• Walter Gasperi

Großstadtterror und Kleinstadthorror: John Carpenter


John Carpenter (geb. 16.1. 1948)

Mit "Halloween" begründete John Carpenter 1978 den modernen Horrorfilm, mit "Escape from New York" ("Die Klapperschlange") schuf er 1980 den Prototypen des postapokalyptischen Films. Der Spielboden Dornbirn würdigt diesen Meister des modernen Genrekinos Ende Oktober mit vier Filmen.


Mit dem Niedergang des klassischen Hollywood-Kinos und dem Abdanken der alten Meister wie John Ford, Howard Hawks und Raoul Walsh geriet auch das klassische Genrekino in eine Krise. Die Suche nach neuen Erzählformen und Themen bestimmten das New Hollywood, Gesellschaftskritik gewann an Gewicht, ehe in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre einige Regisseure wieder das Interesse am Genrekino fanden.


Im Gegensatz zu Brian De Palmas lustvollem und zitatenreichem Spiel mit den Filmen Alfred Hitchcocks ("Sisters", "Dressed to Kill") und den stilisierten Actionfilmen und Western eines Walter Hill ("Driver", Long Riders") knüpfte der am 16. Januar 1948 in Carthage, New York geborene und in Kentucky aufgewachsene John Carpenter direkt an seine Vorbilder an.


Nach seinem Studium an der University of Southern California fand schon sein um nur 60.000 Dollar gedrehtes Debüt "Dark Stark" (1973) große Beachtung. Zwischen Parodie auf und Hommage an Kubricks "2001 – A Space Odyssee" pendelnd, durchzieht die Geschichte eines Raumschiffs, dessen Besatzung im Weltall Asteroiden sprengen soll, auch die Sehnsucht nach den naiven Science-Fiction-Filmen der 1950er Jahre.


Zu einem ersten Meisterwerk wurde der drei Jahre später, wiederum mit einem geringen Budget von 200.000 Dollar, aber in Cinemascope gedrehte "Assault on Precinct 13" ("Assault – Anschlag bei Nacht", 1976). Gebündelt finden sich hier schon mehrere inszenatorische Kennzeichen, die auch den folgenden Kassenschlager "Halloween" (1978) sowie den Actionfilm "Escape from New York" ("Die Klapperschlange", 1980) auszeichnen.


Die Handlung setzt jeweils unvermittelt ein und erstreckt sich nur über einen Tag und eng begrenzt ist auch der filmische Raum. Die Inszenierung ist schnörkellos, konzentriert sich auf wenige Figuren und kennt nur ein Thema. Es gibt keine Neben- und (kaum) Vorgeschichten, auf Psychologisieren und Moralisieren wird verzichtet, es geht allein um stringentes und auf Wesentliches verdichtetes Erzählen.


Zunehmend zurückgenommen wird von Film zu Film der Bezug auf Carpenters Vorbilder. Während "Assault on Precinct 13" noch eine in die Gegenwart transponierte Variante von Howard Hawks´ klassischem Western "Rio Bravo" (1959) ist, der bis in einzelne Einstellungen hinein zitiert wird, orientiert sich "Halloween" mit dem Einsatz der subjektiven Kamera immer wieder an Hitchcocks "Psycho" (1960).


Beiläufig werden aber auch weitere Reverenzen an diese Vorbilder eingearbeitet. Da gibt sich Carpenter als Cutter bei "Assault…" mit John T. Chance als Pseudonym den Namen von John Waynes Figur in "Rio Bravo" und der Sheriff in "Halloween" ist mit Leigh Brackett nach Hawks´ bevorzugter Drehbuchautorin Leigh Brackett benannt. Dazu kommt, dass in "Halloween" im Fernsehen unter anderem Hawks´ "The Thing" läuft, den Carpenter 1983 neu verfilmte.


Gemeinsam ist diesen Filmen auch dass Carpenter nicht nur für Regie und – bei "Halloween" zusammen mit Debra Hill – Drehbuch, sondern auch – bei "Escape from New York" zusammen mit Alan Howarth – für die Musik verantwortlich zeichnet. Nicht unwesentlich steigert, der reduziert, aber punktgenau eingesetzte treibende Synthesizer-Soundtrack dabei die Spannung.


Während "Assault" in einem devastierten Viertel von L.A. spielt und "Escape from New York" in einem postapokalyptischen Manhattan, das als einziges riesiges Hochsicherheitsgefängnis fungiert, ist der Schauplatz von "Halloween" die scheinbar idyllische (fiktive) Kleinstadt Haddonfield in Illinois. Spätestens seit Hitchcocks "Shadow of a Doubt" (1942) weiß man freilich, dass auch in diese heile Welt jederzeit das Böse eindringen kann.


Dies ist in "Assault" schon in der ersten Szene präsent, wenn Mitglieder einer Gang bei einem nächtlichen Überfall von der Polizei erschossen werden. Woher die jugendliche Gewalt kommt, die nur zwei Jahre später auch Walter Hill in "The Warriors" ins Zentrum stellte, interessiert Carpenter nicht. Er beschränkt sich darauf zu zeigen, wie die Gangs zurückschlagen, indem sie zuerst auf den Straßen Terror ausüben, dann ein vor der Schließung stehendes Polizeirevier angreifen.


Als Meister der filmischen Inszenierung erweist er sich, wenn er die Gang durch das Viertel fahren lässt, mehrfach eine Gewalttat andeutet, diese aber immer wieder hinauszögert, bis sie doch auf schockierende Weise ausgeführt wird. Spannung entsteht aber auch dadurch, wie die drei zunächst getrennt geführten Erzählstränge mit den Straßengangs, einem Gefangenentransport und der Schließung des Polizeireviers schließlich zusammengeführt werden.


Namen- und gesichtslos bleiben die Mitglieder der Gang dabei weitgehend, Carpenter konzentriert sich ganz auf den Abwehrkampf der in der Polizeistation Eingesperrten. Scheint mit dem ersten Angriff schon ein langes Feuergefecht einzusetzen, so rückt bald die Interaktion zwischen den Eingesperrten ins Zentrum. Eine starke Frau im Stile der Filme von Hawks, die auch äußerlich an Lauren Bacall erinnert, darf hier nicht fehlen, während sich der Sheriff und ein Schwerverbrecher bald auf Augenhöhe begegnen.


Auch "Halloween" war mit einem Budget von 300.000 Dollar eine Low-Budget-Produktion, spielte aber in etwa das 100-Fache ein. Nicht nur mehrere Sequels waren die Folge, sondern mit seinem anonymen Killer wurde dieser Welterfolg auch zum Vorbild für zahlreiche weitere Horrorfilme von "Freitag der 13." bis "Nightmare on Elm Stream".


Die ganze Meisterschaft Carpenters zeigt sich dabei schon in der furiosen, rund sechsminütigen Plansequenz, mit der "Halloween" beginnt: Aus der Perspektive eines heimlichen Beobachters beobachtet man ein junges Pärchen in einem Haus, betritt bald das Haus und steigt die Treppe hinauf, wo es im Schlafzimmer zum Mord kommt. Der größte Schock freilich folgt, wenn der Täter auf die Straße tritt, seine Maske lüftet und die subjektive Perspektive der Kamera aufgegeben wird.


15 Jahre überspringt Carpenter nach diesem Prolog, um den Killer 1978 am Halloween-Tag in seine Heimatstadt zurückkehren, durch die Kleinstadt schleichen und zunehmend den Teenager Laurie (Jamie Leigh Curtis) und ihre Freundinnen terrorisieren zu lassen.


Genau dosiert ist dabei die Mischung zwischen Suspense, bei dem der Zuschauer weiß, was passieren wird und um die Protagonisten bangt, und Schockmomenten. Rund 40 Minuten lässt sich Carpenter nach dem grandiosen Auftakt zwar Zeit bis zum nächsten Mord, doch kontinuierlich hält er die Spannung durch beunruhigende Beobachtungen hoch. Meisterhaft schiebt er beispielsweise einen Angriff immer wieder auf, baut wie bei einem Druckkochtopf Spannung auf, bis sich diese mit einem Gewaltakt löst.


Den Umstand, dass in New York in den 1970er Jahren das Verbrechen regierte und der Big Apple als eine der gefährlichsten Städte der Welt galt, inspirierte Carpenter zu "Escape form New York", zu dem ihm schon ein Budget von sieben Millionen Dollar zur Verfügung stand. Ganz Manhattan ist hier ein Hochsicherheitsgefängnis, in dem sich die Sträflinge selbst organisieren und aus dem ein Entkommen unmöglich scheint.


Als das Flugzeug des US-Präsidenten hier abstürzt, wird dem frisch verhafteten Snake Plissken (Kurt Russell) Straffreiheit versprochen, wenn es ihm gelingt, den Verunglückten innerhalb von 24 Stunden aus diesem Hexenkessel herauszuholen. Einen doppelten Countdown baut Carpenter auf, indem einerseits ein Atomkrieg droht, wenn der Präsident nicht rechtzeitig bei einem Gipfeltreffen erscheint, andererseits Plissken eine Ampulle injiziert wird, die nach 24 Stunden explodiert und ihn tötet.


Ebenso geradlinig wie einfach aufgebaut ist im Grunde die Handlung, aber mit dem düsteren Setting, markanten und hervorragend besetzten Figuren und stringenter Handlungsführung wird die Spannung durchgehend hochgehalten. Eine starke Identifikationsfigur ist der junge Kurt Russel mit Augenbinde und muskulösem, meist halbnacktem Oberkörper sowie Lederjacke. Mit diesem Protagonisten wird ganz in der Tradition von Howard Hawks das Individuum, das entschlossen handelt, gefeiert, und Spott über Bürokratie und einen Politiker, der nur redet und in der Gefahrensituation völlig hilflos agiert, versprüht.


Steht bei diesen frühen Filmen das Storytelling im Zentrum und bleibt – zumindest explizite – Gesellschaftskritik außen vor, so erdrückt diese förmlich "They Live" ("Sie leben", 1988), den Carpenter nach weniger erfreulichen Großproduktionen wie "The Thing" (1982), "Christine" (1983) und "Starman" (1984) drehte.


Von den ersten Bildern an wird mit einer verdreckten Bahnhofsgegend, einer Jobsuche und einer Obdachlosensiedlung das Bild einer tristen Welt evoziert. Gleichzeitig wird mit der Ankunft eines Fremden in einer Stadt – in diesem Fall L. A. – an die Anfänge von klassischen Western angeknüpft. Ein Prediger, der die Menschen vor Gehirnwäsche warnt, weckt das Interesse des Fremden. Er stößt nicht nur auf weitere Regimegegner, sondern entdeckt auch bald eine schwarze Sonnenbrille, die ihn die Welt ganz anders – viel wahrer - sehen lässt.


Sichtbar wird für ihn dadurch, dass sich hinter scheinbar harmlosen Werbeslogans Aufforderungen zu gehorchen, nicht zu denken, zu konsumieren und weiter zu schlafen verbergen. Als er die Menschen aber auf diese Manipulation und Gehirnwäsche aufmerksam machen will, wird er bald von den Machthabern und ihren Handlangern verfolgt.


Bissige Kritik an der Reagan-Ära will Carpenter, dessen Film unübersehbar von Don Siegels Klassiker "Invasion of the Body Snatchers" (1956) inspiriert ist, üben, doch grob gestrickt ist dieser Film, der zwischen Satire und Action-Film pendelt. Die Feinheit und Brillanz der frühen Filme sucht man hier vergebens, eine Holzhammermethode dominiert und mehr als wirkungsvoll vor gefährlichen Entwicklungen zu warnen, dürfte "They Live" ein Fest für Verschwörungstheoretiker sein und deren Ideen befeuern.


Aber mag die große Zeit dieses Meisters des modernen Genrekinos auch vorüber sein, mit "Assault on Precinct 13", "Halloween" und "Escape from New York" hat er sicherlich zumindest drei Klassiker geschaffen, die ihm einen dauerhaften Platz in der Filmgeschichte sichern.

Spielboden Dornbirn: Fr 23.10, 19.30 Uhr: Assault on Precinct 13 Sa 24.10., 19.30 Uhr: Escape from New York (Die Klapperschlange) Fr 30.10., 19.30 Uhr: They Live (Sie leben)

Sa 31.10., 19.30 Uhr: Halloween

Trailer zu "Assault on Precinct 13"