wird, vorausgesetzt wird, dass der Zuschauer weiß, dass Judy Garland die Mutter von Liza Minnelli ist.


So ist „Judy“ ganz sicher nur ein Film für Fans und Kenner des Hollywood-Stars und schielt gar nicht erst darauf das heutige Teenager-Publikum anzusprechen. – Garland-Fans kommen aber dank Renée Zellweger auf ihre Kosten, auch wenn der Film insgesamt doch weit hinter seinen Möglichkeiten bleibt.


Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems und im St. Galler Kino Scala


Trailer zu "Judy"