• Walter Gasperi

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang


Bandit oder Volksheld? – Justin Kurzel zeichnet in expressiver Bildsprache und mit starker Besetzung das Leben des 1880 hingerichteten irisch stämmigen Australiers Ned Kelly nach. Bei Koch Films ist der packende Mix aus Western und Familiendrama auf DVD und Blu-ray erschienen.


Schon mehrfach wurde das Leben des australischen Outlaws Ned Kelly verfilmt. Der 1906 entstandene "Die Geschichte der Kelly-Bande" gilt sogar als erster Langfilm der Filmgeschichte, 1970 spielte unter der Regie von Tony Richardson Mick Jagger den australischen Billy the Kid, 2003 Heath Ledger in Gregor Jordans " Gesetzlos – Die Geschichte des Ned Kelly", dennoch kann der Australier Justin Kurzel ("Die Morde von Snowtown", "Macbeth") dem Stoff neue Seiten abgewinnen.


Ein Insert kündigt an "Nichts von dem, was sie sehen, ist wahr", um gleich darauf als Titel "Die wahre Geschichte von Ned Kelly" folgen zu lassen. Von Anfang an setzt Kurzel damit seine Verfilmung von Peter Careys 2000 erschienenem Roman "True History of the Kelly Gang" ins Spannungsfeld von Fiktion und Wahrheit.


Die subjektive Perspektive verstärkt der 46-jährige Regisseur, indem er Kelly (1855 – 1880) selbst seine Geschichte in einem Brief an seinen Sohn niederschreiben und immer wieder mit Voice-over das Geschehen retrospektiv kommentieren lässt. Auf bildgewaltiges Kino, das nur auf einer großen Leinwand seine ganze Wirkung entfalten kann, stimmen dann auch schon die Flugaufnahmen von einem Mann ein, der durch eine ausgetrocknete Landschaft mit abgestorbenen Bäumen reitet.


Leitmotivisch kehrt dieses Bild wieder, losgelöst ist es von der eigentlichen Handlung, die 1867 einsetzt und die Kurzel in die drei Kapitel "Boy", "Man" und "Monitor" gliedert. Viel Zeit lässt sich der Film für die Schilderung der Kindheit Ned Kellys im australischen Outback. Dem schwachen Vater steht hier eine starke Mutter (Essie Davis) gegenüber, die sich auch prostituiert, um Geld zu bekommen und nach dem Tod des Mannes sogar ihren Sohn an den Banditen Harry Powers (Russell Crowe) verkauft. Wirkt dieser zunächst wie ein gutmütiger Ersatzvater, so erweist er sich bei einer Reise in den Norden als brutaler Killer, der auch Ned zum Morden erziehen will.


Immer wieder deckt Kurzel dabei die große gesellschaftliche Kluft zwischen den irisch-katholischen Kellys, die – das bleibt im Film allerdings unerwähnt - einst als Strafgefangene nach Australien verschifft wurden, und der Polizei der britisch-protestantischen Kolonialherrn auf. Der schäbigen Hütte der Kellys steht so ein luxuriöses Anwesen gegenüber, in das Ned und seine Mutter aufgenommen werden, nachdem Ned den Sohn des Hauses vor dem Ertrinken bewahrt hat.


Nicht nur mit einer nah geführten Handkamera (Ari Wegner), sondern auch mit variantenreicher und ungewöhnlicher Musik (Jed Kurzel), bei der auch Punksongs verwendet werden, zieht Kurzel den Zuschauer ins Geschehen. Er überspringt eine Haft Kellys und lässt den Protagonisten (George MacKay) mit dem Insert "Man" nach mehreren Jahren zu seiner Familie zurückkehren.


Die Kapitelüberschriften machen dabei ebenso wie die wiederholte Aufforderung der Mutter "Sei der Mann, der du werden sollst" deutlich, dass Kurzel hier eine Entwicklungsgeschichte erzählen will. Vom unschuldigen blonden Jungen wird Kelly zum Erwachsenen, der Gewalt noch ablehnt und versucht durch Abmachungen mit den Briten seine Ziele zu erreichen. Erst als dies scheitert, wird er förmlich zur Kampfmaschine, die mit eisernen Rüstungen, die er in Anlehnung an das amerikanische Panzerschiff Monitor für sich und seine Gang anfertigen ließ, den Briten den Krieg erklärt.


Zentral für die Handlung ist dabei Kellys Beziehung zu seiner Mutter, die nach einem Konflikt mit einem britischen Soldaten verhaftet wird, während er flieht und eine Bande gründet. Die Überfälle werden weitgehend ausgespart, im Zentrum steht bis zum Ende der Versuch, die Mutter aus dem Gefängnis in Melbourne zu befreien.


Bewusst Irritation sollen dabei wohl nicht nur beim Gegner, sondern auch beim Zuschauer die Kostüme der Gang auslösen. Diese sind nämlich nicht nur teils historisch und teils modern, sondern die Banditen tragen teilweise auch Frauenkleider, um die Briten zu irritieren. Wie schon in seinem "Macbeth" beweist Kurzel aber auch großes Gespür für starke Kinobilder. Er versteht es meisterhaft die Landschaftstotalen des Outbacks mit Spannung aufzuladen oder in nächtlichen, nur von Kerzenlicht erleuchteten und in Brauntöne getauchten Szenen eine dichte Atmosphäre zu erzeugen.


Mit stroboskopartig flackernden Bildern überträgt Kurzel intensiv die Anspannung und die Raserei bei einem Angriff auf ein Lager von Polizisten, vermittelt andererseits mit dieser expressiven Bildsprache den Wahnsinn des letzten Kampfes, bei der der Zuschauer aus Kellys Perspektive durch den Sehschlitz seiner Rüstung auf die bei Nacht anrückenden Soldaten blickt.


An Sprachversionen bieten die bei Koch Films erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras umfassen ein 45-minütiges deutsch untertiteltes Interview mit Justin Kurzel, kürzere Interviews mit den Hauptdarstellern, ein 30-minütiges Feature "Behind the Scenes" sowie eine Bildergalerie und den Trailer.


Trailer zu "Outlaws - Die wahre Geschichte der Kelly Gang"