• Walter Gasperi

Filmbuch: Volker Schlöndorff im Gespräch


Josef Schnelle bietet in „Im nächsten Leben: Komödie: Volker Schlöndorff im Gespräch“ mit einem ausführlichen Essay und einem langen Interview Einblick in Leben und Werk des deutschen Oscar-Preisträgers, der als Spezialist für Literaturverfilmungen gilt.


Für die Sendung „Lange Nacht“ im Deutschlandfunk zum 80. Geburtstag von Volker Schlöndorff am 31. März dieses Jahres führte Josef Schnelle im Oktober 2018 ein langes Interview mit dem Oscar-Preisträger. Das fast dreistündige Gespräch, das auf der Homepage des Schüren Verlags zum Anhören und Download zur Verfügung steht, diente dem Autor als Grundlage für sein Buch. Der rund 50-seitigen Niederschrift des Interviews geht aber ein rund 90-seitiger Essay voraus, in dem Schnelle in elf Kapiteln Einblick in Leben und Schaffen Schlöndorffs bietet.


Mit dem empathischen Blick des Bewunderers zeichnet der Autor Schlöndorff als Mann mit Eigenschaften, der sich selbst bescheiden als Handwerker sieht, aber immer klar – auch politisch - Position bezog. Ausführlich blickt Schnelle in einem eigenen Kapitel auf Schlöndorffs mit Goldener Palme und Oscar ausgezeichneten Welterfolg „Die Blechtrommel“ und arbeitet heraus, wie hier die Verbindung von „Zirzensischem“ und „Kunstsinnigem“ gelang.


Kurz gestreift werden die fünf Jahre, die der Deutsche in den USA verbrachte und fürs Fernsehen mit Dustin Hoffman die Arthur Miller-Verfilmung „Tod eines Handlungsreisenden“ und das Südstaatendrama „Ein Aufstand alter Männer“ drehte. Nicht fehlen darf auch eine ausführliche Darstellung der prägenden Jahre in Frankreich. Nur für wenige Monate sollte Schlöndorff als 15-Jähriger, um Französisch zu lernen, eine Schule in der Bretagne besuchen, blieb dann aber mit Unterbrechungen zehn Jahre.


Er entdeckte dort nicht nur die Liebe zum Kino, sondern wurde auch Regieassistent von Louis Malle, Alain Resnais und Jean-Pierre Melville. Den Einfluss dieser Lehrzeit auf sein Frühwerk „Der junge Törless“ zeigt Schnelle ebenso auf, wie Schlöndorffs lebenslanges Interesse an französischen Stoffen, das sich in der für den Autor großartigen Proust-Adaption „Eine Liebe von Swann“ und den beiden Spätwerken „Das Meer am Morgen“ und „Diplomatie“ manifestiert.


Keine tiefschürfenden wissenschaftlichen Filmanalysen werden hier geboten, sondern in lockerem, leicht lesbarem Erzählton bringt Schnelle dem Leser das Werk Schlöndorffs näher. Unter dem Titel „Homo politicus“ blickt er auf dessen politischen Filme „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Deutschland im Herbst“, „Die Stille nach dem Schuss“ und „Der neunte Tag“ und zeichnet im Abschnitt „Seelenverwandtschaften“ Francois Truffauts Aussage folgend, dass man, um einen Film zu machen, Komplizen brauche, auf die man sich verlassen kann, die Zusammenarbeit Schlöndorffs mit wiederkehrenden Mitarbeitern nach.


An erster Stelle geht es dabei natürlich um Margarethe von Trotta, mit der Schlöndorff von 1971 bis 1991 verheiratet war, die an mehreren Drehbüchern mitarbeitete, bei mehreren Filmen Co-Regisseurin war und in „Der Fangschuss“ die Hauptrolle spielte. Aber auch die Bedeutung des Drehbuchautors Jean-Claude Carrière, die Unterschiedlichkeit der Arbeit der Kameramänner Franz Rath, Igor Luther und Sven Nykvist und die Rolle der Komponisten der Filmmusik wird anschaulich dargestellt.


Als zentral sieht Schnelle in der Nachfolge von Bela Balazs die Rolle der Schauspieler an, die er als „Dichter des Films“ bezeichnet. Speziell auf die Besetzung und das Spiel von Rainer Werner Fassbinder in „Baal“, David Bennent in „Die Blechtrommel“ und Sam Shepard in „Homo Faber“ geht der Autor dabei genauer ein.


Nicht fehlen darf natürlich bei diesem Regisseur ein Kapitel, das ihn als Meister der Literaturverfilmung präsentiert: Von Robert Musils „Der junge Törless“ über Günther Grass´ „Die Blechtrommel“ und die beiden Max Frisch-Adaptionen „Homo Faber“ und „Rückkehr nach Montauk“ spannt Schnelle hier der Bogen und geht schließlich auch der Frage nach autobiographischen Momenten in diesen Filmen nach.


Manchmal schießt Schnelle dabei in der Bewunderung doch etwas über das Ziel, wenn er immer wieder von Meisterwerken spricht, wenn er Schlöndorff als den „prominentesten deutschen Filmemacher“ (S. 91) bezeichnet, und feststellt dass er mit „Der junge Törless“ das deutsche Nachkriegskino wie kein anderer geprägt habe (S. 91) oder mit „Die Blechtrommel“ Filmgeschichte geschrieben habe (S. 91).


Auch im Interview geht es natürlich um den Welterfolg mit „Die Blechtrommel“, aber auch um Schlöndorffs Faible für Literaturverfilmungen und die Zusammenarbeit mit Autoren wie Heinrich Böll, Günther Grass und Arthur Miller. Ausführlich spricht der 80-Jährige auch über seine Jugend, filmische Sozialisation und Lehrzeit in Frankreich, aber auch über seine Begeisterung für die amerikanische Kultur, sein Erleben der Anfänge des Neuen Deutschen Films in den späten 1960er Jahren, die Arbeit mit den Schauspielern sowie über nicht realisierte Projekte und aktuelle Pläne erzählt er.


Abgerundet wird das mit zahlreichen Schwarzweißbildern von den Dreharbeiten verschiedener Filme aufgelockerte Buch durch eine tabellarische Übersicht über Schlöndorffs Leben und eine Filmografie, die allerdings seltsamerweise erklärtermaßen nicht vollständig ist.


Josef Schnelle, Im nächsten Leben: Komödie. Volker Schlöndorff im Gespräch, Schüren Verlag, Marburg 2019, 168 S., € 18, ISBN 978-3-7410-0338-7


Trailer zu "Die Blechtrommel"