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  • Walter Gasperi

Frühe Filmregisseurinnen: Alice Guy Blaché und Margery Wilson


Noch vor George Méliès drehte die Französin Alice Guy Blaché 1896 den ersten fiktionalen Film. Über 700 weitere kurze Filme entstanden in den folgenden 25 Jahren. Dennoch war Guy Blaché ebenso lange Zeit vergessen wie die Amerikanerin Margery Wilson. Eine in der Edition Filmmuseum erschienene Doppel-DVD ruft diese Pionierinnen des Films nachdrücklich in Erinnerung.


Katja Raganelli zeichnet in ihrer 1997 entstandenen, 60-minütigen Dokumentation "Alice Guy Blaché – Hommage an die erste Filmemacherin der Welt" detailliert das Leben der 1873 geborenen Französin nach. Während die weitgehend stummen Spielszenen mit Eva Mattes als Alice Guy Blaché nur der Illustration dienen, bietet der Off-Kommentar von Raganelli und ein Interview mit der Tochter der Regisseurin vielfältige Informationen. Dazu kommen zahlreiche Ausschnitte aus Guy Blachés Filmen.


Als Sekretärin des Filmproduzenten Louis Gaumont kam Alice Guy schon in den 1890er Jahren in Kontakt mit dem Film und erhielt die Erlaubnis in der Freizeit eine Filmkamera auszuprobieren. So entstand 1896 mit "La fee aux choux" ("Die Fee der Kohlköpfe") der erste fiktionale Film der Filmgeschichte. In der Folge war sie elf Jahre lang die künstlerische Leiterin von Gaumonts Filmproduktion und drehte nicht nur zwei kurze Filme über das Leben Christis (1899 und 1906), sondern wurde auch zu einer Pionierin des Tonfilms, indem sie die Bilder mit Aufnahmen auf einem Phonographen verknüpfte.


Als sie 1906 ein Filmprojekt mit dem britischen Kameramann Herbert Blaché zusammenbrachte, entwickelte sich daraus eine Liebe. Ein Jahr später reiste das Paar nach der Heirat auf Drängen von Louis Gaumont in die USA, um den amerikanischen Markt für Gaumont zu erobern. Daraus wurde allerdings nichts, aber Guy Blaché gründete mit der Solax Company eine eigene Filmproduktion als deren Präsidentin sie von 1910 bis 1914 mehr als 300 Filme produzierte und teils selbst inszenierte.


Obwohl ihr Mann 1917 an der Börse das gemeinsame Vermögen verlor und sie mit einer Schauspielerin verließ, folgte sie ihm nach Hollywood, wo sie für ihn als Regieassistentin arbeitete. Nach dem Misserfolg ihrer letzten offiziellen Regiearbeit "Tarnished Reputation" ließ sie sich 1922 scheiden und zog 1932, nachdem alle Versuche in der Filmindustrie nochmals Fuß zu fassen gescheitert waren, mit ihren Kindern nach Paris.


Lange vergessen erfuhr sie 1958 als 85-Jährige mit der Aufnahme in die Légion d´Honneur doch noch eine späte Ehrung und starb am 24. Mai 1968 im Alter von 95 Jahren in New Jersey.


Neben diesen spannenden biographischen Informationen bietet ein siebenminütiges Featurette mit einem Interview mit Stefan Drössler, dem Direktor des Filmmuseums München, Einblick in die Restaurierung von "Cupid and the Comet – Die Liebe siegt".


Dieser Film von 1911 findet sich ebenso wie vier weitere, jeweils rund 15-minütige Filme aus ihrer amerikanischen Zeit (1912/13) sowie der einige Jahre zuvor in Frankreich entstandene, zweiminütige "La Crinoline – Die Maus in der Krinoline" (1906) auf der zweiten DVD. Die Auswahl bietet einen guten Einblick sowohl in Stil als auch Inhalt der Filme dieser Pionierin.


Wie üblich bei Filmen dieser Zeit ist die Kamera weitgehend statisch und bleibt in der distanzierten Totalen oder Halbtotalen, in der meist ohne Schnitt eine ganze Szene inszeniert werden kann. Nicht mit der Kamera wird hier inszeniert, sondern vor ihr. Innovativ arbeitet Guy Blaché aber beispielsweise bei einem Telefonat in "Canned Harmony" (1912) auch schon mit Splitscreen, vor allem aber überlässt sie den Schauspieler:innen Raum zum Agieren.


Typisch für die Filme der Französin ist die Lust an der Komödie und die Verhandlung von Mann-Frau-Beziehungen. Während in "La Crinoline" eine Maus, die unter den Rock einer Frau schlüpft, für Aufregung sorgt, geht es in den amerikanischen Filmen immer wieder um das Werben von Männern um eine Frau und Hindernisse, die dabei auftauchen.


Während in "Cupid and the Comet" ("Die Liebe siegt", 1911) und "Canned Harmony" ("Konservierte Harmonie", 1912) ein Vater sich gegen die Verbindung seiner Tochter stellt, muss sich in "Playing Trumps" ("Billys Trumpf", 1912) ein Liebhaber gegen zwei Konkurrenten durchsetzen, die ihm mit unfairen Tricks wie dem Anbohren eines Boots oder dem Diebstahl von Autobenzin seine Geliebte ausspannen wollen.


In "The Hater of Women" ("Der Frauenfeind", 1912) wiederum erlauben sich einige Männer einen Scherz mit ihrem Freund, der kein Interesse an Frauen zeigt, dann aber gerade die Gunst einer Millionenerbin gewinnt. Und in "A House Divided" ("Der getrennte Haushalt", 1913) führt ein Parfümgeruch des Mannes, der der Frau unbekannt ist, zu einem Ehekonflikt, bis das Paar doch wieder zusammenfindet.


Die weibliche Handschrift spürt man in diesen Filmen an den starken, von Alice Guy-Blaché selbst gespielten Frauen, denen etwas unbeholfene Liebhaber oder aber autoritäre Väter gegenüberstehen.


In einer zweiten 40-minütigen Dokumentation mit dem Titel "Margery Wilson – Vom Stummfilmstar Hollywoods zur Filmregisseurin" (1998 / 2019) porträtiert Katja Raganelli die Amerikanerin Margery Wilson (1896 - 1986). Raganelli konnte 1982 die laut Film 83-jährige - laut Geburtsdatum aber schon 86-jährige - Wilson noch selbst interviewen. Die lebhaften Ausführungen der hellwachen Frau bieten einen spannenden Einblick ins Hollywood der Stummfilmzeit. Voll Verehrung spricht Wilson so von David Wark Griffith, in dessen "Intolerance" sie in der französischen Episode die Rolle der Brown Eyes spielte.

Weniger erfüllend war dagegen die Zusammenarbeit mit dem Western-Star Will Hart, in dessen Filmen sie immer die gleiche Rolle des unschuldigen passiven Mädchens spielen musste. Aus künstlerischen Gründen beschloss sie deshalb ihre eigenen Wege zu gehen und schuf als Produzentin, Regisseurin und Hauptdarstellerin zwischen 1920 und 1922 "That Something", "The Offenders" und "Insinuation", die aber alle als verloren gelten.


Geschickt bettet Raganelli das Porträt Wilsons, die sich nach ihrer Heirat 1926 vom Filmgeschäft zurückzog und 14 Bücher schrieb, ins Hollywood der Stummfilmzeit ein, in der Frauen in allen Bereichen tätig waren. Kurz vorgestellt werden so auch Mary Pickford, Alla Nazimova, Lois Webber und Dorothy Arzner, der es als einziger gelang ihre Karriere in der Tonfilmzeit fortzusetzen.


An Sprachversionen bietet die in der Edition Filmmuseum erschienene Doppel DVD bei den Dokumentationen die deutsche und eine englisch untertitelte Fassung sowie bei den Stummfilmen neben den englischen Zwischentiteln auch deutsche Untertiteln. Gewählt werden kann auch zwischen einer stummen Fassung und einer Fassung mit Musik von Günter A. Buchwald bzw. Richard Siedhoff. Weiters gibt es als Extra ein 20-seitiges Booklet mit Erinnerungen Katja Raganellis an die Dreharbeiten an den beiden Dokumentationen (deutsch) sowie mit Zeitungsausschnitten und Texten von Alice Guy Blaché und Gertrude M. Pierce (englisch) aus den 1910er Jahren.

Kurze Doku über Alice Guy Blaché



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