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  • AutorenbildWalter Gasperi

The Bikeriders

Jeff Nichols erzählt, inspiriert von Danny Lyons Fotobuch "The Bikeriders", anhand der Geschichte des fiktiven Motorradclubs Vandals von Freiheitssehnsucht und einem Umbruch der US-Gesellschaft in den frühen 1970er Jahren: Ein unaufgeregter, atmosphärisch dichter und von einem großartigen Ensemble getragener Bikerfilm.


Auf Anhieb schaffte der 1978 geborene Jeff Nichols mit seinem Familiendrama "Shotgun Stories" 2007 den Durchbruch. Mit "Take Shelter" (2011) ließ er ein meisterhaftes psychologisches Drama um einen zunehmend in eine Paranoia gleitenden Familienvater folgen, während er sich beim Jugendfilm "Mud" (2012) an Mark Twains "Tom Sawyer und Huckleberry Finn" orientierte. Auch wie er in "Loving" (2016) anhand einer gemischtrassigen Liebesgeschichte vom Rassismus in den USA der späten 1950er Jahre erzählte, begeisterte.


Mit dem an die Filme Steven Spielbergs erinnernden Science-Fiction-Drama "Midnight Special" (2016) konnte Nichols die in ihn gesetzten hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen, doch nach acht Jahren Pause meldet er sich nun mit "The Bikeriders" zurück. Zurück ist er damit aber auch im amerikanischen Mittelwesten, in dem "Shotgun Stories" und "Take Shelter" spielten, und bei der Auseinandersetzung mit einer sich cool und machohaft gebenden, aber im Grunde fragilen amerikanischen Männlichkeit, die schon diese beiden Filme bestimmte.


Geprägt ist diese Männlichkeit hier von Kinobildern, wenn der Lastwagenfahrer und Familienvater Johnny (Tom Hardy) durch eine TV-Ausstrahlung des Marlon Brando-Klassikers "The Wild One" inspiriert wird, den Motorradclub Vandals zu gründen. Sein geistiger Ziehsohn Benny (Austin Butler) erinnert in Styling und Kleidung dagegen unübersehbar an James Dean, der vor allem in Nicholas Rays "Rebel Without a Cause" gegen die normierte kleinbürgerliche Gesellschaft rebellierte.


Doch von diesen Männerfilmen hebt sich "The Bikeriders" ab, indem Nichols ihm eine weibliche Perspektive verpasst. Nicht aus der Sicht der Club-Mitglieder wird nämlich erzählt, sondern vielmehr berichtet Kathy (Jodie Comer), die sich in einer Bar auf den ersten Blick in Benny (Austin Butler) verliebte und ihn wenige Wochen später heiratete, retrospektiv in zwei auf 1965 und 1973 datierten Interviews dem Journalisten Danny (Mike Faist) über ihre Erfahrungen mit dem Club.


Kathy hält so nicht nur den Film zusammen, sondern ihr Voice-over ermöglicht auch eine Raffung der Ereignisse und schafft zugleich Distanz zu den Aktionen der Männer. So wird der Glorifizierung der Biker, die man auch nur in wenigen Szenen auf ihren Motorrädern sieht, mehr in Bars herumsitzen oder sich zum Picknick treffen, wo Rennen gefahren oder Machtkämpfe ausgefochten werden, entgegengearbeitet.


Mit einer harten Einstiegsszene baut Nichols aber auch schon das Bild einer Gegenkultur auf, die – wie im Klassiker "Easy Rider" - von der konservativen US-Gesellschaft nicht akzeptiert und toleriert wird. Brutal wird hier Benny vor einer Bar niedergeschlagen, als er sich weigert seine Vandals-Jacke auszuziehen.


Diese Opposition zur amerikanischen Mehrheitsgesellschaft wird auch sichtbar, wenn Club-Chef Johnny beim Begräbnis eines ihrer Mitglieder von der Mutter des Toten angespuckt und vom Vater vertrieben wird.


Gleichzeitig feiert Nichols aber doch auch die Freundschaft und Loyalität dieser eingeschworenen Gruppe, wenn Johnny mit seiner Truppe auf den Übergriff auf Benny mit einer brutalen Vergeltungsaktion reagiert. Ein Zweikampf um Benny entwickelt sich dabei, denn einerseits möchte Johnny ihn zu seinem Nachfolger machen, andererseits drängt Kathy ihn, aus dem Motorradclub auszusteigen und ein bürgerliches Leben zu beginnen. – Doch Benny scheint die Freiheit über alles zu gehen und sich weder von seiner Frau noch von seinem Mentor einfangen zu lassen.


Gleichzeitig spielt in Dialogen aber auch immer wieder der Vietnam-Krieg herein und eine Wende der US-Gesellschaft um 1970 wird sichtbar, wenn einem Faustkampf unter Club-Mitgliedern am Beginn am Ende ein Messerkampf gegenüberstehen soll, der dann ganz anders verläuft, und der Loyalität Johnnys ein junger Biker gegenübersteht, der für die Aufnahme bei den Vandals ohne mit der Wimper zu zucken, seine Freunde im Stich lässt.


So erzählt Nichols von der Korruption des Freiheitstraums der alten Biker, die neben immer ihrem Hobby immer auch einem bürgerlichen Beruf, vorzugsweise als Mechaniker, nachgingen, durch eine Ausweitung der Bewegung durch junge Kriminelle und traumatisierte Vietnam-Heimkehrer, die Drogen und Prostitution in die Szene bringen.


Großes Gespür beweist Nichols, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, in der atmosphärisch dichten Zeichnung des Biker-Milieus sowie deren Protagonisten. Markante Charaktere zeichnet er mit dem jungen Benny, der scheinbar unfähig ist, Gefühle zu zeigen, bis schließlich doch die Tränen durchbrechen, und dem charismatischen Anführer Johnny, der im Grunde doch nur einen Nachfolger sucht.


Perfekt besetzt sind nicht nur diese beiden Figuren mit Austin Butler und Tom Hardy, sondern auch die weiteren Bandmitglieder erhalten durch treffliches Casting markante Züge. Wie genau dieses Milieu und diese Figuren hier getroffen werden, macht der Nachspann mit originalen Fotos von Danny Lyon deutlich.


Stark macht "The Bikeriders" dabei auch, dass sich Nichols ganz auf das Milieu dieses Motorradclubs beschränkt, die bürgerliche Gesellschaft nur in wenigen Szenen als Gegenwelt ins Spiel bringt. Zentrum des Films ist aber die britische Schauspielerin Jodie Comer als Kathy. Sie ist praktisch die einzige Frau in dieser Männerwelt, kommt in der Bikerwelt auch kaum vor, hat aber eine tragende Funktion als Erzählerin.


Auch wenn sie schließlich Benny zu domestizieren scheint, bleibt das Ende dennoch großartig ambivalent, wenn Nichols einerseits ein bürgerliches Glück beschwört, andererseits aber auf der Tonspur dröhnende Motoren signalisieren, dass Bennys Traum immer noch irgendwo anders liegt.

 

 

The Bikeriders USA 2023 Regie: Jeff Nichols mit: Tom Hardy, Michael Shannon, Boyd Holbrook, Jodie Comer, Austin Butler, Norman Reedus, Damon Herriman Länge: 117 min.


Läuft derzeit in den Kinos


Trailer zu "The Bikeriders"



 

 

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