• Walter Gasperi

Und morgen die ganze Welt


Wie kann und darf man sich gegen grassierenden Rechtsradikalismus wehren? Ist auch Gewalt legitim? – Julia von Heinz wirft diese Fragen in ihrem mitreißenden Spielfilm, den Deutschland für den Auslands-Oscar eingereicht hat, an der Geschichte einer jungen Studentin auf.


Provokativ ist der Titel, der dem verbotenen nationalsozialistischen Propagandalied "Es zittern die morschen Knochen" entnommen ist. Bewusst gemacht werden soll damit einerseits die Gefahr, die vom grassierenden Rechtsradikalismus ausgeht, andererseits soll aber auch an das NS-Regime und den damit verbundenen Schrecken erinnert werden.


Die Rechtsstaatlichkeit Deutschlands wird dagegen mit Inserts aus dem Artikel 20 des Grundgesetzes herausgestrichen: "Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."


An der Geschichte Luisas (Mala Emde), die im ersten Semester in Mannheim Jus studiert, wirft Julia von Heinz in ihrem von eigenen Erfahrungen beeinflussten Spielfilm die Frage auf, wie weit dieser Widerstand gehen darf. Mit hautnah geführter Handkamera (Daniela Knapp) und schnellem Schnitt versetzt sie den Zuschauer mitten ins Geschehen. Mit Luisa taucht man in die linke Mannheimer Kommune, in die die aus großbürgerlichem Elternhaus stammende Studentin eintritt, und die antifaschistische Bewegung ein. In der detailreichen und atmosphärisch dichten Schilderung des Milieus spürt man, dass Julia von Heinz genau weiß, wovon sie erzählt.


Am Beginn steht die Störung einer rechten Demonstration mit Tortenwürfen und Farbbeuteln, bald stellt sich Luisa aber die Frage, ob man beim Protest nicht weiter gehen muss. Nach klassischem Muster der Radikalisierung der Proteste nach 1968 folgt so auf Gewalt gegen Sachen bald auch Gewalt gegen Menschen.


Unterstützung findet die zunehmend verbohrte Studentin, deren rasante Radikalisierung leider nicht ganz glaubhaft ist, in dem charismatischen Alfa (Noah Saavreda), während dessen Freund Lenor (Tonio Schneider) Gewalt ablehnt und für friedliche Demonstrationen eintritt. Auch Luisas Freundin Batte (Luisa-Céline Gaffron) bezieht gegen sie Stellung, da die Kommune damit ins Visier der Polizei gerät und Gefahr läuft komplett überwacht und aufgelöst zu werden.


Gleichzeitig wird mit dem älteren Dietmar (Andreas Lust), der sein Engagement in einer revolutionären Zelle mit mehrjähriger Haft bezahlte und danach nie mehr richtig Fuß fassen konnte, eine Figur eingeführt, die zeigt, welchen Preis dieser Einsatz kosten kann – und bei der jungen Truppe die Frage aufwirft, welchen Preis denn sie bereit sind, dafür zu zahlen.


Die Konstruktion dieser Figurenkonstellation ist nicht zu übersehen und nicht frei von Didaktik sind auch die eingeschobenen Ius-Vorlesungen, bei denen über den Artikel 20 des Grundgesetzes diskutiert wird, dennoch gelingt Julia von Heinz dank der dynamischen Inszenierung und der physisch sehr präsenten Mala Emde ("303") mitreißendes Kino.


An Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei" erinnert "Und morgen die ganze Welt" mit den jungen Protagonist*innen und ihrem politischen Engagement ebenso wie durch die Unmittelbarkeit der Inszenierung. Auch der Winston Churchill und Georges Clemenceau zugeschriebene Satz "Wer unter 30 nicht links ist, hat kein Herz. Wer über 30 noch immer links ist, hat keinen Verstand!" findet sich in beiden Filmen, der Ton von Weingartners Film war aber viel verspielter. Als Vorbild sieht so Julia von Heinz vielmehr Margarethe von Trottas 1981 entstandenen Spielfilm "Die bleierne Zeit", in dem anhand der Ensslin-Schwestern die Frage nach der vertretbaren und wirkungsvollen Form des Widerstands diskutiert wird.


Dass "Und morgen die ganze Welt" dabei letztlich über die packende Bebilderung der Geschichte nicht hinauskommt, lässt sich ebenso verschmerzen, wie der Umstand, dass die rechte Szene, die unübersehbar der AfD nachgebildet ist, eine gesichtslose Masse bleibt und auch die Mitglieder der Antifa außer Luisa, Alfa, Lenor und Batte kein Profil gewinnen. Der Dringlichkeit und dem Engagement dieses Films tun diese Defizite kaum einen Abbruch.


Wie hier die hochbrisante Frage nach Möglichkeiten des Widerstands gegen antidemokratische, fremdenfeindliche Strömungen diskutiert wird, packt nämlich nicht nur, sondern zwingt den Zuschauer durch Verzicht auf Antworten auch, sich selbst dieser Frage zu stellen und eine Antwort zu suchen. – Dass Julia von Heinz diese brennend aktuelle Frage nicht in Form einer trockenen Abhandlung, sondern in einem spannenden Kinostück verhandelt, ist dabei nicht die kleinste Stärke dieses Films.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos - z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan.


Trailer zu "Und morgen die ganze Welt"