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Gavagai

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit
"Gavagai": Dicht gewobene Satire, die sich einfachen Antworten verweigert.
"Gavagai": Dicht gewobene Satire, die sich einfachen Antworten verweigert.

Ulrich Köhler benützt die konfliktreichen Dreharbeiten zu einer ungewöhnlichen "Medea"-Verfilmung in Senegal und die darauf folgende Premiere in Berlin um Fragen nach Rassismus, Kolonialismus, Machtverhältnissen und Identität aufzuwerfen: Eine dicht gewobene sowohl intellektuelle als auch unterhaltsame Satire, die sich einfachen Antworten verweigert.


Seit der Antike gilt die mythische Figur der Medea nicht nur als Inbegriff der Kindsmörderin, sondern auch als prototypische Migrantin, die in der ihr fremden Kultur ausgestoßen wird. Sie verhalf nämlich dem von ihr geliebten Griechen Jason mit ihren Zauberkräften zwar zum Goldenen Vlies und zur Flucht aus ihrer am Schwarzen Meer gelegenen Heimat, doch in Griechenland wurde sie von Jason bald verlassen.


Mitten hinein in die Dreharbeiten einer Verfilmung von Franz Grillparzers Version des klassischen Stoffes an der senegalesischen Atlantikküste wirft Ulrich Köhler das Publikum. In einer langen Plansequenz erfasst die Kamera von Patrick Orth die Titelfigur mit ihren schon toten Kindern auf einem Boot. Solchen langen ruhigen Einstellungen steht immer wieder eine nah geführte, bewegliche Kamera gegenüber, die nicht nur große Dynamik erzeugt, sondern auch mitten ins Geschehen hineinzieht.


Dicht werden so schon während der Dreharbeiten Spannungen innerhalb des multikulturellen Teams spürbar, dessen kulturelle Differenz auch durch den fließenden Wechsel zwischen Französisch, Englisch, Wolof und Deutsch spürbar wird. Da befetzen sich nicht nur die französische Regisseurin (Nathalie Richard) und die deutsche Hauptdarstellerin Maja (Maren Eggert), sondern auch die afrikanischen Crew-Mitglieder fühlen sich mehrfach benachteiligt und auch Differenzen zwischen dem afrofranzösischen männlichen Hauptdarsteller Nourou (Jean-Christophe Folly) und seinem Vater werden sichtbar.


Denn offensichtlich will sich Nourou im Gegensatz zum Vater nicht zur senegalesischen Kultur bekennen, sondern vielmehr als Europäer angesehen werden. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Affäre zwischen Nourou und Maja, die aber auch in Berlin verheiratet ist und zwei Kinder hat.


So spiegelt sich in der Filmhandlung wiederum der Culture Clash von "Medea", gleichzeitig wird er aber auf den Kopf gestellt, wenn hier die Fremde eine Weiße ist und die Afrikaner der antiken griechischen Kultur entsprechen. Immer wieder gehen dabei Szenen der "Medea"-Verfilmung, bei der der Stoff sehr frei und kühn variiert wird, in Szenen vom Spannungsfeld zwischen weißer Regisseurin und Einheimischen in Senegal und später zwischen dem schwarzen Hauptdarsteller und der weißen Berliner Hotel- und Filmwelt über.


Gleichzeitig wirft Köhler, der als Kind von Entwicklungshelfern vier Jahre im damaligen Zaire aufwuchs, mit der weißen Regisseurin, die mit einem weitgehend einheimischen senegalesischen Team dreht, die Hauptrollen ihres "Medea"-Films aber mit einer Deutschen und einem Afrikaner besetzt, der sich als Europäer sieht, nicht nur Fragen des Kolonialismus auf, sondern stellt auch seinen eigenen Filmdreh in Afrika zur Diskussion.


Nichts wird hier aber aufgesetzt diskutiert, sondern entwickelt sich beiläufig aus der Handlung. Abrupt wechselt Köhler von Westafrika zur bevorstehenden Filmpremiere in Berlin. Zurückhaltend reagiert nun Maja gegenüber Nourou, will ihn nicht in ihr Leben hineinlassen, ergreift aber gleichzeitig vehement für ihn Partei, als er beim Betreten des Hotels im Gegensatz zu anderen Gästen von einem Security-Mann genau kontrolliert wird.


Treffsicher deckt der Film hier das schlechte Gewissen der Hotelleitung auf, wenn diese nun übermäßig zuvorkommend den afrikanischen Gast hofiert, um ja nicht den Vorwurf des Rassismus aufkommen zu lassen. Gleichzeitig wird das Gefälle in der deutschen Gesellschaft sichtbar, wenn dem Management des Hotels der aus Polen stammende Security-Mann gegenübergestellt wird, der als Sündenbock umgehend entlassen wird.


Leichthändig verknüpft Köhler die Neuinterpretation des antiken Mythos mit der Filmhandlung und wirft in Details immer wieder Fragen nach Rassismus, europäischem Überlegenheitsgefühl, aber auch nach Identität und Identitätsverlust in einer globalisierten Welt auf. Klug macht der 57-jährige Deutsche im Changieren zwischen der Perspektive Majas und Nourous dabei deutlich, wie schwierig hier ein eindeutiges Urteil ist.


Eindrücklich zeigt er entsprechend dem Titel "Gavagai", der einem Gedankenexperiment entnommen ist, mit dem der amerikanische Philosoph W.V.O. Quine aufzeigte, dass Übersetzungen nie eindeutig sind, wie leicht durch den Culture- und Sprachenclash Missverständnisse und Konflikte entstehen können. Der offene und ambivalente Blick macht seinen sechsten langen Spielfilm dabei zu einem ebenso spannenden wie intellektuell an- und aufregenden Kinostück, das statt Antworten zu bieten, vor allem beobachtet und die Zuschauer:innen zwingt, sich selbst mit dem komplexen Themenfeld auseinanderzusetzen.

 


Gavagai

Deutschland / Frankreich 2025

Regie: Ulrich Köhler

mit: Nathalie Richard, Maren Eggert, Stacy Thunes, Jean-Christophe Folly, Demet Gül, Anna Diakhere Thiandoum

Länge: 91 min.



Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos.

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 15.7., 18 Uhr + Do 16.7., 19.30 Uhr (mehrsprachige OmU.)



Trailer zu "Gavagai"


 

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