• Walter Gasperi

À plein temps


Julie ist nicht nur alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern, sondern arbeitet auch als Teamleiterin von Zimmermädchen eines Pariser Fünfsterne-Hotels. – Getragen von einer famosen Laure Calamy in der Hauptrolle, die bei den Filmfestspielen von Venedig 2021 als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, zeichnet Eric Gravel ein atemloses und intensives Porträt einer Frau im Dauerstress.


Zu schwerem Atem gleitet die Kamera über das Gesicht einer schlafenden Frau, bis das Piepsen des Weckers sie aus dem Schlaf reißt. Ein schier atemloser Tag setzt damit in einer Pariser Vorstadt für die alleinerziehende Julie (Laure Calamy) ein. Die bewegliche, hautnah geführte Kamera vermittelt von Anfang an den Stress unter dem sie steht, wenn sie für ihre beiden Kinder das Frühstück herrichtet, ihnen beim Anziehen hilft, während im Radio Nachrichten über den Streik des öffentlichen Verkehrs laufen.


Noch in der Dunkelheit bringt Julie die Kinder zu einer älteren Nachbarin, die als Tagesmutter fungiert. Im schnellen Lauf geht es zum Bahnhof, wo sie gerade noch den Zug erreicht. Doch bald muss sie wegen Streiks in einen Bus umsteigen. Außer Atem kommt sie im Fünfstern-Hotel an, in dem sie als Teamleiterin von Zimmermädchen arbeitet.


Auch hier lässt der Stress nicht nach. Schnell müssen die Zimmer gereinigt, Betten neu bezogen werden. Unsichtbar müssen diese Reinigungskräfte bleiben, während die reichen Gäste zum Teil absichtlich die Zimmer verschmutzen. Druck übt hier auch Julies Vorgesetzte aus, die wiederum vorgibt unter Druck durch die Hotelleitung zu stehen.


Wie in einem der frühen Filme der Dardenne-Brüder folgt Eric Gravel hautnah seiner Protagonistin. Mal fängt die Kamera von Victor Seguin Julies Spurt über eine Brücke in Parallelfahrt ein, dann hetzt sie wieder im Rücken hinter ihr her. Dazu kommen ein dynamischer Schnitt und ein treibender Elektro-Soundtrack, die Stress und Hektik direkt auf die Zuschauer*innen übertragen, ihn fast physisch erfahrbar machen.


Keinen Moment der Entspannung gibt es hier, denn zum beruflichen Stress, zum Streik, der Nerven und Zeit bei der Fahrt zur Arbeit und von der Arbeit nach Hause kostet, kommt auch noch der wiederholte Anruf des Bankbetreuers, der Rückstand bei der Zahlung eines Kredits kritisiert. Andererseits reagiert Julies Ex-Mann und Kindesvater auf ihre Anrufe und ihr Drängen auf Zahlung des Unterhalts nicht.


Über etwa eine Woche spannt sich die Handlung. Auch der bevorstehende Geburtstag des kleinen Nolan und die Beschaffung eines Geschenks belasten Julie und immer wieder schreckt sie mit dem Piepsen des Weckers aus einem zunehmend von Alpträumen durchzogenen Schlaf auf. Zudem wird die Situation am Arbeitsplatz prekärer, weil sie aufgrund des Streiks mehrfach zu spät kommt. Andererseits will die Tagesmutter auf Drängen der Tochter und aus Angst vor Überforderung die Kinder nicht mehr übernehmen.


Heimlich schleicht sich Julie aus dem Hotel zu einem Bewerbungsgespräch, doch ihr Gesichtsausdruck danach, lässt ahnen, dass es nicht gut gelaufen ist. Auch der Kindergeburtstag bringt kaum Entspannung, sondern erscheint als stressige Angelegenheit. Einzig am Wochenende, wenn wirklich einmal lange ausgeschlafen wird, stellt sich ein Moment der Ruhe ein.


Doch ein Ausweg aus diesem atemlosen Leben scheint es nicht zu geben, dennoch gönnt Gravel seiner Julie mit einer überraschenden Wende am Schluss einen Glücksmoment. Doch trügerisch ist dieses Ende, denn schwer vorstellbar ist, dass sich damit an diesem kräftezehrenden Leben etwas ändern wird.


Enormen Druck, Dichte und Dringlichkeit entwickelt "À plein temps" durch die Konsequenz und Nähe, mit der kanadische Regisseur seiner Protagonistin durch ihren Alltag folgt. Gänzlich aus ihrer Perspektive wird erzählt, in jeder Szene ist sie präsent und großartig vermittelt Laure Calamy die Anspannung, aber auch die enorme Kraft dieser Kriegerin des Alltags.


Das ist schnörkelloses sozialrealistisches Kino von höchstem Niveau, das allein aus der schonungslos realistischen Schilderung nicht nur einen bewegenden Eindruck von der Härte des Lebens einer alleinerziehenden Mutter vermittelt, sondern auch eine Gesellschaft anprangert, in der im wirtschaftlichen Getriebe jede Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.


À plein temps Frankreich 2021 Regie: Eric Gravel mit: Laure Calamy, Anne Suarez, Geneviève Mnich, Olivier Faliez, Évelyne El Garby-Klaï, Nolan Arizmendi, Sasha Lemaitre Cremaschi, Cyril Gueï, Lucie Gallo Länge: 88 min.



Läuft in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan


Trailer zu "À plein temps"