• Walter Gasperi

I wie Ikarus


Yves Montand kommt als Generalstaatsanwalt bei den Ermittlungen zum Attentat auf einen Präsidenten einer Verschwörung auf die Spur. – Henri Verneuils fesselnder Politthriller aus dem Jahr 1979 ist bei Pidax Film auf DVD und Blu-ray erschienen.


Die Motorrad-Eskorte der Polizei als Schutz für den soeben wiedergewählten Präsidenten, der in seiner offenen Limousine, von Menschenmassen bejubelt, durch eine Stadt fährt, die leicht veränderten US-Flaggen mit den Farben rot und blau, ein Mann auf einem Hochhaus, der einen Anschlag vorbereitet. - Die Anspielungen auf die Ermordung von John F. Kennedy am 22.11. 1963 in Dallas sind unübersehbar, doch Henri Verneuil lässt seinen Politthriller, den er in den von modernen Betonbauten dominierten Villes nouvelles vor Paris gedreht hat, in einem namenlosen Land spielen. Und auch das Vorspann-Insert aus Boris Vians Roman "Der Schaum der Tage" "Diese Geschichte ist vollkommen wahr, weil ich sie von Anfang bis Ende erfunden habe" weist schon auf das Wechselspiel von Realität und Fiktion hin.


Einen Wissensvorsprung haben die Zuschauer*innen, wenn die Theorie vom Einzeltäter von Anfang an widerlegt wird. Denn das Gewehr von Karl Eric Daslow – der Nachname ist ein Anagramm des mutmaßlichen Kennedy-Mörders Lee Harvey Oswald – ist nicht geladen, für die tödlichen Schüsse ist ein anderer verantwortlich. Wie der reale Oswald wird auch Daslow kurz nach dem Anschlag auf den Präsidenten getötet, seine Ermordung wird aber als Selbstmord inszeniert.


Das leicht anonymisierte historische Ereignis dient Henri Verneuil nur als Ausgangspunkt für seinen fesselnden Thriller. Die Haupthandlung setzt ein Jahr später mit der Vorlage des umfangreichen Untersuchungsberichts ein, mit dem der Fall abgeschlossen und die These vom Einzeltäter abgesegnet werden soll. Auch dabei orientiert sich Verneuil am Kennedy-Mord und dem Ergebnis der realen "Warren-Kommission".


Wie im Kennedy-Fall der Staatsanwalt Jim Garrison so will in "I wie Ikarus" der Generalstaatsanwalt Henri Volney (Yves Montand) diesem Bericht nicht zustimmen. Volney glaubt vielmehr, dass hinter dem Untersuchungsergebnis von oberster Stelle gewünschte Vorgaben stehen. So beginnt er mit seinem kleinen Team den Fall nochmals – und diesmal genauer – aufzurollen.


Bald stößt Volney auf Widersprüche in den Aussagen der Zeugen, die teilweise inzwischen auch schon auf mysteriöse Weise ums Leben kamen. Fotos entpuppen sich als manipuliert und die Einschätzung des vermeintlichen Täters Daslow als psychisch krank stellt sich als überhaupt nicht abgesichert heraus. Vielmehr entdeckt Volney, dass Dazlow an einem universitären Experiment zur Autoritätshörigkeit teilnahm und sich dabei als leicht manipulierbar erwies.

Neben der konzentrierten Inszenierung der Recherche, bei der Verneuil mit Sachlichkeit und Realismus statt mit Action hohe Spannung aufbaut, ist die rund 15-minütige Nachstellung des berühmten Milgram-Experiments zweifellos ein Höhepunkt des Films. Beklemmend, weil auf Fakten beruhend, vermittelt Verneuil hier ein beunruhigendes Bild der Autoritätsgläubigkeit von Menschen, die bereit sind, im Auftrag einer höheren Macht wie Uni-Professoren, die durch ihre weißen Kittel Autorität ausstrahlen, Menschen auf Befehl zu bestrafen.


Prägnant wird mit diesem Experiment Einblick in die allgemeinen Mechanismen von Macht, Hörigkeit und deren Folgen geboten und am konkreten Beispiel Dazlows veranschaulicht: Manipuliert von Strippenziehern, glaubte er einer guten Sache zu dienen, wurde aber nur benutzt.


Sukzessive verdichten sich Indizien für eine Verschwörung, bei der der Geheimdienst als Staat im Staat die Beseitigung eines Präsidenten, der die Macht dieser Organisation beschränken wollte, beseitigte. Wie der mythologische Ikarus der Sonne, kommt aber auch Volney mit seinen Recherchen der Wahrheit zu nahe.


Kein bisschen verstaubt ist dieser inzwischen 45 Jahre alte Politthriller. In seiner sachlichen Inszenierung, bei der aber auch klassische Thrillermomente wie das angstvolle Warten in einer nächtlichen Telefonzelle nicht zu kurz kommen, und seinem inhaltlichen Tiefgang fesselt "I wie Ikarus" immer noch.


Ganz auf die Recherche konzentriert sich Verneuil, erst ganz am Ende bekommt der von Yves Montand intensiv gespielte Generalstaatsanwalt mit dem Anruf bei einer oder seiner Frau den Hauch einer Backstory. Ein Privatleben schien er davor nie zu haben. So sehr verbohrte er sich in den Fall, dass er praktisch Tag und Nacht im Büro am Fall arbeitete und dabei auch die Zeit völlig vergaß: Als eindrücklichen Solitär der unkorrumpierbaren Rechtschaffenheit, der in einer undurchschaubaren Welt unermüdlich nach der Wahrheit sucht, baut Verneuil seinen Protagonisten auf.


An Sprachversionen bieten die bei Pidax Film erschienene DVD und Blu-ray die französische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. – Extras fehlen leider.


Trailer zu "I wie Ikarus"