• Walter Gasperi

Small Axe


Steve McQueens Fernsehserie gibt in fünf voneinander unabhängigen Filmen Einblick in die afrobritische Community von 1968 bis 1982 und ihren Kampf gegen Rassismus: Die mitreißende, atmosphärisch dichte und herausragend gespielte Geschichtsschreibung von unten ist bei Polyband in einem Mediabook auf DVD erschienen.


Nach seinem Erfolg mit dem Sklavendrama "12 Years a Slave" arbeitete Steve McQueen mit "Small Axe" erstmals fürs Fernsehen. Als Sohn von Eltern, die aus der Karibik stammen, war er prädestiniert für diese BBC-Produktion über die filmisch bislang wenig präsente afrobritische Community, der hier ein Denkmal gesetzt wird.


Den Titel "Small Axe" übernahm McQueen von einem jamaikanischen Sprichwort und dessen Verwendung in Bob Marleys gleichnamigem Song. Mit der Textzeile "If you are the big, big tree, let me tell you that: we are the small axe, ready to cut you down" wird dabei auf den mühsamen und langwierigen Kampf der scheinbar schwachen Black Community gegen Diskriminierung in einer übermächtigen weißen Gesellschaft verwiesen.


Black Empowerment und Black Pride sind so die zentralen Themen der fünf Filme, die zwar voneinander unabhängig sind, die man aber aufgrund der Chronologie in der vorgegebenen Reihenfolge anschauen sollte. Durchgängig werden die Stärkung schwarzen Selbstbewusstseins durch die atmosphärisch dicht beschriebene Black Community und die Entwicklung einer schwarzen Identität beschworen.


Zeitlich spannt sich der Bogen der fünf zwischen 63 und 127 Minuten langen Filme von 1968 bis zu den frühen 1980er Jahren. Historische Ereignisse wie der Prozess gegen die "Mangrove Nine", die nach einem Protestmarsch gegen die rassistische Polizei 1970 wegen Aufruhrs angeklagt wurden, oder die Geschichte des schwarzen Polizisten Leroy Logan und des schwarzen Schriftstellers Alex Wheatle stehen neben dem von Erfahrungen von McQueens Tante inspirierten "Lovers Rock".


Der breit ausholenden Erzählung von "Mangrove", die sich über zwei Jahre erstreckt und nach einer dichten Schilderung der Schikanen gegen die schwarze Community in Notting Hill im zweiten Teil zum packenden Gerichtsdrama mutiert, steht die Fokussierung auf eine Nacht in "Lovers Rock" gegenüber. Mit treibender Musik beschwört McQueen in diesem Film, der allen Liebenden und Musikliebhabern gewidmet ist, mit der Schilderung einer privaten Party afrobritischen Gemeinschaftssinn und Lebensfreude.


Dem historischen jamaikanisch-stämmigen Polizisten Leroy Logan ("Red, White, Blue"), der seinen Job als studierter Biologe aufgab und in die Polizei eintrat, um dort für die Rechte der Schwarzen und gegen den strukturellen Rassismus zu kämpfen, steht in "Education" der fiktive 12-jährige Kingsley gegenüber, der vom Direktor seiner Schule auf die Sonderschule geschickt wird, in der praktisch kein Unterricht gehalten wird und die Diskriminierung durch fehlende Bildung verstärkt wird.


Diese Benachteiligung von Klein auf wird auch an der Geschichte des Schriftstellers Alex Wheatle deutlich, der in einem Pflegeheim unter weißen Kindern aufwuchs und erst als Teenager in der Black Community seine Identität zu entwickeln lernte und schließlich im Gefängnis den Weg von der Musik zur Literatur fand.


Jeder der fünf Filme beleuchtet einen unterschiedlichen Aspekt schwarzen Lebens in England. Der Bogen der Protagonisten spannt sich vom Kind ("Education") über Teenager und eine erste Liebe ("Lovers Rock") und jüngere Erwachsene ("Alex Wheatle" und "Red, White, Blue") bis zum Restaurantbesitzer Frank Crichlow ("Mangrove").


Immer wieder lässt McQueen dabei auch mit Alt und Jung unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen. So stehen in "Mangrove" den jungen und gebildeten afrobritischen Aktivist*innen der ältere Restaurantbesitzer gegenüber, der sich mit der Diskriminierung abgefunden hat. In "Red, White, Blue" wiederum kommt es zum familiären Konflikt, weil Logans Vater aufgrund rassistischer Erfahrungen erbitterter Gegner der Weißen ist und nicht akzeptieren will, dass sein Sohn zur Polizei geht, um das System von Innen zu ändern.


Durchgängig thematisiert McQueen aber auch die Bedeutung der Bildung beim Weg aus der Diskriminierung. So können sich die jungen juristisch geschulten Aktivist*innen in "Mangrove" selbst vor Gericht verteidigen und viel Wert auf die Ausbildung ihrer Kinder legt Logans Vater ebenso wie die Mutter in "Education" und auch Alex Wheatle gelingt über die Literatur der Aufstieg.


Ganz auf die schwarze Community fokussiert McQueen dabei, die Weißen bleiben weitgehend außen vor. Unterstützt von einem perfekt gewählten und großartig spielenden Ensemble und mit großem Gespür für das Milieu beschwört der Oscar-Preisträger dicht die Atmosphäre in der afrobritischen Community. Schonungslos deckt er Rassismus und Diskriminierung auf, beschwört aber in seinen durch Reggae-Musik immer wieder sehr musikalischen Filmen in dieser Geschichtsschreibung von unten vor allem die Stärke der Solidarität, des Gemeinschaftssinns und fördert so schwarze Identitätsbildung und Stolz auf die eigenen Wurzeln.


An Sprachversionen bieten die beiden bei Polyband in einem Mediabook erschienenen DVD die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie englische Untertitel. Die Extras umfassen drei Featurettes, in denen Regisseur, Executive Producerin Tracey Scoffield und Schauspieler*innen über Entstehung und Hintergrund von "Mangrove", "Lovers Rock" und "Red, White, Blue" sprechen.


Trailer zu "Small Axe"