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  • Walter Gasperi

Schienenschlacht – La bataille du rail (1946)


Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs erzählte René Clement mit einer an den italienischen Neorealismus erinnernden Authentizität vom Kampf der französischen Bahnarbeiter gegen die deutschen Besatzer. Der in seiner dokumentarischen Kraft immer noch mitreißende Film ist bei Film- und Fernsehjuwelen auf DVD und Blu-ray erschienen.


Schon in den letzten Kriegsmonaten entstanden viele Szenen zu René Clements dokumentarischem Spielfilm. Dass er vorwiegend auf Laien statt auf professionelle Schauspieler – Frauen gibt es praktisch keine im Film – setzte, verleiht "Schienenschlacht" von Anfang an große Authentizität: Die Bahnarbeiter werden hier nicht gespielt, sondern jeder Handgriff wirkt echt.


Ein Insert informiert über die Teilung Frankreichs in eine von den Nazis besetzte Zone und das unbesetzte Vichy-Regime. Auch die zentrale Bedeutung der Eisenbahn wird herausgestrichen, um sogleich zu zeigen, wie in Verstecken in den Zügen verfolgten Menschen die Flucht über die Demarkationslinie ermöglicht wurde.


Nur kurz werden aber diese Aktionen angeschnitten, um sich dann den Sabotageakten zuzuwenden. Die unterschiedlichsten Möglichkeiten vom Durchschneiden einer Ölleitung über Beschädigung von Werkzeug bis zum Bombenanschlag werden gezeigt. Kein Protagonist kristallisiert sich heraus, vielmehr ist "Schienenschlacht" ein Kollektivfilm. Wie in der Realität das Kollektiv der Gleisarbeiter, die mit den Beamten in den Bahnhöfen und Büros kooperieren, im Zentrum stehen, so drücken sie auch dem Film ebenso den Stempel auf wie die expressiven Schwarzweißbilder von Kameramann Henri Alekan.


Schon zum Vorspann sieht man hier den Qualm der Dampflokomotiven und immer wieder rückt Alekan eindrücklich diese Kolosse ins Bild. Er macht deren Ungestüm erfahrbar, indem er zeigt, wie das Gestänge die Räder in Bewegung setzt und die Züge durch die weite Landschaft donnern. - "Schienenschlacht" gehört zweifellos auch zu den großen Eisenbahnfilmen der Filmgeschichte.


Aber auch die rigorosen Strafmaßnahmen der Nazis werden nicht ausgespart, wenn ausführlich die Hinrichtung mehrerer Saboteure gezeigt wird. Während einer nach dem anderen erschossen wird, fokussiert Alekans Kamera immer auf dem Gesicht des Mannes, der als letzter hingerichtet wird und in den Sterbesekunden auf eine Spinne an der Mauer blickt.


Auch bei einem Angriff auf einen Panzerzug zeigt Clement mit schonungslosem Realismus die Brutalität des Krieges und die Härte der Gegenschläge der deutschen Wehrmacht: Scheinen die angreifenden Widerstandskämpfer zunächst den Sieg davonzutragen, sterben sie bald der Reihe nach im deutschen Maschinengewehr- und Geschützfeuer.


Von kleineren Sabotageakten wendet sich der Film mit der Nachricht von der Landung der Alliierten in der Normandie zunehmend spektakuläreren Aktionen zu. Alles unternehmen nun die Bahnarbeiter, um den deutschen Nachschub an die Westfront zu unterbinden. In einer spektakulären Aktion wird so ein Zug mit rund einem Dutzend deutschen Panzern zum Entgleisen gebracht.


Die Kraft eines sowjetischen Revolutionsfilm und die Authentizität der frühen neorealistischen Filme von Roberto Rossellini ("Roma, città aperta"; "Paisá") strahlt "Schienenschlacht" nicht nur durch seine dokumentarischen Bilder, sondern auch durch das Vertrauen auf ein Kollektiv und die Konzentration auf den Widerstandskampf aus. Hier gibt es keine privaten Hintergrundgeschichten, kein vorher und kein nachher, kein Psychologisieren und auch keine stringente Handlung, sondern Momentaufnahmen unterschiedlicher Aspekte dieses Kampfes.


Pathos fehlt freilich vor allem im Nachspanninsert "Es lebe Frankreich und der Widerstand. Ehre den Eisenbahnern" nicht. Kritik hat diese Verherrlichung der französischen Bahn in späteren Jahren hervorgerufen, denn mit diesem Loblied auf den Widerstand habe man über die Kollaboration der Eisenbahner, die es auch gab, hinwegtäuschen wollen.


Und nicht zu übersehen ist auch, dass nur ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Seiten sich im Indochina-Krieg genau verkehrten und nun die Franzosen die brutalen Besatzer waren, während die Vietnamesen mit ähnlichen Sabotageakten wie die Eisenbahner im Film Widerstand leisteten.


Doch trotz dieser Einwände ist "Schienenschlacht" ein bleibendes und immer noch eindrückliches und in Zeiten des Ukraine-Kriegs auch aktuelles Zeugnis für einen erfolgreichen Widerstandskampf der scheinbar Schwächeren und der Kraft, die aus dem leidenschaftlichen Engagement für die Heimat und die Freiheit entstehen kann.


An Sprachversionen verfügen die bei Film- und Fernsehjuwelen erschienene DVD und Blu-ray über die französische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie über englische Untertitel. An Extras gibt es neben dem deutschen Kinotrailer auch die DEFA-Fassung und der DEFA-Vorspann. Dazu kommt ein sehr informatives 28-seitiges Booklet mit Texten von Ralf Schenk zu Inhalt und Geschichte des Films, zu Regisseur René Clement und Kameramann Henri Alekan sowie Auszüge aus zahlreichen Rezensionen zum Film.



Trailer zu "Schienenschlacht - La bataille du rail"



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