Der Mann auf dem Kirchturm
- Walter Gasperi

- vor 8 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Edwin Beeler spürt nicht nur dem Leben seines Großvaters nach, sondern zeichnet beiläufig auch das Bild eines verschwundenen Schweizer Dorflebens, patriarchaler Strukturen und eines familiären Traumas: Ein sehr behutsamer und berührender Dokumentarfilm, der gerade in der Fokussierung auf einer privaten Geschichte Universalität gewinnt.
Zunächst einmal ist "Der Mann auf dem Kirchturm" eine große Liebeserklärung des Filmemachers Edwin Beeler an seinen Großvater. In einer Mischung aus alten Schwarzweißfotos, inszenierten Szenen mit einem Jungen (David Meile) beim Spiel oder beim Stöbern im Dachboden als Beelers Alter Ego sowie einem ruhigen Off-Kommentar, der vom Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart gesprochen wird, vermittelt der 67-jährige Luzerner, wie er in seiner Kindheit bei seinem Großvater Ruhe und Geborgenheit fand und wie dieser im ganzen Dorf geschätzte Kaminkehrer für ihn ein Vorbild war, dem er nacheifern wollte.
Ausgehend von dieser Kindheitserinnerung spürt Beeler, der nicht nur für Regie und Drehbuch, sondern auch für Kamera und Schnitt verantwortlich zeichnet, mit Fotos, Archivmaterial, Interviews mit seiner 88-jährigen Mutter ebenso wie mit weiteren Verwandten und Zeitzeugen aus dem Dorf dem Leben seines Großvaters nach. Dicht zeichnet er das Bild einer vergangenen Zeit, in der einerseits die Wohnverhältnisse ärmlich waren und man nicht nur Kaninchen, sondern auch Katzen, Hunde und Füchse aß, es andererseits aber auch ein reges gesellschaftliches Leben im Dorf mit Gasthäusern, Nikolausumzügen, kirchlichen Festen und Faschingsfeiern gab.
Beiläufig wird der Wandel sichtbar, wenn ein historisches schwarzweißes Foto des am Zugersee gelegenen Dorfes Oberägeri in ein aktuelles Bild übergeht, das die Verbauung sichtbar macht, oder wenn die Kamera zur Aufzählung der früheren Spitznamen der Familien über moderne Einfamilienhäuser und Luxuswohnsiedlungen gleitet. Hier wird nicht nur der Armut der Mitte des 20. Jahrhunderts der heutige Reichtum gegenübergestellt, sondern die Bilder vermitteln auch einen Eindruck von der Gentrifizierung und dem Verschwinden des Dorflebens.
Im Zentrum steht aber immer Beelers Großvater Johann Nussbaumer, der schon mit seinem heute nahezu ausgestorbenen Beruf des Kaminkehrers auf eine andere Zeit verweist. Über sein Leben wird in dem sorgfältig recherchierten Film aber auch Einblick in die damaligen, auch von der Religion geförderten Geschlechterrollen geboten, nach denen die Männer mit ihrer Arbeit das Geld nach Hause bringen mussten und Frauen auf den Haushalt reduziert wurden. Sichtbar wird dabei auch der Wandel des innerfamiliären Umgangs, wenn die Interviewten schildern, wie damals über Gefühle weder gesprochen noch diese ausgedrückt wurden und auch der Begriff Depression unbekannt war.
Diese aber trat mit einem Sturz von einem Dach ins Leben des Dachdeckers und Kaminkehrers, der doch allen als Glücksbringer galt. Langsam nähert sich Beeler in behutsamer Erzählweise und stimmiger Mischung der unterschiedlichen filmischen Elemente über die Lebensgeschichte seines Großvaters dessen Suizid im Jahr 1989. Der starke Mann, der immer auf die höchsten Türme stieg, hatte sich im Keller erschossen. Im Dunkeln liegt bis heute das Motiv für diese Tat.
Trotz der dramatischen Ereignisse, bleibt die Erzählweise aber ruhig und zurückhaltend. Nichts wird aufgebauscht, sondern die Dinge sind eben so wie sie sind und immer wieder wirft Beeler, der mit diesem Film auch ein persönliches Trauma verarbeitet, Fragen auf, die vielfach unbeantwortet bleiben, und regt damit die Zuschauer:innen an, selbst darüber zu reflektieren.
Aber nicht nur durch die Erzählweise, sondern auch durch die zutiefst persönliche Geschichte wird man in diesen Dokumentarfilm langsam, aber intensiv hineingezogen. Die Spurensuche im Leben des Großvaters wirft das Publikum unweigerlich auf sich selbst zurück, lässt an die eigenen Vorfahren und Familiengeschichte denken und löst vielleicht sogar eine ähnliche Spurensuche und Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte aus.
Der Mann auf dem Kirchturm
Schweiz 2025
Regie: Edwin Beeler
Dokumentarfilm mit: Anna Beeler-Nussbaumer, Agatha Schuler-Nussbaumer, Ruth Besmer-Nussbaumer, Erich Nussbaumer
Länge: 80 min.
Läuft ab Donnerstag, dem 15.1. in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen (Vorpremiere mit Edwin Beeler am 13.1. um 18.15 Uhr)
Trailer zu "Der Mann auf dem Kirchturm"




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