• Walter Gasperi

Rebellion gegen den gefühlskalten Übervater: Die Fonda-Familie


On Golden Pond (Marc Rydell, 1981)

Abonniert auf die Rolle des aufrechten Amerikaners war Henry Fonda, doch im realen Leben machte er als Vater keine gute Figur. Kein Wunder, dass seine Kinder Jane und Peter Fonda gegen ihn auch mit ihren Filmrollen rebellierten, doch nicht nur sie, sondern auch Enkelin Bridget Fonda trat in die Fußstapfen des gefühlskalten Patriarchen. – Das Berner Kino Rex widmet der Schauspielerfamilie im Juli und August eine Filmreihe.


In Hollywoods goldenen Jahren 1939 und 1940 gelang dem 1905 in Nebraska geborenen Henry Fonda (1905 – 1982) der Durchbruch. In John Fords Steinbeck-Verfilmung "The Grapes of Wrath" (1940) brillierte er ebenso als aus dem Gefängnis Entlassener, der mit seiner Familie nach Verlust der Farm im klapprigen LKW Richtung Westen zieht, wie als junger Abraham Lincoln in dem ebenfalls von Ford gedrehten "Young Mr. Lincoln" (1939). Im Anwalt, der sich in der amerikanischen Provinz für die Schwachen einsetzt, ließ er schon das Engagement des späteren Präsidenten durchschimmern, und empfahl sich gleich selbst für weitere derartige Rollen. Mehrmals spielte er im Laufe seiner Karriere fiktive US-Präsidenten, hielt von den realen Amtsinhabern aber wenig und bezeichnete Nixon als "Brechmittel" und Reagan als "Grundübel, mit dem wir in die Katastrophe steuern".


Aber auch den Grundstein für sein Image als aufrechter Amerikaner legte er mit diesen Rollen. So spielte er in William A. Wellmans Lynchdrama "The Ox-Bow-Incident" (1943) einen Cowboy, der sich gegen Lynchjustiz ausspricht, aber nichts gegen die Meute ausrichten kann. Erfolgreicher war er eineinhalb Jahrzehnte später in Sidney Lumets klassischem Gerichtsdrama "Twelve Angry Men" ("Die zwölf Geschworenen", 1957), in dem er als einziger Geschworener seine Kolleg*innen in mühsamem Ringen zu akribischer Prüfung der Indizien und Zeugenaussagen und gegen vorschnelle Verurteilung des Angeklagten bewegen kann.


Dass er auch das Zeug zum Komödianten hatte, bewies Fonda an der Seite von Barbara Stanwyck in Preston Sturges´ Screwball-Comedy "The Lady Eve" ("Die Falschspielerin", 1941), aber bekannter bleibt er doch für so ernste Rolle wie die eines unschuldig eines Bankraub beschuldigten Kleinbürgers in Alfred Hitchcocks fast dokumentarisch inszeniertem "The Wrong Man" (1957).


Die größte Wirkung als Schauspieler erzielte er freilich, als er 1968 in radikalem Bruch seines Images in Sergio Leones «C´era una volta il west» («Spiel mir das Lied vom Tod») den brutalen Killer Frank spielte, der auch nicht davor zurückschreckt Kinder zu töten.


Auf Oscar-Ehren musste Fonda aber nach einer Nominierung 1941 für "The Grapes of Wrath" lange warten. Einen Ehrenoscar für sein Lebenswerk verlieh die Academy ihm deshalb 1981, ehe er im folgenden Jahr nur wenige Monate vor seinem Tod doch auch noch für seine Verkörperung eines verbitterten alten Manne in Mark Rydells Familiendrama "On Golden Pond" (1981) als bester Hauptdarsteller mit der begehrten Statuette ausgezeichnet wurde.


Das einzige Mal spielte er in diesem Film auch an der Seite seiner Tochter Jane und alles andere als harmonisch war das Familienleben. Seine zweite Frau, die Mutter von Jane und Peter Fonda, schnitt sich in der Psychiatrie die Kehle durch, nachdem ihr Henry wenige Monate zuvor die Scheidung angekündigt hatte. Der damals 12-jährigen Jane erzählte man jedoch, dass ihre Mutter einem Herzinfarkt erlegen sei.


Als gefühlskalt und unnahbar erschien dieser Patriarch, für den immer der Beruf wichtiger als die Familie war, seinen beiden Kindern, die Revolte gegen diesen Übervater war damit fast schon vorprogrammiert. Konträr zu Henrys Bild vom aufrechten Amerikaner stieg die 1937 geborene Jane in den 1960er Jahren speziell mit ihrer Rolle in Roger Vadims poppigem Science-Fiction-Film "Barbarella" (1967) zum Sexsymbol auf.


Doch darauf ließ sich Jane Fonda nie reduzieren, sondern wurde auch zu einer markanten Stimme der amerikanischen Gegenkultur. Ihr Engagement gegen den Vietnamkrieg und eine Reise nach Nord-Vietnam brachte ihr den Spitznamen "Hanoi Jane" ein, in den 1990er Jahren wurde sie mit Aerobic-Videos zur Wegbereiterin der Fitness-Bewegung und in den letzten Jahren engagierte sie sich für den Klimaschutz.


Auch schauspielerisch trat sie aber bald aus dem Schatten ihres Vaters. Mit Rollen in Sidney Pollacks Depressionsdrama "They Shoot Horses, Don´t They" ("Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" 1969), Arthur Penns "The Chase" (1966) und der Verkörperung einer Prostituierten in Alan J. Pakulas düsterem Thriller "Klute" (1971), für die sie ihren ersten Oscar erhielt, machte sie zu einer der zentralen Schauspielerinnen des New Hollywood.


Auf den Leib geschrieben war ihr wohl die Titelrolle in Joseph Loseys Verfilmung von Henrik Ibsens Theaterstück "Nora" (1971), während ihre Rolle im Vietnam-Heimkehrer-Drama "Coming Home" (1978), das ihr den zweiten Oscar einbrachte, wie ein Reflex auf ihr gesellschaftspolitisches Engagement wirkt. Schon ein Jahr später folgte eine weitere Oscar-Nominierung für ihre engagierte Verkörperung einer Fernsehjournalistin im Thriller "The Chinese Syndrom" (1979), der packend vor den Gefahren von Atomkraftwerken warnt.


Die Rollen und Filme der 1980er Jahre können mit diesen Höhepunkten nicht mithalten und von 1990 bis 2005 legte Fonda eine Pause als Schauspielerin ein. Seither war sie zwar wieder in Kino und TV zu sehen, aber entweder in kleineren Filmen oder in Nebenrollen wie in Paolo Sorrentinos "Youth" (2015).


Sich von Vater und Gesellschaft abheben und gegen das Establishment rebellieren, wollte nach ersten Rollen als romantischer Liebhaber auch Janes drei Jahre jüngerer Bruder Peter Fonda (1940 – 2019). Nach der Rolle eines Anführers einer Motorradgang in Roger Cormans "The Wild Angels" (1966) und im Drogenfilm "The Trip" (1967), wurde er mit dem Kultfilm "Easy Rider" (1969), in dem er nicht nur Captain America spielte, sondern auch an Drehbuch und Produktion beteiligt war, zu einer Ikone der Gegenkultur.


Mit dem elegischen Western "The Hired Hand" ("Der weite Ritt", 1971) wechselte er auch auf den Regiestuhl, doch den Erfolg von "Easy Rider" konnte Peter Fonda nie mehr wiederholen, auch wenn ihm unter anderem in "Ulee´s Gold" (1997) als Ex-Vietnamsoldat, der nun in den Sümpfen Floridas Bienen züchtet, und in Steven Soderberghs Rachedrama "The Limey" (1999) starke schauspielerische Leistungen gelangen.


Eine Schauspielkarriere schlug auch Peters 1964 geborene Tochter Bridget ein. Schon in "Easy Rider" hatte sie als Fünfjährige einen Auftritt als Kind einer Hippie-Kommune, ihren Durchbruch schaffte sie dann 1992 mit der Hauptrolle in Barbet Schroeders Psychothriller "Single White Female" ("Weiblich, ledig, jung sucht …"). Weitere Rollen unter anderem in Quentin Tarantinos "Jackie Brown" (1997) und Sam Raimis "A Simple Plan" (1998) folgten, doch nach ihrer Hochzeit mit dem Filmkomponisten Danny Elfman 2003 zog sie sich weitgehend vom Filmgeschäft zurück.


Weitere Informationen zu den gezeigten Filmen und Spieldaten: Kino Rex Bern