• Walter Gasperi

56. Solothurner Filmtage mit "Atlas" eröffnet

Aktualisiert: Jan 27


Atlas (Niccolo Castelli)

Eine junge Tessiner Kletterin überlebt einen Terroranschlag in Marokko, kehrt aber schwer traumatisiert in ihre Heimat zurück. – Die starke Hauptdarstellerin Matilda De Angelis trägt Niccolò Castellis zweiten Spielfilm, die fragmentarische Erzählweise erschwert aber den Zugang.


Die junge Allegra (Matilda de Angelis) ist begeisterte Kletterin. Mit ihrem Freund und einem anderen Paar steigt sie in der ersten Szene auf einen Alpengipfel, doch ein Traum wäre einmal eine Gipfelbesteigung in einem Gebirge auf einem anderen Kontinent, wie dem Atlas in Nordafrika. Bald ist die Idee in die Tat umgesetzt, doch bei einem Anschlag auf dem Marktplatz von Marrakesch kommen Allegras Freunde ums Leben. Sie selbst kehrt schwer verletzt in die Heimat zurück. Die äußeren Wunden heilen, nur Narben sieht man noch, aber die Traumatisierung bleibt.


Erfolglos bleiben Bemühen der Familie und von Freunden sie aus diesem inneren Gefängnis herauszuführen. Zum Wendepunkt wird aber die Begegnung mit dem Flüchtling Arad. Als sie ihn erstmals im Bus entdeckt, packt sie beim Anblick seiner Tasche noch Panik und sie muss den Bus abrupt verlassen. Dennoch folgt sie bald dem Musiker und kommt ihm nach erster Ablehnung näher. Langsam findet sie aber auch übers Klettern wieder ins Leben zurück.


Spürbar wird in den ersten Szenen, das Gefühl der Freiheit, die das Klettern Allegra und ihren Freunden verschafft, aber auch die körperliche Fitness, die Anspannung und Konzentration, die bei diesem Sport nötig sind. Wie weggeblasen sind letztere durch den Anschlag. Nicht nur körperlich schwach ist sie, sondern auch Sicherheit und Selbstbewusstsein fehlen ihr. Wie der griechische Titan Atlas in der Mythologie das ganze Weltengewölbe tragen muss, so drückt sie das Trauma förmlich zu Boden, gleichzeitig steht "Atlas" aber auch ganz konkret für das nordafrikanische Gebirge.


Niccolò Castelli hat sich von dem realen Anschlag auf dem Marktplatz von Marrakesch am 1. Mai 2011 zu seinem nach "Tutti giù" zweiten Spielfilm inspirieren lassen. 17 Menschen, darunter drei junge Tessiner, kamen damals ums Leben. Er erzählt aber nicht so linear, wie sich die Inhaltsangabe liest, sondern verschränkt vielmehr die Zeitebenen und erzählt auch sehr fragmentarisch. Nicht immer leicht behält man hier den Überblick, das Bruchstückhafte erschwert auch den emotionalen Zugang und reichlich konstruiert wirkt die Begegnung mit Arad.


Tragen muss so die Last des Films, mit dem erstmals ein Tessiner Beitrag die Solothurner Filmtage eröffnen durfte, die Hauptdarstellerin Matilda De Angelis. Diese meistert diese Rolle mit Bravour, besticht mit physischer Präsenz, intensiver Vermittlung des Traumas und verbissenem Kampf ihre Kletterleidenschaft und damit ihr früheres Leben zurückzuerobern.


Weitere Informationen zu den Solothurner Filmtagen finden Sie hier.


Weitere Berichte zu den 56. Solothurner Filmtagen:

Vorschau auf die 56. Solothurner Filmtage Nominierungen für den Schweizer Filmpreis 2021

Schlussbericht mit "Das neue Evangelium", "Il mio corpo", "Nachbarn", "Farewell Paradise" und "Spagat"