• Walter Gasperi

Swallow


Materiell fehlt es der jungen Hunter an nichts, doch zunehmend schluckt sie als Reaktion auf gesellschaftlichen Druck und ein kindliches Trauma Dinge, die eigentlich ungenießbar sind. - Carlo Mirabella-Davis visuell brillantes Psychodrama ist bei Koch Films auf DVD und Blu-ray erschienen.


Von der Luxusvilla der Conrads öffnet sich durch die breite Fensterfront ein weiter Blick auf den Hudson River und die dahinter liegenden Wälder. Aus einfachen Verhältnissen ist die junge Hunter (Haley Bennett) durch die Heirat mit dem Unternehmersohn Ritchie (Austin Stockwell) in diese Welt der Reichen und Schönen aufgestiegen.


In steril sauberen Bildern und kräftigen Farben beschwört Carlo Mirabella-Davis in seinem Regiedebüt diese Hochglanz-Welt, lässt aber gleichzeitig auch die Leere dahinter spüren. Die junge Ehefrau vertreibt die Langeweile mit dem Reinigen des Pools, Kochen und anderer Hausarbeit sowie Handy-Spielen, doch wirklich glücklich scheint sie in dem goldenen Käfig nicht zu sein.


Harmonisch scheint die Ehe zunächst, doch bald werden Risse sichtbar: Wenn Hunter beim Essen mit der Familie etwas erzählen will, hört niemand zu, sondern rasch wird das Thema gewechselt und mit Nachdruck beklagt sich ihr Mann, als sie durch Bügeln seine Seidenkrawatte beschädigt hat. Nicht als gleichwertige Person wird sie akzeptiert, sondern sie wird zum schönen Objekt degradiert, mit dem man sich schmückt.


Noch größer wird der Druck auf Hunter, als sie schwanger wird und alle von ihr erwarten, dass sie einen Erben gebärt. Sichtbar wird dabei, dass auch Ritchie in Abhängigkeit von seinen Eltern steht, der Vater ihn zwar zum Geschäftsführer der Firma macht, er dafür in seinem Sinne agieren muss. Auch seine Mutter glaubt, sich stets in Hunters Leben einmischen zu müssen.


Die junge Frau reagiert auf die Kontrolle und Überwachung, indem sie zuerst eine Glasmurmel schluckt, dann weitere ungenießbare Gegenstände von einer Sicherheitsnadel bis zu einer Batterie. Als diese Gegenstände beim Ultraschall entdeckt werden und sie operiert wird, stellt die Familie einen Aufpasser an ihre Seite und schickt Hunter, die zudem durch ihre Herkunft traumatisiert ist, zur Psychotherapie. Doch die Erhöhung des Drucks verstärkt nur Hunters Essstörung, sodass ihre Schwiegereltern auf eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik drängen.


Von Pica-Syndrom spricht man bei der Essstörung, an der Hunter leidet. Die Krankheit nützt Mirabella-Davis, um mit einer starken Haley Bennett in der Hauptrolle von den psychologischen Auswirkungen von Druck und Kontrolle zu erzählen. Dies betrifft nicht nur die Gegenwart, sondern auch in der schockierenden Erzählung Hunters über ihre Herkunft wird auch die einstige und immer noch ungebrochene Herrschaft der Männer über die Frauen sichtbar.


Wird Hunter in ihren Handlungen weitgehend von Schwiegervater und Ehemann gesteuert, so gewinnt sie im Schlucken die Kontrolle über sich selbst zurück. Mit ihren durchaus auch schmerzhaften Akten setzt sie aktive Entscheidungen und dokumentiert diese auch, indem sie die geschluckten Dinge nach der Ausscheidung reinigt und fein säuberlich auf einem Tablett ablegt.


Dass "Swallow" wie Polanskis "Ekel", den Mirabella-Davis auch als Vorbild nennt, dabei ganz im Alltäglichen bleibt, trägt wesentlich zur Wirkung dieses Thrillers bei, der durch die Fokussierung auf die Protagonistin nicht nur packt, sondern auch verstört.


An Sprachversionen bieten die bei Koch Films erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras umfassen neben einem Interview mit dem Regisseur Carlo Mirabella-Davis den Originaltrailer und eine Bildergalerie.


Trailer zu "Swallow"