• Walter Gasperi

35. Alpinale: Die Kunst des kurzen Films

Aktualisiert: Aug 17


1985 in Bludenz gegründet, übersiedelte das Kurzfilmfestival Alpinale 2003/04 nach Differenzen mit der Alpenstadt nach Nenzing. 16 Jahre später erfolgte nun wieder die Rückkehr an den Ursprungsort. Geboten wurde bei der 35. Auflage (11.8 – 15.8. 2020), die an allen fünf Abenden Open-Air auf dem Platz vor der Remise abgehalten werden konnte, ein abwechslungsreiches Programm, das mit 72 Produktionen Einblick in die vielfältigen Möglichkeiten und Spielarten des Kurzfilms bot.


Mit einer Oscar-Nominierung in der Kategorie empfahl sich schon Bruno Collets „Mémorable", mit dem der internationale Wettbewerb startete. Berührend erzählt der Franzose darin in Stop-Motion-Technik von einem Mann, der zunehmend an Alzheimer erkrankt. Stehen am Beginn Probleme im Alltag, so erkennt der Mann bald sich selbst und seine Frau nicht mehr.


Eindrücklich vermittelt Collet diesen Gedächtnisverlust, wenn sich für den Protagonisten Dinge verformen oder in Punkte verfließen und sich schließlich auch seine Frau förmlich in Punkte auflöst, bis nur eine weiße Leinwand zurückbleibt. So ernst aber das Thema ist, so leicht bleibt der Film doch in der poetischen Erzählweise.


Mit Stop-Motion Technik arbeitet auch die Tschechin Daria Kashcheeva, die in ihrem ebenfalls für einen Oscar nominierten „Daughter“ dialoglos von einer schwierigen Vater-Tochter-Beziehung erzählt. Am Totenbett stehend erinnert sich die Tochter an ihre Kindheit, an ihre Sehnsucht nach Zuneigung und die Zurückweisung durch den Vater, die ihr auch in diesen letzten Momenten eine Aussöhnung schwer macht.


Die düsteren, dennoch liebevoll gestalteten Bilder und eine sorgfältige Tonkulisse genügen Kashcheeva, um eine dichte Atmosphäre zu erzeugen. Meisterhaft verkürzt entwickelt sie in 15 Minuten so ein universelles und zeitloses Drama, das auch durch die beiden wunderbar gestalteten Pappmaschee-Figuren berührt, und durch Perspektivenwechsel Schuldzuweisungen vermeidet und beiden Charakteren gerecht wird.


Mit dem Goldenen Einhorn für den besten Animationsfilm wurde von der fünfköpfigen Jury aber der französische Animationsfilm „Tadpole - Kaulquappe“ ausgezeichnet. “. In wie mit Wasserfarben gemalten Bildern erzählt Jean-Claude Rozec darin, von einem Mädchen, das seinen Bruder immer wieder mobbt und zu spät erkennt, dass sie ihn im Grunde liebt.


Mit starken Farbeffekten und teils verschwommenen Bildern, dem düsteren Setting einer halbverfallenen Stadt und einem nächtlichen Sumpf erzeugt Rozec eine dichte und beunruhigende Atmosphäre und lässt Realität und Märchenhaftes zunehmend verschwimmen. Eindrücklich machte dieser visuell großartige Kurzfilm, aber auch beispielsweise "Girl in the Hallway", in dem Valerie Barnhart den Mord an einem siebenjährigen amerikanischen Mädchen nachzeichnet, auch bewusst, welch vielfältigen künstlerischen Möglichkeiten der Animationsfilm bietet.


Bei den Realfilmen konnte man dagegen studieren, wie verdichtet und konzentriert im Kurzfilm erzählt werden muss. In dieser Kategorie zeichnete die Jury Özgür Anils „Das Urteil im Fall K.“ mit einem Goldenen Einhorn aus. Bewusst emotionslos lässt Anil die Richterin das Urteil gegen zwei Türken verlesen, von denen der eine eine 17-jährige Türkin vergewaltigt hat, der andere die Tat gefilmt hat statt dagegen einzuschreiten oder die Polizei zu rufen. Der unbedingten Haftstrafe für den Haupttäter steht eine bedingte Strafe für den anderen gegenüber. Während der alleinerziehende Vater des Opfers die Urteile akzeptiert, glaubt der Bruder, dass auch der Mittäter bestraft werden muss und sinnt auf Rache, während das Opfer selbst die Tat verdrängt und sich immer mehr zurückzieht.

Große Dichte entwickelt das 30-minütige Drama durch starke Schauspieler und Milieuechtheit, zu der auch der fließende Wechsel zwischen türkisch und deutsch beiträgt, aber auch durch die strenge und konzentrierte Inszenierung. Anil verzichtet konsequent auf Filmmusik, erzählt elliptisch verdichtet auf wesentliche Szenen, die er vielfach in einer einzigen langen Einstellung filmt. So gelingt ihm ein starker Einblick in diese von der Außenwelt quasi abgeschlossenen Familie, die der Vater verzweifelt zusammenzuhalten versucht, aber letztlich jeder seine eigenen Wege sucht, mit dem Verbrechen umzugehen.


Für leichtere Kost entschied sich das Publikum mit der Vergabe des Einhorns für den besten Film des internationalen Wettbewerbs an die französische Produktion „Whales Don´t Swim“. Im Mittelpunkt des 20-minütigen Realfilms steht der übergewichtige Yves, der in der Schule als Wal beschimpft wird. Um Anschluss zu finden, beginnt er heimlich nachts im Schwimmbad Synchronschwimmen zu trainieren, wird dabei aber von einer Mitschülerin, die ebenfalls trainieren will, entdeckt. Damit ihr geheimes Training nicht auffliegt, müssen sie zusammenspannen.

Neues Terrain beschreitet Matthieu Ruyssen mit dem Thema Synchronschwimmen nicht, gab es in den letzten Jahren in den Kinos mit "Swimming With Men", "Ein Becken voller Männer" und "Männer im Wasser" doch mehrere Filme über Männer, die sich für diese Sportart begeistern. Dennoch gelingt es dem Franzosen vor dem Hintergrund dieses Sports, der selbstverständlich auch eine Metapher für Zusammenarbeit und Harmonie ist, überzeugend und unterhaltsam von jugendlicher Ausgrenzung, Rivalitäten unter Mädchen und Überwindung der Isolation zu erzählen.


Die große Bandbreite der 30 Filme, die im internationalen Wettbewerb gezeigt wurden, sorgte für abwechslungsreiche und spannende Abende. Klassisches Genrekino wurde hier ebenso geboten wie eine quasidokumentarische Nachzeichnung des Sterbens von 71 Migranten im Lastwagen ungarischer Schlepper im August 2015 auf der Fahrt von Ungarn nach Österreich. „Cargo – Der Transport“ nennt Christina Tournatzés ihren Kurzspielfilm, in dem sie sich ganz auf die Fahrt des Schleppers konzentriert, der weder auf Klopfen noch Schreie der langsam erstickenden Menschen im Laderaum reagiert. – Auf jedes Umfeld und Hintergrundinformationen verzichtet Tournatzé, aber gerade durch diese Reduktion packt und erschüttert "Cargo" nicht nur, sondern bleibt auch haften.


Der Belgier Christopher Yates erzählt in „Detours“ dagegen in der Nachfolge von Steven Spielbergs legendärem Debüt "Duel" von einem Vater, der sein Baby zur getrennt lebenden Mutter bringen soll, im Stress aber den Seitenspiegel eines geparkten Wagens beschädigt und bald von dessen Besitzer verfolgt wird. Enormen Druck und schweißtreibende Spannung entwickelt Yates dabei, indem er in Echtzeit erzählt und den Zuschauer mit Baby und Fahrer förmlich im Innern des Wagens einsperrt.


Minimalistisch angelegt ist auch „9 Steps“ der Spanier Marisa Crespo, Moisés Romera, der in der Kategorie Bester Horrorfilm vom Publikum mit einem Blutigen Einhorn ausgezeichnet wurde. Die Handlung beschränkt sich darauf, dass ein Vater seinen Sohn dazu bewegen will, durch einen dunklen Gang zu gehen, der Sohn sich aber fürchtet. Perfekt spielt das Regie-Duo mit der Angst vor der Dunkelheit und baut große Spannung auf.


Dünn gesät waren dagegen die Highlights in der Sparte "v-shorts", die einheimischen FilmemacherInnen eine Möglichkeit bieten soll, ihre Werke einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Da die Vorauswahl, die in der Regel im Mai im Rahmen eines Kurzfilmabends stattfindet, aufgrund der Corona-Krise abgesagt werden musste, wurden alle 14 eingereichten Filme im Rahmen des Festivals gezeigt.


Zu den Lichtblicken zählte der sechsminütige Dokumentarfilm "Unbroken" der in Tokio lebenden Sybilla Patrizia. In ebenso reduzierter wie konzentrierter Bildsprache bietet die Fotografin und Filmemacherin Einblick in die japanische Kunst des Kintsugi, bei der zerbrochene Keramikgefäße mittels speziellem Kleb wieder zusammengefügt werden. Gleichzeitig weitet sich der Film durch das Voice-over zur allgemeinen Reflexion über die Frage, ob etwas Zerbrochenes nicht ein Ende, sondern vielmehr der Anfang von etwas Neuem bedeuten kann.


Interessante historische Bilder von der Bregenzerwaldbahn bot Norbert Finks "Die Bregenzerwaldbahn 1983". Wie aus dem Führerstand eines Zuges aufgenommen wirkt der Film, für den Fink 1983 teils mit einem selbst gebastelten Doppelfahrrad, teils mit einem speziellen Mopedfahrzeug die 1980 stillgelegte Bahntrasse befuhr. Die digitale Bearbeitung des Super-8-Materials, durch das eine vergangene Zeit dem Vergessen entrissen wird, überzeugt, doch einerseits bietet der teilweise redundante, die Bilder verdoppelnde Voice-Over-Kommentar Finks kaum Hintergrundinformationen, andererseits fehlt die gestaltende Hand eines Regisseurs.


Zu überzeugen vermochte Christoph Rohners historischer Kurzspielfilm „Der kleine Tod“, der durch Publikumsvotum mit dem mit 500 Euro dotierten Preis ausgezeichnet wurde. Ohne viel Dialog erzählt Rohner weitgehend allein durch prägnante Bildsprache von einem jungen Anarchisten, der 1898 in Genf mehr zufällig als geplant die österreichische Kaiserin Elisabeth ermordet. Unterstützt von den Schauspielern evoziert Rohner überzeugend eine Atmosphäre der Melancholie und baut eine Seelenverwandtschaft zwischen der todessehnsüchtigen Kaiserin, die die alte Ordnung hasst, und dem Anarchisten auf. Gleichzeitig kann die Thematik der großen Klassengegensätze und dem Aufstand der Rechtlosen und Ausgebeuteten auch durchaus auf die Gegenwart übertragen werden.