• Walter Gasperi

Streaming: Les particules


Neu bei filmingo.ch zum Streamen: Ein introvertierter Jugendlicher und die Teilchenforschung in Cern. – Nichts scheinen diese Dinge miteinander zu tun zu haben, doch Blaise Harrison verbindet sie zu einem ungewöhnlichen spröd-poetischen Coming-of-Age-Film mit Fantasy-Momenten.


Der etwa 18-jährige Pierre-André, den alle nur P.A. (Thomas Daloz) nennen, besucht im französisch-schweizerischen Grenzgebiet um das Forschungszentrum Cern die Abschlussklasse eines internationalen Gymnasiums. Er ist ein schweigsamer Teenager, sitzt im Bus meist allein und sieht seltsame Landschaftsveränderungen und Naturvorgänge, wenn er aus dem Fenster blickt. Da beunruhigt nicht nur ein mächtiger Vogelschwarm, sondern auch eine Wiese scheint in die Erde zu sinken oder ein Marder, der über ein Feld läuft, scheint sich in Teilchen aufzulösen.


Trotz seiner Introvertiertheit und Verträumtheit hat P.A. in seinen Mitschülern Cole, Merou und JB Freunde, mit denen er in der Freizeit herumhängt, in einer Garage Musik macht, bei einem Dealer Gras raucht, Campen geht oder feiert. In der Schule langweilt man sich dagegen, bringt Mathe- und andere Unterrichtsstunden irgendwie hinter sich, auch wenn die Matura näher rückt.


Glücklich scheint P. A. aber nicht zu sein. Sein Blick auf ein sich küssendes Paar oder die Freundin des Dealers verrät, dass er sich auch nach einer Beziehung mit einem Mädchen sehnt. Vor allem für die deutsche Mitschülerin Roshine (Néa Lüders) scheint er sich zu interessieren, doch als er mit ihr allein in einem Zimmer ist, kommt kaum ein Gespräch auf. Doch obwohl er unsicher und unbeholfen agiert, interessiert sich Roshine dennoch für ihn.


Keine große Handlung entwickelt der französisch-schweizerische Regisseur Blaise Harrison. Vielmehr versucht er die schwierige Gefühlswelt eines Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsenenalter in seinem wortkargen und leisen ersten Spielfilm über das Atmosphärische zu vermitteln.


Die winterlich-frostige Stimmung korrespondiert so mit P. A.s Verschlossenheit und Sprödheit. Wie die Landschaft scheint auch der Teenager sich abzukapseln. Gleichzeitig bringt Harrison über den Schauplatz auch das Forschungszentrum Cern ins Spiel, in das P.A. mit seiner Klasse einmal eine Exkursion macht.


Wie hier mit dem größten Teilchenbeschleuniger der Welt 100 Meter unter der Erde versucht wird, das Rätsel des Ursprungs des Kosmos und des Lebens zu lösen, so versucht an der Erdoberfläche P. A. seinen Platz im Leben zu finden.


Nicht nur das Unerklärliche verbindet dabei die beiden Ebenen, sondern Harrison lässt die Teilchenforschung in die Wahrnehmung von P. A. einfließen, wenn sich in seinen Augen beim Funkenflug bei einem Lagerfeuer Gesichter in Lichtpunkte auflösen, um sich dann wieder zu materialisieren.


Ein Fantasy-Element bringt Harrison damit in „Les particules“, die diesem Debüt, dessen starke Cinemascope-Bilder von Kameramann Colin Lévèque immer wieder die Teenager in der weiten Landschaft isolieren, ebenso wie die langsam gleitenden Flugaufnahmen und die kalte Winterstimmung eine ganz eigene, mysteriöse oder auch magische Note verleihen.


Wesentlich zum Gelingen des Films trägt aber auch das jugendliche Ensemble bei. Echt und natürlich wirken diese Charaktere wohl auch deshalb, weil Harrison den Schauspielern viel Freiraum beim Entwickeln der Szenen und Rollen ließ. Vor allem Thomas Daloz gelingt es dabei in diesem ungewöhnlichen und gerade dadurch schönen Coming-of-Age-Film eindrücklich die Unsicherheit und Verlorenheit von P.A., der bis zum Ende unergründlich und bewusst wenig fassbar bleibt, zu vermitteln.


Streaming in der Schweiz und in Liechtenstein auf filmingo.ch .


Trailer zu "Les particules"