• Walter Gasperi

Wien, Wien nur du allein: Willi Forst


Willi Forst (1903 - 1980)

Mit musikalisch-komödiantischen Filmen wie "Maskerade", "Bel Ami" oder "Wiener Blut" feierte der 1903 in Wien geborene Willi Forst in den 1930er und 1940er Jahren Erfolge. In der Nachkriegszeit erregte vor allem der Skandalfilm "Die Sünderin" Aufsehen. Das Filmarchiv Austria widmet dem 1980 verstorbenen Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und Sänger bis 4. März eine Online-Retrospektive.


Schon früh kam der am 7. April 1903 als Sohn eines Porzellanmalers und einer Müllerstochter als Wilhelm Anton Frohs geborene Willi Forst zum Schauspiel. Nach Auftritten auf Amateurbühnen erhielt er 1919 im südpolnischen Teschen ein erstes Engagement als "zweiter jugendlicher Liebhaber und Komiker". Sein Filmdebüt gab er 1920 im österreichischen Film "Der Wegweiser", seine erste größere Filmrolle hatte er an der Seite von Marlene Dietrich 1927 in "Café Electric" als Zuhälter.


Aufmerksamkeit erregte er mit seinem Auftritt im Titanic-Film "Atlantic" (1929), in dem er einen Musiker spielte, der während das Schiff sinkt, das Wiener Lied "Es wird ein Wein sein, und wir wer´n nimmer sein" singt. Festgelegt war Forst von da an auf musikalische Komödien wie "Zwei Herzen im ¾ Takt" (1930), "Ein blonder Traum" (1932) oder "Der Prinz von Arkadien" (1932).


Mit seinem Regiedebüt "Leise flehen meine Lieder" (1933), einem Film über Franz Schubert, setzte Willi Forst diese Richtung fort. Der Franzose René Clair und Ernst Lubitsch mit ihren spielerisch-leichten, charmanten und espritreichen Filmen waren seine Vorbilder, das Wien um die Jahrhundertwende und dessen gehobene Gesellschaft sein bevorzugter Schauplatz.


Mit seinem zweiten Film "Maskerade" (1934), in dem die Veröffentlichung eines Gemäldes, das ein Maler von einer Frau der gehobenen Gesellschaft gemacht hat, für Verwicklungen sorgt, gelang Forst nicht nur ein internationaler Erfolg, sondern er machte damit auch die Debütantin Paula Wessely auf Anhieb zum Star. Mit "Allotria" (1936) schuf er ein deutsches Pendant zu den sophisticated US-Komödien, mit "Mazurka" (1935) gelang ihm auch im melodramatischen Bereich ein Erfolg.


Entstanden diese beiden Filme in Deutschland, so arbeitete er in der Folge vorwiegend in Wien und gründete dort 1936 die Willi Forst Film-Produktion. Der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland (1938) hatte scheinbar keine Auswirkung auf sein Schaffen, doch nur recht wenige Filme konnte er bis zum Kriegsende drehen. Von politischen Stoffen hielt er sich bewusst fern, lehnte das Angebot Veit Harlans für die Hauptrolle in "Jud Süß" ab und arbeitete weiter an unbeschwerten Komödien.


Forst selbst bezeichnete später seine Filme dieser Zeit wie "Bel Ami" (1939), "Operette" (1940) "Frauen sind keine Engel" (1943) oder "Wiener Blut" (1942) als stillen Protest gegen das NS-Regime, da er darin seine österreichischsten Filme sah, während politisch Österreich zu dieser Zeit nicht existierte.


In Forsts Flucht in die Operettenwelt und die Zeit zwischen Wiener Kongress und Fin de Siecle sieht Forst-Biograph Francesco Bono auch den Traum von einer heilen Welt und die sentimentale österreichische Art des sich Erinnerns. Gleichzeitig entdeckt Bono im Werk des Wieners aber auch durch die gleichzeitige Demontage dieser Traumwelt eine subtile Ambivalenz. "Operette" ist so für Bono auch weniger ein Operettenfilm als vielmehr ein Film über das Kino, während in "Frauen sind keine Engel" Fragen nach Schein und Realität, nach Echtheit und Inszenierung verhandelt würden. Dennoch habe dabei immer die Form Vorrang vor dem Stoff hat und das Wie sei wichtiger als das Was.


In der Nachkriegszeit erregte Forst vor allem mit "Die Sünderin" (1951) Aufmerksamkeit. Zum Skandal führte weniger, dass Hildegard Knef in einer Szene zumindest für die damalige Zeit viel nackte Haut zeigt, sondern dass auch offen Prostitution und Sterbehilfe thematisiert wurden. Gleichwohl – oder wohl gerade deswegen - wurde dieser Film im Gegensatz zu Forsts anderen Nachkriegsproduktionen mit sieben Millionen Kinozuschauern zu einem Kassenerfolg.


Als aber der für diesen zutiefst Wiener Regisseur typischere "Wien, du Stadt meiner Träume" (1957) bei Publikum und Kritik durchfiel, zog sich Forst enttäuscht vom Film zurück: "Mein Stil ist nicht mehr gefragt. Ich trete ab, leicht lädiert, aber in stolzer Größe à la Garbo. Es ist besser zu gehen, als gegangen zu werden."


Forst-Biograph Bono sieht gerade in diesem letzten Film, der leider in der Retrospektive des Filmarchiv Austria nicht zu sehen ist, ein Meisterwerk. Den Misserfolg schreibt der Autor dem falschen Titel zu, denn dies sei eben keine Hymne auf Wien, sondern ein bitterer Epitaph, in dem Forst einer Stadt und einem Land, das vor seiner Geschichte flüchte, nachtrauere und der unwillkommenen Gegenwart einen Traum entgegenstelle. Kitsch und Sentimentalität seien in diesem Film nur die trügerische Oberfläche, dahinter verberge sich ein gesellschaftskritisches und Klischees karikierendes Werk.


Der Regisseur selbst kehrte aber nicht nur dem Film, sondern auch seiner Heimatstadt den Rücken, lebte mit seiner Frau Melanie bis zu deren Tod 1973 im am Schweizer Ufer des Lago Maggiore gelegenen Brissago. Erst 1977 zog Willi Forst nach Wien zurück, wo er am 11. August 1980 starb


Programm und weitere Informationen auf www.filmarchiv.at


Quellen: Francesco Bono, Willi Forst. Ein filmkritisches Porträt, Edition text + kritik, München 2010 Willi Forst (Wikipedia): https://de.wikipedia.org/wiki/Willi_Forst (abgerufen am 15.1. 2021) Willi Forst (filmportal.de): https://www.filmportal.de/person/willi-forst_590f0acc15c045c6aeb9b6e037b8220e (abgerufen am 15.1. 2021) Karsten Witte, Adieu Bel Ami – Zum Tode von Willi Forst: https://www.filmportal.de/node/251579/material/1049705 (abgerufen am 15.1. 2021)