• Walter Gasperi

Geheimnisvolle Erbschaft – Great Expectations (1946)


David Leans Verfilmung von Charles Dickens´ Spätwerk beeindruckt auch 75 Jahre nach ihrer Uraufführung. Bei Pidax Film ist die atmosphärisch dichte, stringent erzählte und hervorragend besetzte und ausgestattete Literaturverfilmung auf DVD erschienen.


Mehr als ein Dutzend Mal wurde Charles Dickens´ 1861 erschienener Roman seit 1909 verfilmt – fürs Kino ebenso wie als Mini-Serie fürs Fernsehen. Neben werkgetreuen Adaptionen entstanden auch moderne Versionen wie 1998 Alfonso Cuárons Bearbeitung, der mit Ethan Hawke, Gwyneth Paltrow und Robert De Niro in den Hauptrollen die Handlung in die USA der Gegenwart verlegte. Dennoch gilt David Leans 1946 entstandener Film immer noch als herausragend und als Musterbeispiel für eine geglückte Literaturverfilmung.


Wie Dickens lässt Lean seinen Protagonisten Pip rückblickend sein Leben erzählen. Reduziert setzt er zwar nur diesen Off-Erzähler ein, kann damit aber vorzüglich die Handlung raffen, auch mehrere Jahre mit einem Satz überspringen und dem Film einen großen und geschmeidigen Erzählfluss verleihen. Schon mit einer düsteren Friedhofsszene, die starke Parallelen zur Eröffnungsszene des zwei Jahre später entstandenen "Oliver Twist" aufweist, schafft Lean in Zusammenarbeit mit Kameramann Guy Green und Production Designer John Bryan nicht nur eine dichte Atmosphäre, sondern lässt den kleinen Pip auch sogleich eine Begegnung mit einem entflohenen Sträfling machen, die sein Leben als Erwachsener entscheidend beeinflussen wird.


Gestochen scharf sind in dieser neu gemasterten Fassung die Schwarzweißbilder von Green, scharfe Hell-Dunkel-Kontraste und die detailreiche Ausstattung von Bryan, aber auch die bis in die Nebenrollen perfekte Besetzung fügen sich zusammen mit der ökonomischen Erzählweise Leans zu perfekter Filmkunst alter Schule. Prägnant wird dem armen Arbeitermilieu Pips die Welt der verbitterten Miss Havisham (Martita Hunt), die seit einer gescheiterten Beziehung hinter verriegelten Fenstern ohne Licht in ihrem langsam verfallenden, von Staub und Spinnweben überzogenen großen Anwesen lebt, gegenübergestellt.


Pip soll gegen Geld wöchentlich die Lady unterhalten, lernt dabei aber auch die junge Estella kennen, die zur großen Liebe seines Lebens wird. Abrupt ändert sich sein Leben aber, als ein Londoner Anwalt auftaucht und dem inzwischen fast Erwachsenen (John Mills) erklärt, dass ihm ein reicher Gönner, der anonym bleiben will, ein stattliches monatliches Honorar zahlt, wenn er nach London übersiedelt. Dort soll der junge Mann zum Gentleman ausgebildet werden.


Vom Land führt so der Film in die Stadt und vom einfachen Arbeitermilieu in die vornehme Gesellschaft. Statt zum Gentleman wird Pip aber zum Snob, blickt arrogant auf das Milieu seiner Herkunft, doch im Zentrum seiner Gedanken steht immer noch Estella. Mit zügiger Montage fasst der ehemalige Cutter Lean nicht nur Pips gesellschaftliche Erziehung mit Tanz-, Box- und Fechtunterricht zusammen, sondern auch seine Treffen mit Estella bei Tanzveranstaltungen, Bogenschießen oder Eislaufen, arbeitet aber auch Pips wachsende Eifersucht und Enttäuschung heraus, als die Angebetete sich einem anderen zuwendet.


Sicher hält Lean die Erzählung in der Hand, schlägt im Finale den Bogen zum Anfang und lüftet Geheimnisse, bricht aber auch die Finsternis von Miss Havishams Haus auf und führt die Protagonist*innen von der Dunkelheit ins Licht. - Kaum etwas kann man an diesem Film aussetzen, sondern immer noch bezaubert diese "Geheimnisvolle Erbschaft" durch das perfekte Zusammenspiel der kreativen Kräfte.


An Sprachversionen bietet die bei Pidax Film erschienene DVD die englische Original- und die deutsche Synchronfassung, aber keine Untertitel. Die Extras beschränken sich auf eine Bildergalerie, den Kinotrailer und eine Trailershow zu weiteren Filmen dieses Labels sowie den Nachdruck der anlässlich der deutschen Premiere des Films erschienenen Illustrierten Film-Bühne.


Trailer zu "Geheimnisvolle Erbschaft - Great Expectations"