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  • AutorenbildWalter Gasperi

La chimera


Magischer Realismus kennzeichnet Alice Rohrwachers Spielfilm über eine Gruppe von Grabräubern in Etrurien: Ein in seiner verspielt-poetischen Erzählweise, in seinem visuellen und erzählerischen Einfallsreichtum einzigartiger Film.


Nach "La meraviglie – Land der Wunder" (2014) und "Lazzaro felice – Glücklich wie Lazzaro" (2018) schließt Alice Rohrwacher mit "La chimera" (2023) ihr Triptychon über ihre etrurische Heimat ab. Im Mittelpunkt von "La chimera", der Anfang der 1980er Jahre spielt, steht der Engländer Arthur (Josh O´Connor), der nach einer Haftstrafe wegen Grabraubs mit dem Zug in die toskanische Heimatstadt seiner verstorbenen Geliebten Beniamina zurückkehrt.


Mögen der Schaffner und die Mitreisenden bei dieser Zugfahrt schon etwas schräg wirken, so bekommt dieser Auftakt durch eine parallele Szene gegen Ende des Films plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Was nämlich auf den ersten Blick real wirkt, kann bei Rohrwacher immer ins Magisch-Mythische kippen. Keine Spielerei ist so auch, wenn das Bild mehrfach auf dem Kopf steht, sondern ein Perspektivenwechsel wird damit signalisiert und indirekt Fragen nach Leben und Tod, nach Oberwelt und Unterwelt, in die der Film manchmal real und manchmal mythisch abtaucht, aufgeworfen.


Wie sehr Arthur immer noch unter dem Tod seiner Geliebten leidet, machen schon am Beginn im 16-mm-Format gedrehte Aufnahmen von Beniamina spürbar. Ganz nah am Gesicht der jungen Frau, die mit ihrem Lachen Lebensfreude ausstrahlt, ist dabei die Kamera. Offen bleibt, wie sie umgekommen ist, doch wie Orpheus seine Eurydike scheint auch Arthur seine Beniamina zurückholen zu wollen.


Eine besondere Beziehung scheint er so zur Unterwelt entwickelt zu haben, denn er kann mit einer Wünschelrute unterirdische Hohlräume und Grabkammern ausfindig machen. Wieder wird er so mit befreundeten Grabräubern, sogenannten Tombaroli, nach Gräbern suchen, doch zunächst führt ihn sein Weg ins halbverfallene Anwesen von Beniaminas Mutter Signora Flora (Isabella Rossellini).


Hier begegnet er der jungen Italia (Carol Duarte), die mit ihrer Lebensfreude einen Gegenpol zum melancholischen und wortkargen Arthur darstellt. Werden in der baufälligen Villa Machtverhältnisse sichtbar, wenn Signora Flora Italia nicht nur Gesangsunterricht erteilt, sondern auch als Dienerin herumkommandiert, so steht dieser hierarchischen Struktur gegen Ende des Films eine rein weiblich besetzte Kommune gegenüber, die einen stillgelegten Bahnhof mit dem sprechenden Namen Reparbella renoviert.


Diesem "Reparieren des (verfallenden) Schönen", in dem die Natur mit den verwachsenden Geleisen Terrain zurückgewinnt, steht nicht nur die Ausbeutung des Alten durch die Grabräuber gegenüber, sondern auch eine hässliche Industrielandschaft an der Küste. Diese steht nicht nur in unmittelbarer Nähe der Jahrtausende alten Gräber, sondern von ihr fließt auch giftiges Abwasser ins Meer.


Wie mit dem Gegensatz eines wild wuchernden ländlichen Etruriens und der Küstengegend so spielt Rohrwacher auch mit dem Kontrast von armen Grabräubern, die vom großen Geld träumen, und den eigentlichen Profiteuren, des Kunstraubs, die in einem städtischen Glas- und Stahlpalast ihre Fäden ziehen, lange aber für die Handlanger unsichtbar bleiben.


Immer wieder durchbricht die Italienerin aber auch die vierte Wand und damit den Illusionscharakter, wenn sie Figuren direkt in die Kamera sprechen lässt. Dann hält sie wieder die Handlung quasi an, um mit einem Lied das Geschehen zusammenzufassen und auf den Punkt zu bringen. Aber auch Szenen, in denen durch Beschleunigung der Bildgeschwindigkeit slapstickhafte Momente erzeugt werden, sorgen für eine Brechung des Realismus.


Denn so realistisch die Schauplätze sind, die Rohrwachers Stammkamerafrau Hélène Louvart mit federleichten und lichtdurchfluteten impressionistischen Bildern intensiv einfängt, und so klare kapitalismuskritische Akzente gesetzt werden, so bleibt "La chimera" auf der anderen Seite doch immer auch märchenhaft und poetisch. Diese Richtung wird schon durch den Titel vorgegeben, der sich auf das mythologische Mischwesen bezieht und für Rohrwacher etwas ist, was verschiedene Formen annimmt und wie der Traum der kleinen Grabräuber vom großen Reichtum nicht zu fassen ist.


Aber auch der Film selbst scheint sich formal dieses Mischwesen einverleibt zu haben, wenn Rohrwacher zwischen realistischen und magischen Szenen, zwischen Bewegung und Stillstand in den Gesangsnummern, deren Bandbreite sich von Opernarien über italienische Balladen bis zu Popsongs erstreckt, zwischen Stadt und Land, Oberwelt und Unterwelt pendelt und zudem bei den Filmformaten 35mm, Super-16mm und 16mm mischt.


Ebenso kunstvoll wie verspielt-poetisch lässt "La chimera" dabei Vergangenheit und Gegenwart aufeinanderprallen und fragt nach unserer Wertschätzung und Ehrung des Alten ebenso wie nach dem heutigen Zustand der Gesellschaft. Was mit Worten ausgedrückt aber plakativ und platt wirkt, das wird in "La chimera" auf filmisch so singuläre Weise verhandelt, dass Rohrwachers vierter Spielfilm letztlich schwer zu fassen und mit Worten zu beschreiben ist: Man muss dieses märchenhafte Wunderwerk selbst gesehen haben.


La chimera Italien / Frankreich / Schweiz 2023 Regie: Alice Rohrwacher mit: Josh O’Connor, Carol Duarte, Isabella Rossellini, Alba Rohrwacher, Vincenzo Nemolato, Giuliano Mantovani, Melchiorre Pala, Gian Piero Capretto Länge: 133 min.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.



Trailer zu "La chimera"



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