• Walter Gasperi

Nightmare Alley


Visuell brillant und stark gespielt: Guillermo del Toros erzählt in seinem Remake eines Film noirs von 1947 über einen betrügerischen Mentalisten sehr chic und stylisch von Schuld, Gier und Skrupellosigkeit, von Aufstieg und tiefem Fall.


Schon ein Jahr nach dem Erscheinen von William Landsay Greshams Roman wurde "Nightmare Alley" ("Der Scharlatan") von Edmund Goulding verfilmt. Zu den weniger bekannten Filmen des klassischen Film noir gehört dieses Werk und gut tat der Mexikaner Guillermo del Toro daran, dass er keinen Säulenheiligen dieser Stilrichtung wie Billy Wilders "Double Indemnity", Otto Premingers "Laura", Jacques Tourneurs "Out of the Past" oder eines der zahlreichen anderen gerühmten und berühmten Meisterwerke dieser prägenden Stilrichtung des US-Kinos ausgewählt hat.


Aus den 111 Minuten bei Goulding werden bei del Toro 150 Minuten. Ausführlicher kann er so das Jahrmarkt-Milieu schildern, eine Atmosphäre aufbauen und den Zuschauer in die fremde Welt und Zeit versetzen.


Mit einer kryptischen Szene, in der der Protagonist Stanton Carlisle (Bradley Cooper) einen Toten zusammen mit einem einsam auf einem weiten Feld stehenden Haus abfackelt, lässt del Toro sein Remake beginnen. Ein Schatten überlagert damit den Film, denn klar ist, dass sich in dieser Szene ein Geheimnis und eine Schuld Carlisles versteckt.


Ungewöhnlich für einen klassischen Film noir spielt "Nightmare Alley" nicht in der unmittelbaren Nachkriegszeit, sondern in den noch von der Depression geprägten späten 1930er Jahren und nicht in einer düsteren Großstadt, sondern zumindest im ersten Teil in einer ländlichen Region. Die Reise führt Carlisle so zu einem Jahrmarkt, bei dem der abgebrannte Mann gern jeden Gelegenheitsjob annimmt. Er versteht es aber auch die Leute genau zu beobachten, von ihnen zu lernen und langsam aufzusteigen.


Unübersehbar von Tod Brownings legendärem "Freaks" beeinflusst ist die Schilderung dieses Milieus mit einem Kleinwüchsigem, einer Wahrsagerin (Toni Collette), einem Mentalisten (David Straithairn) und einem brutal gedemütigten und ausgebeuteten Menschen, den man als Freak dem sensationsgierigen Publikum präsentiert. Dem Mentalisten schaut Carlisle dessen Tricks ab, schlüpft nach dessen Tod in diese Rolle, beginnt eine Beziehung mit der älteren Wahrsagerin ebenso wie mit der jüngeren Molly (Rooney Mara), bis ihm das schäbige Milieu zu wenig ist.


Mit Molly verlässt er den Jahrmarkt, macht sie zu seiner Assistentin und feiert in der Stadt in vornehmen Clubs mit seinen Auftritten Erfolge. Hand in Hand gehen dabei Betrug mit einer genauen Beobachtungsgabe und Einschätzung der Menschen, doch dann findet er in der blonden Psychoanalytikerin Lilith Ritter (Cate Blanchett), die sichtlich nach der Film noir Ikone Lauren Bacall gestylt ist, ein mindestens gleichwertiges Gegenüber.


Dem klassischen amerikanischen Genre-Kino gehört Guillermo del Toros große Liebe. Nachdem er mit "Crimson Peak" bildstarken Gothic Horror bot und mit dem Oscar gekrönten "The Shape of Water" Jack Arnolds "The Creature of the Black Lagoon" seine Reverenz erwies, arbeitet er sich hier am Film noir ab. Auf Modernismen und ironische Spielereien verzichtet er dabei. Auch die Verknüpfung mit dem zeithistorischen Hintergrund, der den fantastischen "Pans Labyrinth" und "The Shape of Water" bestimmte, beschränkt sich hier auf Nachrichten über den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.


Dicht evoziert er dafür durch die Ausstattung von Tamara Deverell und die Licht- und Farbdramaturgie von Kameramann Dan Laustsen die Atmosphäre des Jahrmarkts, der in der zweiten Hälfte moderne Stadtarchitektur gegenübersteht. Pulsierende, düstere und irrationale frühere Welt trifft damit gewissermaßen auch auf die von kalten Betonbauten und strengen Linien bestimmte Moderne.


Konstante aber ist die menschliche Gier und das Streben nach Aufstieg, aber auch Schuldgefühle, die sich nicht auf Dauer verdrängen lassen. Immer wieder brechen so bei Carlisle bruchstückartige Erinnerungen an die Eröffnungsszene durch, immer skrupelloser wird er bei seinen Methoden. Doch auch bei den angesehenen und reichen Bürgern der städtischen Gesellschaft wird schließlich Schuld sichtbar, die Carlisle mit Unterstützung Ritters finanziell auszunutzen versucht.


Getragen von einem starken Bradley Cooper, hinter dessen äußerer Sanftheit immer der unbedingte Wille, mit allen Mitteln einen gesellschaftlichen Aufstieg und Ausbruch aus dem Jahrmarktmilieu zu erreichen, spürbar ist, entwickelt del Toro langsam, aber dicht die Handlung. Passender für das schäbige Jahrmarktmilieu wäre zwar die schmutzige Ästhetik eines kleinen B-Films gewesen, doch die visuelle Brillanz beschert Augenschmaus und die hochkarätige Besetzung, aus der neben Cooper wieder einmal Willem Dafoe als Jahrmarkt-Chef und Cate Blanchett als eiskalte Blondine herausstechen, sorgen dafür, dass "Nightmare Alley" über zweieinhalb Stunden hochwertige und spannende Unterhaltung bietet, auch wenn die Geschichte von den Abgründen der menschlichen Seele speziell im amerikanischen Kino natürlich schon oft erzählt wurde.



Nightmare Alley USA 2021 Regie: Guillermo del Toro mit: Bradley Cooper, Cate Blanchett, Toni Collette, Willem Dafoe, Rooney Mara Länge: 150 min.


Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Skino Schaan und in St. Gallen


Trailer zu "Nightmare Alley"